Die Notenbanken sind der Finanzbranche zu Hilfe geeilt. Waren aus Sicht des BIZ-Experten die Institution kann ja als Bank der Zentralbanken verstanden werden die Massnahmen angemessen?

William White: Die getroffenen Massnahmen waren dringend notwendig, doch sie gehen mit einer gewissen moralischen Gefahr einher. Die geleisteten Garantien könnten Banken in Zukunft zu Fehlverhalten verleiten. Um dies zu vermeiden, sollten wir weitere Schritte unternehmen, um sicherzustellen, dass diese Massnahmen in Zukunft nicht mehr nötig sind.

Wie könnten diese Schritte aussehen?

White: Die Massnahmen sollten die Prozyklizität reduzieren, die eines der grössten Probleme in unserem Finanzsystem darstellt. Wenn die Kreditnachfrage steigt, beginnen die Leute Anlagen zu kaufen und die Kurse steigen. Sie fühlen sich reicher, geben mehr aus und haben optimistische Pläne für die Zukunft. Doch eines Tages stellen sie fest, dass ihre Pläne zu optimistisch waren. Dann kommt es zu einem Stillstand, und das Blatt wendet sich.

Anzeige

Wie sähe dies konkret in der Praxis aus?

White: Die Zentralbanken und Aufsichtsbehörden sollten sich weniger auf bestimmte Institutionen konzentrieren, sondern den Fokus auf die Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen und Märkten verlagern. Alle kaufen und verkaufen schliesslich zur gleichen Zeit. Darin liegt letztlich das Problem.

Längst hat sich die Krise vom Markt auf die Firmen verlagert. Welches Ausmass wird die Konjunkturabkühlung haben?

White: Die Situation ist sehr ernst, weil die Kreditnachfrage äusserst gross war und weltweit Institutionen und Märkte tangiert hat. Wir befinden uns heute erstmals in einem echt globalen finanziellen und wirtschaftlichen Zyklus dieser Art.

Das Schlimmste, was wir je erlebt haben?

White: Möglicherweise handelt es sich um den längsten Zyklus der Nachkriegszeit. Doch es ist schwer zu sagen, wie schlimm er sein wird.

Wagen Sie trotzdem eine Prognose?

White: Zum Glück funktionieren die verschiedenen Finanzmärkte nun offensichtlich besser. Zu verdanken ist dies den vernünftigen Interventionen der Zent- ralbanken. Doch eine zweite Phase steht noch bevor: Eine deutliche Verschlechterung der Realwirtschaft. Dies wird zunehmend zum Bankrott von Unternehmen und Haushalten führen, was sich erneut auf den Bankensektor auswirken wird. Noch ist unklar, wie stark sich die Realwirtschaft verschlechtern wird.

Welches ist nun das grösste Risiko?

White: Ein deutlicher Rückgang der Konsumausgaben, insbesondere in Ländern wie Grossbritannien, den USA, Kanada oder Australien. Doch auch in europäischen Ländern, die keine so hohen Konsumausgaben verzeichnet haben, scheint sich eine vorsichtige Haltung verbreitet zu haben. Dies ist beunruhigend.

Was schätzen Sie, wie lange der Abwärtstrend der Wirtschaft dauern wird?

White: Ich kann nicht genau sagen, wie viele Jahre es dauern wird, doch es könnte zu einer tiefen und langwierigen Rezession kommen, vor allem in den Ländern mit starken Ungleichgewichten und äusserst niedrigen Haushaltssparquoten. Doch es gibt auch einen anderen Aspekt. In einem Land wie China liegt das Problem beispielsweise in der riesigen Anlagenquote, die irgendwo zwischen 45 und 50% des BIP liegt. Nun stellt sich die Frage, ob diese Anlagen auch eine Art Blase darstellen.

Und die Antwort?

White: Einige davon könnten sich als unrentabel erweisen, möglicherweise könnten daraus auch notleidende Kredite resultieren. Natürlich wird die chinesische Regierung einige wichtige politische Massnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass die Wirtschaft Chinas weiterhin wächst.

Die Anleger ziehen ihr Geld aus China und anderen Schwellenmärkten ab ?

White: Es wurde gehofft, dass die Schwellenmärkte sich von den Industrieländern abkoppeln und genügend Einfluss haben, um den Abwärtstrend anderer Wirtschaften aufzufangen. Ich habe nie an diese Abkoppelungstheorie geglaubt. Viele dieser Länder werden sich wahrscheinlich besser entwickeln als die industrialisierten Länder. Insbesondere diejenigen, die grosse Ungleichgewichte aufweisen. Sie werden sich besser entwickeln, aber nicht viel besser. Die Aktienmärkte sind bereits geschwächt und die Währungen sind unter Druck geraten.

Könnten die Ungleichgewichte der Währungen die nächste grosse Sorge für die globale Wirtschaft bedeuten?

White: Alle waren über die jüngste Stärke des Dollar erstaunt. Doch das eigent- liche Problem besteht darin, dass die USA immer noch ein Leistungsbilanzdefizit von 5% des BIP verzeichnen und der Dollar zudem aus anderen Gründen anfällig bleibt. Ein kontinuierlicher Wertverlust des Dollar ist wohl in jedermanns Interesse. Doch die Gefahr besteht, dass der Dollar schnell und markant an Wert verliert. Solch eine Dollarkrise würde sich auf die Konkurrenzfähigkeit zahlreicher Länder auswirken, die von Exporten abhängen.

