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  3. CS-Experte Burkhard Varnholt sieht den Aufschwung nicht gefährdet

Börseninterview
«Ein multilateraler Handelskrieg wäre zum Nachteil aller»

Xi Jinping und Donald Trump
Chinas Präsident Xi Jinping und US-Präsident Donald Trump: Die Beziehung ist angespannt.Quelle: Getty Images

Burkhard Varnholt rechnet nicht mit einer Rezession. Im Interview sagt der CS-Experte, was vom aktuellen Handelskonflikt zu halten ist.

Von Marc Bürgi
am 05.05.2018

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Burkhard Varnholt*: Fragen zu drei grossen Themen dominieren aktuell viele Gespräche:
 
1) Zinsen und Inflation? Einerseits verflacht sich in den USA die Zinskurve, was von manchen als Signal einer bevorstehenden Verlangsamung der Konjunktur gedeutet wird. Zugleich hat in den USA die Inflation erstmals seit zehn Jahren das Zielniveau der US-Zentralbank erreicht. Das schafft einen dem entgegengesetzten Aufwärtsdruck bei den langfristigen Zinsen. Das Ergebnis dieser Fragen ist eine erhöhte Volatilität bei Anleihen wie auch bei Aktien und eine temporäre Dollarstärke.
 
2) Wo stehen wir im Konjunkturzyklus? Während die Unternehmensgewinne unverändert stark sind und die Investitionstätigkeit ebenso, fragen viele Anleger, wie zuvor bemerkt, ob wohl schon der Höhepunkt erreicht sei? Falls ja, so stellt sich die Frage nach der richtigen Sektor- und Ländergewichtung. Aus unserer Sicht bieten Aktien unverändert die besseren Risikoprämien und eine Übergwichtung von Schwellenländern, Technologie, Finanz- und Energiewerten scheint uns sinnvoll.
 
3) Handelsspannungen und Geopolitik? Singuläre Risiken stehen unverändert hoch bei den Fragen vieler Investoren. Ob zu den aktuellen Handelsspannungen oder geopolitischen Entwicklungen in und zwischen allen Kontinenten: die Welt scheint multipolarer, risikobehafteter als früher.

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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Nachdem die CH-Börse, wie erwartet, schwach ins Jahr startete, sehen wir aktuell durchaus Zeichen einer möglichen Erholung. Investoren suchen aktuell wieder mehr «Value». Das hilft besonders Schweizer Titeln.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Bei 9300 Punkten.

Burkhard_Varnholt_Credit_Suisse
*Burkhard Varnholt ist Anlagechef der Swiss Universal Bank und Vize-Chef des Global Investment Committee der Credit Suisse.
Quelle: zvg

US-Präsident Donald Trump will die EU nicht von den neuen Steuern auf Stahl und Alu ausnehmen. Wie stark bedroht dieser Handelskonflikt den weltweiten Aufschwung?
So beunruhigend die merkantilistischen Tendenzen tatsächlich auch sind, so sehr ist auch in diesen Zeiten ein kühler Kopf geboten.Tatsächlich wissen höchstwahrscheinlich alle beteiligen Antagonisten, dass ein eskalierender, multilateraler Handelskrieg zum Nachteil aller wäre. Nur: im Kontext von Verhandlungen gibt das niemand offen zu, weil Drohungen dann hohl wirken könnten. Als Anleger muss man also in Szenarien denken. Das Wahrscheinlichste endet unseres Erachtens nicht im globalen Protektionismus, sondern in einer Neuordnung globaler Handelsbeziehungen. Sie wird den internationalen Handel und die Globalisierung verändern aber nicht beenden. Der aktuelle Aufschwung besitzt dank seiner Synchronizität, dank der starken Investitionstätigkeit, der Bilanzkraft des Bankensektors, der gesunden Konsumkraft und der unverändert günstigen finanziellen Bedingungen noch gesunde Kondition. Eine Rezession erscheint ohne externen Schock dieses wie nächstes Jahr sehr, sehr unwahrscheinlich.
 
Bundesrat Johann Schneider-Ammann versucht derzeit, einen neuen Freihandelsvertrag mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten aufzugleisen. Wie wichtig sind solche Vereinbarungen angesichts des zunehmenden Protektionismus weltweit?
Freihandel ist immer besser als kein Handel. Jede Initiative in diese Richtung ist begrüssenswert.
 
«Sell in May and go away» ist eine beliebte Börsenweisheit. Wie ratsam ist dieser Ratschlag in diesem Jahr?
Das ist gleich sinnvoll wie das Sprichwort «wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder bleibt wie es ist».