Ehud Barak ist so mächtig in Israel, dass sich niemand einen Alltag ohne ihn vorstellen kann. Als der Verteidigungsminister vor wenigen Monaten seinen Rücktritt bekannt gab, weigerte man sich, ihm zu glauben. «Das ist nicht das Letzte, was wir von ihm in Israels öffentlichem Leben gesehen haben», schrieb die «Haaretz» trotzig. Barak steht seit 50 Jahren im Dienst des Staates Israel – erst als Offizier, dann als Militärchef und schliesslich als Verteidigungsminister und Premier Israels.

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Als er abtrat, dankte Barak unter anderem dem Geheimdienst. Diesen Mann hat nun die Bank Julius Bär als Berater verpflichtet. «Was für ein Coup», sagt der Nahost-Verantwortliche einer Konkurrenzbank. Man wolle von Baraks ausgezeichnetem Netzwerk zu Israels Elite profitieren, heisst es bei Julius Bär hinter den Kulissen. Israel gehört wie der restliche Nahe Osten und Lateinamerika zu den definierten Wachstumsmärkten der Bank.

Anfällig für Skandale

Der Deal ist ein Schachzug, wie ihn Banken und Versicherer seit Jahren tun. Immer wieder kaufen Unternehmen prominente Ex-Politiker als Berater ein, um auf fremdes Terrain vorzudringen oder wertvolle Brücken in die Sphären politischer Macht zu schlagen. So setzte die UBS einst bei ihrer Deutschland-Expansion auf Hessens Ex-Ministerpräsident Roland Koch, die Zurich verpflichtete den britischen Ex-Premier Tony Blair als Berater, die Credit Suisse den deutschen Ex-Kanzler Helmut Kohl als sogenannten Beirat. Die Politprofis verleihen den Unternehmen Glanz und öffnen ihnen mit ihren Netzwerken Türen. Doch genau das ist auch gefährlich: Wer viele Kontakte und einen reichen Erfahrungsschatz hat, ist auch anfällig für Skandale.

Die Credit Suisse erlebte das, nachdem sie Helmut Kohl 1999 engagiert hatte. Wenige Monate später machten deutsche Medien die sogenannte CDU-Spendenaffäre öffentlich. Kohl musste zugeben, dass er undeklarierte Spenden angenommen hatte. Die Partei führte jahrelang versteckte Konten, einen Teil davon in der Schweiz. Nachdem der Skandal bekannt worden war, liess die CS die Beiratschaft Kohls diskret «ruhen». 2007 löste die Bank den umstrittenen Beirat ganz auf. Heute verzichten die meisten Unternehmen auf diese Gremien, die früher Jahresberichte mit klangvollen Namen schmückten – und verpflichten Berater lieber diskret und individuell. Das Risiko für Reputationsschäden besteht trotzdem.

Peinlicher Auftritt

«Politiker sind Personen von öffentlichem Interesse», sagt Kuno Schedler, Governance-Experte an der Universität St. Gallen. «Sie sind darum in grossem Mass öffentlicher Kritik ausgesetzt.» Wähle ein Konzern einen Alt-Politiker als Berater, schlage jeder Skandal sofort durch auf das Unternehmen. Man müsse dieses Risiko sorgfältig abwägen. Ganz abraten würde er, wenn ein Unternehmen die Wertungen in einem anderen Kulturkreis nicht abschätzen könne. «Was in Europa problemlos ist, kann woanders bereits ein Skandal sein – und umgekehrt.»

Peinlich für die Zürcher Kantonalbank war vor wenigen Jahren der Auftritt eines chinesischen Partners. Der Geschäftsmann Liu Zhiqin vertrat die Bank in Peking. Im Winter 2011 demonstrierte er allzu offensiv seine guten Kontakte zur Kommunistischen Partei. Als der oppositionelle Schriftsteller Liu Xiaobo den Friedensnobelpreis gewann, rügte der ZKB-Repräsentant das Komitee öffentlich. «Sie unterstützen einen Kriminellen und schaffen 1,3 Milliarden ‹Dissidenten›, die mit dem Nobelkomitee unzufrieden sind», schrieb er im Gastbeitrag einer Zeitung. Inzwischen ist Liu Zhiqin nicht mehr bei der ZKB unter Vertrag.

Umstieg gut zu verantworten

Nach wie vor Aufsichtsratsvorsitzender der UBS Deutschland ist der frühere hessische Ministerpräsident Roland Koch – obwohl der CDU-Politiker in der Heimat umstritten ist. «Kochs Verhalten stinkt zum Himmel», hiess es nach dessen Abgang aus den Reihen der Linkspartei. Die politischen Gegner und deutsche Medien empörten sich darüber, dass der Alt-Politiker nach seinem Rücktritt beim Baukonzern Bilfinger anheuerte, der in Kochs Amtszeit mehrere Bauaufträge vom Bundesland Hessen erhalten hatte.

Auch das Amt bei der UBS stiess einigen sauer auf, weil das Bundesland es wenige Monate zuvor abgelehnt hatte, eine Steuerdaten-CD aus der Schweiz zu kaufen. Koch selber betonte stets, dass nie er als Ministerpräsident Aufträge an Bilfinger vergeben habe; er könne den Umstieg darum «sehr gut verantworten». Zu der Steuer-CD hiess es aus dem hessischen Finanzministerium, man habe sie nicht gekauft, weil sie «keinerlei konkret verwertbare Informationen» enthalten habe.

Das Ansehen beim Zielpublikum zählt

Kochs Beispiel zeigt, was Unternehmen nicht offen aussprechen würden: Ob ein Politiker in der breiten Bevölkerung beliebt ist, hat für sie nicht oberste Priorität. Viel wichtiger ist sein Ansehen beim Zielpublikum. So wogen für die UBS offenbar Kochs Vorzüge und seine Akzeptanz bei vermögenden Konservativen schwerer als die Skepsis in der weiteren Gesellschaft. Als Berater oder Verwaltungsrat muss ein Politiker nicht mehr der Mehrheit gefallen – sondern nur noch jener Minderheit, auf die es ankommt.

Auch Ehud Barak ist in seiner Heimat nicht unumstritten. Er verkrachte sich mit Teilen seiner Arbeiterpartei ebenso wie mit den Ultralinken und Ultrarechten des Landes. «Zum Glück sind wir dieses Ärgernis los», kommentierte der Abgeordnete des konservativen Likud im Herbst Baraks Rückzug aus der Politik.

Beratungsmandat für die Marine

Doch eines hat der langjährige Verteidigungsminister Barak: Den Draht zu Armee, Geheimdienst und zu den wichtigsten Unternehmern des Landes. Er kennt die Sicherheitslage in der Region. Ausserdem wirkte er als Berater einer amerikanischen IT-Firma, die unter anderem die Marine und das amerikanische Verteidigungsministerium als Kunden hat. Für seine Auftraggeber sind das wertvolle Kontakte. Aber eben auch solche mit Potenzial für Skandale.