Die Botschaft für die Finanzmärkte war klar: Eine Pleite von Bear Stearns wäre fatal - das konnte die US-Regierung nicht riskieren. So wurden im März vor einem Jahr zig Milliarden Dollar in die Rettung von Amerikas fünftgrösster Investmentbank gesteckt. Die Aktion - eilig an einem Wochenende beschlossen - wurde zum Präzedenzfall für alle späteren Reaktionen der Regierung auf die Finanzkrise.

Damit JP Morgan Chase Bear Stearns kaufen konnte, übernahm die US-Notenbank damals rund 29 Mrd Dollar an riskanten Vermögenswerten. Bis heute, ein Jahr später, sind mehrere Billionen Dollar an Steuergeldern in die Stabilisierung des Finanzsystems geflossen - mit bescheidenem Erfolg.

Neue Probleme wegen Rettung

War die Rettung von Bear Stearns also der richtige Schritt? Oder der Dammbruch, der weitere riskante Unternehmungen in der Hoffnung auf Regierungshilfe begünstigte, eine unvermeidliche Abrechnung hinauszögerte und das Finanzsystem noch tiefer in die Krise trieb? Verschiedene Ökonomen innerhalb und ausserhalb der US-Notenbank haben im vergangenen Jahr geäussert, die Reaktion von Fed und Finanzministerium in Sachen Bear Stearns habe dem Finanzsystem mehr neue Probleme bereitet als alte beseitigt.Das Scheckbuch der Regierung im Hintergrund habe dazu geführt, dass noch viel mehr Risiken eingegangen wurden. Bear «brachte die Regierung als möglichen Retter ins Spiel», sagte Vincent Reinhart, früherer Notenbank-Direktor und heute beim Forschungsinstitut American Enterprise Institute. Regierungshilfen, früher als «eher unwahrscheinliche Möglichkeit» betrachtet, verzögerten den Zustrom von privatem Kapital ins Finanzsystem. Reinhart sagte, die Fed hätte auch andere Möglichkeiten gehabt, etwa nur die riskantesten Teile von Bear herauszulösen.Nach dem Verkauf von Bear zeigten sich sogar Fed-Insider besorgt wegen der möglichen Folgen dieses Regierungseingriffs. Charles Plosser, Präsident der Notenbank von Philadelphia, sagte: «Interventionen mit dem Ziel, Instabilität zu bekämpfen, können genau diese langfristig erhöhen, weil sie die Risikobereitschaft steigern.» Jeffrey Lacker, Präsident der Fed von Richmond, warnte bereits im vergangenen Juni, die Rettung von Bear werde dazu führen, dass «natürlich auch andere Institute nachfragen werden, was sie an Entgegenkommen zu erwarten haben».Und so kam es auch. Es folgten die Übernahme von Fannie Mae und Freddie Mac, dann griff die Regierung bei American International Group (AIG), Citigroup, Bank of America, General Motors und Chrysler ein. Es wurde ein Programm zum Aufkauf Not leidender Wertpapiere und zur Unterstützung Hunderter von Banken aufgestellt. Dennoch entschied die Fed ein halbes Jahr nach der Bear-Stearns-Rettung, Lehman Brothers nicht zu helfen. Die Lehman-Pleite war angesichts der desolaten Lage der Investmentbank nach Aussagen von Notenbanksprechern nicht mehr zu vermeiden. Und sie stürzte die Finanzmärkte und die Weltwirtschaft in noch grössere Probleme.

Bernanke: «Das Richtige getan»

Nach Ansicht von Notenbankchef Ben Bernanke war die Rettungsaktion für Bear angesichts der Wirtschaftskrise gerechtfertigt. «Ich glaube, wir haben das Richtige getan.» Was wäre passiert, wenn man Bear nicht gerettet hätte? Im März 2008 war die Wirtschaft noch stärker als im September, hätte sich also vielleicht etwas besser behauptet. Investoren hätten schmerzhafte Lektionen früher gelernt. Und die Krise wäre etwas eher von der Welt wahrgenommen worden, hätte aber das Finanzsystem trotzdem schwer getroffen.Der damalige Fed-Gouverneur Frederic Mishkin sagte: «Die Notenbank hatte zu dem Zeitpunkt überhaupt keine andere Wahl», denn die Märkte seien «völlig unvorbereitet» auf ein Scheitern von Bear gewesen. «Selbstverständlich erhöht jeder Bailout die Risikobereitschaft der anderen Institute», so Mishkin weiter, «aber man muss einen Kompromiss finden. Greift man nicht ein, erhöht das sicher die Marktdisziplin. Aber wenn man nicht eingreift und das ganze System zerfällt, dann sind die Kosten weitaus höher und vermutlich werden später noch viel mehr Staatseingriffe nötig.»

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