Rund 700 Mrd Dollar zugunsten des US-Finanzsektors ? damit hatten die Anleger rund um den Globus schon fest gerechnet. Umso grösser der Schock, als das Repräsentantenhaus das Paket zum Wochenauftakt postwendend an den Absender zurückschickte. An der New Yorker Börse fiel der breite Dow Jones Index um 7%, der grösste Tagesverlust seit dem Börsencrash von 1987.

«Höchste Ungewissheit»

Mit dieser Vorgabe kam es auch an den europäischen Börsen zu empfindlichen Verlusten. Einsamer Gewinner war nur der Schweizer Aktienmarkt, wo der schwer gewichtete Swiss Market Index (SMI) um 1,3% auf 6615 Punkte anstieg. Doch die Zugewinne dürften nicht mehr als eine technische Gegenbewegung sein, die dem wahren Zustand der Gemüter am Markt kaum gerecht wird: Der VSMI-Index, der die Volatilität am Schweizer Aktienmarkt abbildet, hat für dieses Jahr einen neuen Höchstwert erreicht (siehe Grafik). Die Nerven sind zum Zerreissen gespannt.

«An den Märkten herrscht höchste Ungewissheit», berichtet Anastassios Frangulidis, Leiter Volkswirtschaft und Anlagestrategie International bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Für Thomas Steinemann, Chefstratege der Privatbank Vontobel, ist dies die «schlimmstmögliche» Lage (siehe «Geldfrage» nebenan).

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Auch wenn nun der US-Senat bereits am 2. Oktober die Verhandlungen zum Paket wieder aufnehmen könnte, und auch wenn die Notenbanken fleissig Geld ins System pumpen, um die Kreditmärkte nicht kollabieren zu lassen: Die Hoffnung auf Besserung an den Märkten ist gering. Das zeigen die Terminbörsen (siehe Kasten), die mit einer weiteren Verschlechterung der Lage rechnen. Denn ungeachtet der Rettungsmassnahmen hat sich die konjunkturelle Lage weltweit nochmals deutlich eingetrübt, sodass mit einer weiteren Korrektur der Gewinnerwartungen gerechnet werden muss. Frangulidis von der ZKB hält den Konsens für das Gewinnwachstum 2009 in den USA von 24% für «viel zu optimistisch». Das lässt wenig Gutes für die Zukunft ahnen.

Auf kurze Frist befinden sich die Investoren in der gleichen Lage wie schon die Wochen zuvor: Das Umfeld ist seit dem Kollaps von Lehman Brothers dermassen unübersichtlich geworden, dass sich Anlageentscheide kaum mehr rational fassen lassen. Infolgedessen raten die Experten vorab eines: Stillhalten. «Privatanleger soll-ten nicht unter Druck verkaufen», mahnt Christian Gattiker, Aktienstratege bei Julius Bär. Auch vom Gegenteil, nämlich Zukäufen ins fallende Messer, wird dringend abgeraten. «Es ist zu riskant, neue Positionen aufzubauen, da die Unsicherheiten momentan zu gross sind», sagt Frangulidis.

Allenfalls in Frage kommen ? das zeigen auch deren Zugewinne an der SWX Swiss Exchange ? die defensiven Schwergewichte, die den SMI dominieren: Roche, Novartis und Nestlé liegen auch mitten in den grössten Turbulenzen im Plus, ebenso der Industriewert ABB, der durch starke Cash-Positionen und volle Auftragsbücher gestützt wird.

 
Terminmärkte nehmen weitere Verluste voraus

Die Wall Street schläft nie wirklich ? wenn die Börse um 16 Uhr Lokalzeit schliesst, geht der Index-Futurehandel in Asien und später dann in Europa weiter. Diese Futurepreise geben dann erste Hinweise, in welche Richtung der US-Aktienmarkt tendiert.

Am frühen Dienstagnachmittag lag der S&P-100-Future 32 Punkte bzw. 2,8% im Plus, der Nasdaq-100-Future 32 Punkte bzw. 2% im Plus. Es ist demnach mit einer festeren Eröffnung des Parketthandels zu rechnen, trotz des schlagzeilenträchtigen 777-Punkte-Verlusts vom Vorabend. Analysten weisen aber darauf hin, dass kurze, scharfe Erholungen nach einem Ausverkauf üblich sind, weil sich dann Schnäppchenjäger an der Börse eindecken oder aber Leerverkäufer, die auf noch tiefere Kurse gesetzt haben, Deckungskäufe vornehmen müssen. Charttechnisch gelten die US-Indizes als angeschlagen.

An der hohen Volatilität dürfte sich laut Analysten auch wenig ändern, bis ein neuer Rettungsplan steht. In der Folge sind Finanztitel weiterhin mit Risiken behaftet: Die CDS-Spreads für die UBS liegen mit 251 Punkten fast doppelt so hoch wie die der Credit Suisse (130), HSBC (100), Deutsche Bank (129) oder der Société Générale (128).

All diese Indikatoren sind laut Analysten sichere Hinweise dafür, dass das Schlimmste noch nicht ausgestanden ist, auch wenn für die nächsten Tage eine kurze «Bärenrally» nicht ausgeschlossen werden kann. (mn)