Wie ist derzeit die Stimmung in der Private-Equity-Branche?

Bruno E. Raschle: Man beginnt, die Realität zu akzeptieren. Zwar gibt es noch Manager, die den Ernst der Lage nicht erkannt haben. Im Vergleich zur Internetblase, als viele Businessmodelle nur aus Luft bestanden, sind diesmal Firmen betroffen, die tausende von Mitarbeitern beschäftigen. Eine solche Situation hat unsere Industrie noch nie erlebt. Deshalb haben viele Respekt oder gar Angst, konsequent die Notfallpläne umzusetzen und unangenehme Entscheide zu fällen.

Welche Probleme machen den Private-Equity-Investoren derzeit zu schaffen?

Raschle: Die Bilanzverkürzungen, denen nach wie vor Verpflichtungen gegenüberstehen, belasten. Gleichzeitig führt die erhöhte Transparenz zu einer grösseren Korrelation zwischen den Anlageklassen, während das Private-Equity-Geschäft weiterhin durch Illiquidität und eine lange Haltedauer geprägt ist. Viele Finanzmodelle funktionieren deshalb nicht mehr.

Und wie sieht es auf der Anlagenseite aus?

Raschle: Als Akteur in der Private-Equity-Branche müssen wir sicherstellen, dass die Investments werthaltig sind und kein gutes Geld schlechtem nachgeworfen wird. Hier besteht die Herausforderung im Bewertungsunterschied zwischen dem wahren Wert einer Firma und jenem, der durch die Regulatorien zustande kommt.

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Wie wirken sich die Bilanzverkürzungen bei den Investoren auf Ihr Geschäft aus?

Raschle: Bis jetzt war Adveq nicht durch Defaults, sprich Verzüge, der Investoren betroffen. Wir müssen dieses Szenario im Riskmanagement aber berücksichtigen.

Wie wahrscheinlich ist ein Verzug?

Raschle: Das wissen wir nicht. Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen sind viele institutionelle Anleger einerseits Gefangene der Regulierungen und anderseits ihres Auftrags, auch morgen Gewinn zu erzielen.

Befürchten Sie Ausfälle im Portefeuille?

Raschle: Im Vergleich zur Dotcom-Blase wurde dieses Jahrhundertereignis unterschätzt. Durch die globale Vernetzung können Risiken und Ausfälle nicht mehr isoliert betrachtet werden. Nach einer Lagebeurteilung haben wir jüngst unseren Investoren die mögliche Entwicklung der Portfolios 2009 für ihr eigenes Riskmanagement aufgezeigt.

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Raschle: Die Entwicklung hängt vom Zeitpunkt der Investition ab und wie hoch damals die Ebitda-Multiples waren. Entscheidend ist zudem, mit welchem Leverage die Anlagen getätigt wurden und wie das einzelne Businessmodell genau aussieht. Stark negative Effekte erwarten wir bei den Mega-Buyouts von 2006 und 2007 sowie bei grösseren Buyouts 2007.

Wie werden sich die Ebitda-Multiples 2009 entwickeln?

Raschle: Sie werden weiter zurückgehen. Auf der anderen Seite wird man auch in den kommenden Jahren für Geschäftsmodelle, die innovativ und zukunftsgerichtet sind, relativ hohe Multiples zahlen.

Was steht uns sonst noch bevor?

Raschle: Wir haben die Talsohle noch nicht erreicht. Zuerst folgt nun die reale Wirtschaftskrise, auf die noch eine weitere Finanzkrise folgen dürfte.

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Woran denken Sie dabei?

Raschle: Wir erwarten im Private-Equity-Segment drei Wellen von Wertberichtigungen. Die erste hat uns schon erreicht und betrifft die Reduktion der Ebitda-Multiples. Als Nächstes werden die Gewinne der Portfolio-Firmen wegbrechen, was zu einer weiteren Wertkorrektur führt. Schliesslich müssen in den nächsten Jahren die Fremdfinanzierungen erneuert werden, was zusätzliche Belastungen bringt. Schon heute werden häufig die Bestimmungen der Fremdkapitalgeber verletzt. Schliesslich wird es zu einer starken Konsolidierung in der Branche kommen.