Wie die Schweiz. Welche Aussichten hat Ihres Erachtens unser Land?

White: Die Schweiz ist ein kleines Land, das stark exportabhängig ist. Erfreulich ist, dass die Wirtschaft mit einer Aufwertung des Schweizer Frankens gut umgehen kann, sofern diese nicht zu schnell erfolgt. Abgesehen von der starken Exportabhängigkeit sind die Fundamentaldaten der Wirtschaft besser als sonst wo auf der Welt. Die Schweiz hat sehr wenige Ungleichgewichte, insbesondere bezüglich der Sparquote.

Ist die Lage wirklich so rosig?

White: Am Beispiel der Schweiz lässt sich auch zeigen, dass ein grosser Vorteil manchmal zu viel des Guten sein kann. Die Stabilität der Wirtschaft führt zu einer exzessiven Stärke des Schweizer Frankens. Doch letztlich ist es besser, zu viele Vorteile als zu viele Nachteile zu haben, die Probleme verursachen.

Derzeit scheinen weltweit die Nachteile zu überwiegen. Benötigen wir Programme wie einen «New Deal», um die Wirtschaft anzukurbeln?

White: Die grösste Sorge ist der Schuldenberg der Haushalte in den USA. Es wurden einige Vorschläge gemacht, wie damit umgegangen werden soll, doch bisher ist meines Erachtens noch nicht viel passiert. Die neue Regierung wird das Thema vielleicht direkt anpacken. Doch es ist weit schwieriger, die Schuldensorgen von Millionen von Menschen als die einiger Finanzinstitutionen zu lösen.

Und wie soll der einzelne Mensch auf die Krise reagieren? Mehr Geld sparen?

White: Wenn jeder tut, was für ihn persönlich gut ist, ist dies möglicherweise für die Gesamtwirtschaft schlecht. Wenn man Geld spart und es nicht ausgibt, gibt es keine Erträge, keine Produktion. Ein ähnlicher Prozess findet statt, wenn versucht wird, den Fremdkapitalanteil eines Portefeuilles durch Verkäufe von Anlagen abzubauen. Dadurch verlieren die Anlagen an Wert, und der Verschuldungsgrad steigt, anstatt zu sinken. Dieser Entschuldungsprozess ist immer noch im Gang.

Wann wird dies ein Ende nehmen?

White: Weder morgen noch nächsten Monat. Wir haben in der Vergangenheit viele Herausforderungen gesehen, beispielsweise die starke Rezession von 1929. Und wir haben sie alle stets überwunden. Gute Interventionen helfen, die Krise eher früh als spät zu überwinden. Doch auch gute Massnahmen haben manchmal einen stolzen Preis.

Sie haben jahrelang gewarnt, doch niemand hörte zu. Ist dies für Sie frustrierend?

White: Ja, sehr. Wir begannen vor rund zehn Jahren uns zu sorgen, zur selben Zeit wie Alan Greenspan, der ehemalige Vorsitzende des Federal Reserve Board. Uns hat stets überrascht, wie effizient die Zentralbanken waren. Doch nun werden wir mit Problemen konfrontiert, die weitaus grösser sind, als sie hätten sein können.

Wäre es besser gewesen, wenn wir in den letzten Jahren mehrere kleine Rezessionen erlebt hätten?

White: Ja, vielleicht wäre die Situation jetzt um einiges besser. Doch im Prinzip passierte in den letzten 25 Jahren nichts. Und niemand erkannte die Gefahr rechtzeitig.

Hätte Alan Greenspan die Zinsen nicht so stark senken sollen?

White: Die Zinssenkungspolitik war eine gute Lösung, aber es wurde allgemein ausser Acht gelassen, dass die Lage dadurch künftig weitaus schwieriger würde. Die Zentralbanken haben die Zinsen 1991 massiv gesenkt, im Gegenzug kam es 2001 und 2003 zu einer noch stärkeren Erholung. 2007 und 2008 hat sich die Situation allerdings noch deutlicher verschlechtert.

In den letzten Monaten haben wir wiederum massive Zinssenkungen erlebt ...

White: Zuvor hat es niemals eine Phase gegeben, in der die Zinsen so schnell gesenkt wurden. Mit jedem Zinsschritt müssen die Zinssenkungen grösser ausfallen, damit die gleiche Wirkung erzielt wird. Im Endeffekt funktioniert es überhaupt nicht. Darin liegt das Problem.

Die letzten Zinssenkungen haben die Lage nicht wirklich verbessert. Befinden wir uns bereits in diesem Stadium?

White: Vielleicht; wenn die Zinsen im Kreditmarktboom nicht massiv erhöht werden, können sie beim Abwärtstrend auch nicht massiv gesenkt werden. Falls die Zinsen während des Booms weniger stark erhöht und anschliessend beim Abwärtstrend wieder gesenkt werden, stehen wir wieder bei null. Dann haben wir ein Problem.