Die Schweizer Börse scheint nicht besonders attraktiv für Hightechfirmen zu sein…
Marco Estermann: Das kann man so nicht sagen. Die Recherche von Bloomberg bezieht sich einseitig  auf die Anzahl von kotierten Unternehmen in diesem Bereich. Wenn man die Marktkapitalisierung mit einbezieht, sieht das Bild ganz anders aus, zumal in der Analyse auch Biotech-Unternehmen gezählt wurden. Im Bereich von Life Sciences nehmen wir in Europa eine führende Stellung ein. Zudem sind in verschiedenen anderen Hightech-Bereichen weltweit führende Unternehmen bei uns kotiert, zum Beispiel AMS Austriamicrosystems, Kudelski, Logitech oder Temenos. Zudem sind auch bei ABB, OC Oerlikon und weiteren zumindest Teile des Unternehmens in Hightech-Bereichen tätig.

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Warum liegen dann aber Länder wie Deutschland, die Niederlande oder Israel vor der Schweiz?
Das hat mehrere Gründe. Unter anderem liegt es sicher auch an den Alternativen zur Finanzierung des weiteren Wachstums sowie weiteren kulturellen Gründen. So hat die Schweiz ein starkes Bankensystem, das qualitativ gute Unternehmen finanziert, sowie ein gut funktionierender Venture-Capital- und Private-Equity-Markt. Interessant ist ja auch, dass Grossbritannien auf der Liste – trotz ihres Alternativ Investment Marktes (AIM) – nicht aufgeführt wird. Dies wie auch die Position der Schweiz hat unter anderem mit der Anlage der Recherche zu tun. Sie bezieht sich ausschliesslich auf die Anzahl von kotierten Unternehmen, berücksichtigt aber nicht deren Marktkapitalisierung.

Tatsache ist aber, dass es der Schweiz nicht gelingt, neue Firmen aus dem Wachtumssektor Informationstechnologie anzuziehen. Die gehen am Ende lieber in den USA an die Börse.
Unternehmen wählen den Kotierungsstandort nach vielen Kriterien. Dabei spielt der Zugang zu einer ausgezeichneten Investorengemeinschaft, wie sie die Schweiz bietet, nicht immer die entscheidende Rolle. Oft entscheiden sich Unternehmen für eine Börse, die ein scheinbar günstigeres Umfeld bieten. Dazu zählen das Vorhandensein von vergleichbaren Unternehmen, von spezifischen und etablierten Bankenresearch sowie das Know-how der potenziellen Investoren. Hier kommt es dann zu einer Clusterbildung – Stichwort Silicon Valley.

Und so bleibt die SIX übergewichtet bei Pharma und Finanzen. Das ist für Investoren unattraktiv.
Nein, die SIX Swiss Exchange ist für Emittenten, Teilnehmer wie auch Investoren eine sehr attraktive Börse. Sie ist im Bereich Life Science sicher die mit Abstand grösste Börse in Europa mit rund 40 Prozent Anteil an der gesamten Marktkapitalisierung. Sie nimmt aber auch in den Bereichen Luxusgüter (zwei der drei Unternehmen mit der grössten Marktkapitalisierung), Konsumgüter (Nestlé wie aber auch verschiedene weitere Unternehmen im Bereich Lebensmittel wie Lindt, Aryzta, Orior mit unterschiedlichen Marktkapitalisierungen und geographischer Reichweite) und Spezialitätenchemie eine starke Position ein. Daneben sind andere Sektoren wie die Industrie stark vertreten, so dass es für Investoren zahlreiche attraktive Investitionsmöglichkeiten sowohl auf Ebene von Unternehmen als auch von Indizes gibt. Gemessen an der Free-Float-Marktkapitalisierung ist SIX Swiss Exchange übrigens die drittgrösste Börse Europas. Und nach Grossbritannien ist die Schweiz dasjenige Land, das mit 21 Prozent bezogen auf die Marktkapitalisierung den grössten Anteil im EuroStoxx 50 aufweist. Zudem ist SIX Swiss Exchange eine der internationalsten Börsen in Europa: Rund 15 Prozent der kotierten Unternehmen haben ihren Hauptsitz im Ausland.

Was unternimmt denn die SIX, um den Branchenmix zu verbessern?
SIX Swiss Exchange ist für alle in- und ausländischen Unternehmen offen, die die Erfordernisse des Kotierungsreglements erfüllen. Wir bieten ihnen eine ausgezeichnete Basis, damit sie mit der hier aktiven internationalen Investorengemeinschaft zusammenkommen. So gibt es zum Beispiel keine Einschränkungen für ausländische Unternehmen, in einen unserer Benchmark-Indizes aufgenommen zu werden. Zudem haben wir ein Team, das sich auf die Akquisition von Neukotierungen internationaler Gesellschaften fokussiert und die Vorzüge des Kotierungsstandortes Schweiz vermarktet.

Bräuchte die Schweiz nicht wieder eine Art Alternativer Markt für kleinere Tech-Firmen?
Die Investoren und auch die potenziellen Leadbanken haben die Entwicklungen am New Market oder anderen alternativen Märkten in Europa nicht vergessen und wären heute wahrscheinlich zurückhaltender. Auch in jüngerer Vergangenheit hat man mit solchen Märkten weniger gute Erfahrungen gemacht. In Deutschland zum Beispiel wurde das First Quotation Board (Freiverkehr) Ende letzten Jahres geschlossen und die Anforderungen im tiefsten Kotierungsstandard, dem Entry Standard, wurde stark erhöht. Eine der Hauptfunktionen einer Börse ist, Unternehmen den Zugang zu Kapital zu ermöglichen, um weiteres Wachstum respektive ihre Strategien zu finanzieren. Dies ist jedoch nur möglich, wenn das Vertrauen der Investoren in die Unternehmen sichergestellt werden kann, was viel mit Transparenz und Handelbarkeit der Titel zu tun hat. Die Anforderungen an SIX Swiss Exchange sind so ausgestaltet, dass wir auch ohne separates Segment für Hightech-Unternehmen offen sind.

Das heisst?
Beim Domestic Standard, der übrigens auch für ausländische Unternehmen offen ist, müssen sie als Unternehmen über Eigenmittel von 2,5 Millionen Franken verfügen, einen Freefloat von 20 Prozent und Mindestkapitalisierung des Freefloats von 5 Millionen haben. Ausserdem müssen sie einen Track-Record der Finanzzahlen für die letzten zwei Jahre vorweisen können. Unseres Erachtens bietet die SIX Swiss Exchange damit für Investoren einen guten Mix an investierbaren Unternehmen und Indizes. Zudem ist und bleibt eine Kotierung ein Qualitätsstempel, welcher es den kotierten Unternehmen erlaubt, auch einfacher Fremdkapital aufzunehmen. Diesen Qualitätsstandard wollen wir beibehalten, auch um die Attraktivität des Finanzplatzes Schweiz zu erhalten.