Nicolas G. Hayek ist verstimmt. «Die Finanzbranche hat jahrelang die Realwirtschaft dominiert, also jene Wirtschaft, die produziert, Werte und Stellen schafft», klagt der Swatch-Gründer. «Wir waren der Ansicht, dass die Börse nicht so viel Einfluss gewinnen darf», sagt der Präsident des Verwaltungsrats des Bieler Uhrenherstellers.

Wie Hayek denken hierzulande viele Firmenchefs. Die Einstellung von Schweizer Managern ist anders als etwa die ihrer Kollegen in Deutschland oder den USA. Sie interessiert das, was die Börse kurzfristig denkt und will, nicht so sehr», weiss Roland Könen, Berater des Value Holdings Europa Fund. Deshalb kommen Finanzinvestoren nicht so leicht zum Zug. Um Investoren, die nur die kurzfristige Gewinnmaximierung auf der Agenda haben, auszubremsen, schränken Schweizer Unternehmen nicht selten die Stimmrechte von Grossaktionären ein.

Beste Chancen fürs Risiko

Dabei geht es den Schweizer Firmen aber nicht nur um die Abwehr von kurzfristig orientierten Raidern. Viele Schweizer Unternehmen sind langfristig ausgerichtet. «Strategien werden dabei in Einzelfällen über mehr als zehn Jahre entwickelt», weiss Ralf Rybarczyk, Fondsmanager des DWS-Fonds Aktien Schweiz. Das bringt Stabilität in die Kurse. «Der Swiss Performance Index (SPI) hatte in den letzten Jahren auf Eurobasis das beste Chance-Risiko-Profil weltweit», sagt Rybarczyk.

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Ein Pluspunkt ist auch die Struktur der Unternehmen. «Dort gibt es noch mehr Konglomerate, also Firmen mit mehreren Unternehmensbereichen. Diese Diversifikation zahlt sich gerade im Abschwung aus», sagt Value-Holdings-Mann Könen. Die geringeren Kursverluste des Schweizer Aktienmarkts in der Finanzkrise dürften auch damit zu begründen sein. Denn obwohl auch dort viele krisengeschüttelte Finanzwerte wie UBS und Credit Suisse zu finden sind, verlor der breite Markt mit dem Swiss Performance Index SPI im vergangenen Jahr mit 30% deutlich weniger an Wert als etwa der Dax mit einem Minus von 40,4%. Stabilisierend wirkt auch die Zusammensetzung des Aktienmarkts: Defensive Blue Chips und attraktive, wachstumsstarke Mid und Small Caps.

Dennoch ist die Bewertung vieler Titel im Moment so niedrig wie lange nicht. So kommt der SPI mit seinen 227 Mitgliedern derzeit auf ein Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) von 1,5. Das Niveau liegt 40% unter dem langjährigen Durchschnitt und so niedrig wie in den letzten zehn Jahren nicht.

Dividende als Qualitätsmerkmal

Solide Bilanzen, langfristige Strategien, günstige Bewertung der Schweizer Aktienmarkt ist für konservative Anleger momentan ein Eldorado. Value-orientierte Börsianer beurteilen den Wert ihrer potenziellen Kaufziele aber nicht nur über gute Produkte und ein zuverlässiges Management, sondern auch über verschiedene Kennziffern. Dazu zählt neben der wie erwähnt hohen Eigenkapitalquote und einem niedrigen Kurs-Buchwert-Verhältnis auch ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Die Dividende ist ebenfalls ein gutes Qualitätsmerkmal. «Firmen mit nachhaltig hohen Ausschüttungen signalisieren, dass sie zuversichtlich vorausblicken und keine Reserven für schlechte Zeiten bilden müssen», sagt Fondsberater Könen.

«Anleger sollten aber nicht nur auf die Bewertung, sondern auch auf die Wachstumschancen achten, die sich aus den Produkten und der Strategie ergeben», rät der Experte. Vielversprechend sind da etwa Bucher Industries oder Burckhardt Compression. Value-orientierte Anleger haben aber auch ABB, Richemont, Clariant, Holcim, Swisscom oder Mobilezone auf ihrer Kaufliste. Ebenfalls spannend ist Swatch. Zwar leiden auch die Bieler unter der Wirtschaftskrise und konnten deswegen im vergangenen Jahr beim Umsatz nur leicht um 0,4% auf 6 Mrd Fr. zulegen. Doch bereits im 2. Halbjahr 2009 rechnen die Uhrenmanager mit einer Markterholung und erwarten so im Gesamtjahr ebenfalls wieder Zuwächse.

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