Die von der Credit Suisse angekündigte Restrukturierung ging den Anlegern wohl zu wenig weit. Die Reorganisation sei mehr Lärm als Wirkung, hiess es. Die Aktie hat an Boden verloren. Was sagen Sie?

Andreas Venditti:
Jene Personen, die vom Umbau betroffen sein werden, sehen dies mit Sicherheit anders. Auch wenn keine konkreten Zahlen genannt wurden, wird es zu einem Stellenabbau kommen. Alles in allem will die Credit Suisse 4 Milliarden Franken sparen. Dass die Reaktion am Markt verhalten ausfiel, liegt wohl daran, dass gewisse Anleger einen Umbau nach dem Vorbild der UBS erwarteten.

Auch Sie?
Nein, eigentlich nicht. Denn die Credit Suisse ist im Bereich der festverzinslichen Anlagen insgesamt besser aufgestellt als ihre Schweizer Konkurrentin. Zudem ist die Grossbank daran, diese Sparte anzupassen, jedoch weniger dramatisch als die UBS. Einen ähnlichen Schritt von der Credit Suisse zu erwarten, war daher nicht realistisch. Insbesondere unter der aktuellen Führung.

Anzeige

Ähnlich tönte es bei der UBS. Unter dem jetzigen Chef Sergio Ermotti sei ein Abbau im Investment Banking kaum vorstellbar.
Auch dort brauchte es den Wechsel im Verwaltungsratspräsidium, um einen Meinungsumschwung herbeizuführen. Ohne den neuen Präsidenten Axel Weber wäre es wohl nicht so weit gekommen. Das Gleiche gilt bei der Credit Suisse. Die jetzige Führung ist dem Investment Banking verpflichtet, ohne eine Änderung an der Spitze wird die Strategie kaum grundlegend angepasst.

Wie schätzen Sie die Chancen der Credit Suisse im Investment Banking ein?
CS und UBS sind unterschiedlich positioniert. Es herrscht ein grosser Konkurrenzdruck und die regulatorischen Veränderungen beeinflussen das Geschäft enorm. Wenn die Regulierungen global für alle Institute gleich angewandt würden, wären die Chancen für die Credit Suisse intakt. Die USA und Europa scheinen gegenwärtig aber hinter den Entwicklungen in der Schweiz zurückzubleiben.

Andreas Venditti, Bankenexperte Zürcher Kantonalbank

Reichen denn die Voraussetzungen, um im Investment Banking eine Spitzenposition einzunehmen?
Die Credit Suisse gehört insgesamt nicht zu den Top fünf im Investment Banking, auch wenn sie in einzelnen Bereichen Top-Positionen hält. Zudem unterstehen die Schweizer Grossbanken strengeren regulatorischen Anforderungen als die Konkurrenz. Die Credit Suisse erhofft sich, einen Teil des Geschäfts der UBS übernehmen zu können. Doch auch die Konkurrenz schläft nicht.

Den beiden Divisionen stehen zukünftig jeweils zwei Co-Chefs vor. Kann dies mittelfristig gut gehen?
Im angelsächsisch geprägten Investment Banking ist eine Doppelspitze nichts Aussergewöhnliches. Zudem scheinen die Verantwortlichkeiten relativ klar geregelt zu sein. Dennoch könnten Meinungsverschiedenheiten zu Reibungsverlusten führen.

Anzeige

Zuletzt war auch Konzernchef Brady Dougan umstritten. Geht er als Gewinner der Reorganisation hervor?
Dougan ist weiterhin der Konzernchef. Die Verlierer sind die Regionenleiter, die aus der Geschäftsleitung zurücktreten, sowie weitere Mitarbeiter in den regionalen Strukturen.

Jüngst hat die New Yorker Staatsanwaltschaft Klage gegen die Credit Suisse wegen betrügerischen Verkaufs von Hypothekarbesicherten Wertpapieren eingereicht.
Anklagen gehören in den USA schon fast zum täglichen Brot, weshalb eine dort tätige Bank zu einem gewissen Grad darauf vorbereitet sein sollte. Welche Kosten auf die Credit Suisse zukommen, kann man heute nicht abschätzen.

Die Credit-Suisse-Aktie ist zuletzt unter Druck geraten. Würden Sie nun zukaufen?
Man darf nicht vergessen, dass die Titel vergangene Woche über 4 Prozent gestiegen sind. Dennoch ziehen wir heute die UBS vor, da wir dort mit der aktuellen Strategie mehr Potenzial sehen.

Anzeige