Viele hatten es erwartet, nicht wenige herbeigesehnt. Aber mit seinem Rückzug vom Chefsessel ins Verwaltungsratspräsidium hat Novartis-Lenker Daniel Vasella nun doch die meisten Anleger gründlich überrascht.

Der PR-Coup ist ihm geglückt: Mit einem sehenswerten Jahresgewinn von 8,45 Mrd Dollar im Rücken kann sich Vasella, der seit 14 Jahren dem Basler Pharmamulti als CEO und Präsident vorstand, nobel vom heftig umstrittenen Doppelmandat verabschieden. Die Börse dankte den Akt mit Zukäufen, die Novartis-Namen stiegen um knapp 2%.

Die institutionellen Anleger, die grosse Summen in Novartis-Aktien platziert haben, zeigen sich mehrheitlich erleichtert. «Es war ein cleverer Zug von Daniel Vasella, sich jetzt aus dem Präsidium zurückzuziehen. Denn mit der Bilanzkonferenz und der GV wäre die Diskussion um sein Doppelmandat erneut entbrannt», sagt Thomas Lusetti, Leiter Aktien Asset Management bei der VP Bank, dem mehrere Fonds unterstehen. «Von jetzt an stehen wieder die operativen Ergebnisse und nicht die Entlöhnung von Herrn Vasella im Vordergrund», so Lusetti.

Anzeige

Doch auch Kritik schwingt mit. Thomas Buri, der unter anderem den Swiss Equity Fonds bei der Bank Vontobel verwaltet, begrüsst zwar Vasellas Schritt aus Gründen der Corporate Governance. «Unglücklich finde ich aber, dass CEO und CFO zugleich ausgewechselt wurden. Man hätte mit dem Wechsel des CEO ruhig bis 2011 zuwarten können.»

Träges Indexschwergewicht

Zudem verliere das Unternehmen immer mehr von seinem Schweizbezug, sagt Buri. Die Firmenspitze sei jetzt rein angelsächsisch besetzt. Der Profi-Investor hätte denn auch lieber den nun abtretenden COO Jörg Reinhardt auf dem Chefposten gesehen, anstatt den Kalifornier Joe Jimenez (siehe unten). Die «Swissness» ist ein nicht unwesentlicher Punkt, bedenkt man, dass die meisten Schweizer Vorsorgefonds in Novartis anlegen und die Aktie mit 18% Anteil der zweitschwerste Wert am SMI ist.

Wobei «schwer» auch ganz wörtlich zu lesen ist: Mit einer Performance von 5% in zehn Jahren blieb Novartis hinter vielen Schweizer Werten zurück; nicht zuletzt wurde Chef Vasella für die unterdurchschnittliche Performance verantwortlich gemacht. Der Entscheid zur Ausgliederung der wachstumsstarken Agrochemieeinheit Syngenta etwa dürfte die Kurse nachhaltig belastet haben. Dass der Wechsel an der Spitze jetzt die grosse Wende beim Kurs bringt, darauf dürfen die Anleger dennoch nicht hoffen.

Denn erstens bleibt die Kultur die gleiche «Vasella bleibt weiterhin der starke Mann. Er hatte genügend Zeit, seine Umgebung entsprechend personell zu gestalten», sagt Lusetti von der VP Bank. Und trotz der guten Gewinne und der starken Pipeline steht der Konzern vor Herausforderungen: Die geplante Alcon-Übernahme zieht sich hin, und schon 2011 laufen erste wichtige Patente aus.

Anzeige