Was halten Sie von den Liquiditätsspritzen der Notenbanken?

Raschle: Damit wird die Finanzinfrastruktur, die in den letzten Jahren aufgebaut wurde, am Leben erhalten. Für die Private-Equity-Branche ist dies von Bedeutung, da die Exit-Seite, sprich das Investment Banking, Corporate Finance oder die M&A-Transaktionen, gleichzeitig lahm gelegt wurden. Die Private-Equity-Industrie ist in viele Firmen investiert, doch ein Exit ist nicht möglich. Da sich die Businessmodelle ändern und limitiertes Kapital zur Verfügung steht, steigt das Risiko für die Private-Equity-Firmen mit zunehmender Haltedauer.

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Kann die Private-Equity-Branche die Exits nicht selber organisieren?

Raschle: Nein, die Branche ist selber einer enormen Konsolidierung ausgesetzt. Alleine im Venture-Capital-Segment in Amerika ist die Zahl der Gesellschaften von 1100 im Jahr 2000 auf heute 500 gesunken. In zwei Jahren werden es wohl nur noch 300 sein. Dies gilt für einen Bereich, der gemeinhin als langlebig galt. Bei den Buyout-Firmen wird Ähnliches passieren, nur viel schneller, denn dort sind die Firmen 100% investiert. Insbesondere ältere Fonds weisen kaum Reserven aus.

Was müssen die Fonds also tun?

Raschle: Vielfach bleibt nichts anderes übrig, als neue Mittel bei den Investoren zu suchen, um die Portfoliofirmen mit mehr Eigenkapital auszustatten. Doch diese sind häufig mit ihren eigenen Problemen und Restriktionen beschäftigt, weshalb die Firmen auf sich selber gestellt sind.

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Die Kostenschraube bei den Gesellschaften wird nochmals dramatisch angezogen.

Raschle: Eigentlich müsste die Kostenschraube schon voll angezogen sein. Statt die Kosten in Tranchen zu reduzieren, sollte man sich auf schwierige Zeiten vorbereiten und die nötigen Massnahmen konsequent durchziehen. Auch wenn die September- und Oktoberzahlen noch gut waren, ist es im November zu massiven Umsatzeinbrüchen gekommen. Anzeichen gab es schon beim Bestellungseingang, doch man wollte diese nicht wahrhaben.

Kommt es zu zahlreichen Entlassungen?

Raschle: Das ist leider so, und zwar nicht nur in der Private-Equity-Industrie, sondern in der gesamten Wirtschaft. Bei den Private-Equity-Häusern sehe ich eine erhöhte Handlungsfähigkeit, da der Aktionär in unmittelbarem Kontakt zum Management steht und deshalb schneller und flexibler reagieren kann.

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Wie realistisch sind die Chancen für liquide Private-Equity-Fonds, dank der Krise günstig an interessante Firmen zu gelangen?

Raschle: Die Private-Equity-Firmen müssen sich zuerst um ihr bestehendes Portfolio kümmern. Denn auch dieses muss betreut und durch die schwierigen nächsten Jahre geführt werden. Dennoch sehen wir durchaus attraktive Gelegenheiten, vorausgesetzt, die Fondsmanager wissen, wie sie sich in einer stagnierenden oder gar rückläufigen Wirtschaft positionieren wollen. Dann können sich Investitionen lohnen. Man darf jedoch nicht vergessen, dass solche Strategien in der Vergangenheit nur funktionierten, wenn bald ein Bullenmarkt folgte. Denn sonst ist die Investition zwar billig, aber man kauft viele Marktrisiken ein, die zusätzliches Kapital benötigen. Ob damit eine vernünftige Rendite erzielt werden kann, ist fraglich.

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Kann man heute überhaupt noch neues Kapital beschaffen?

Raschle: Wir haben kürzlich in zwei von unseren Programmen ein Closing gehalten.

Wer verfügt noch über Gelder?

Raschle: Es sind institutionelle Investoren, Pensionskassen und Versicherer, die in der Vergangenheit sehr konservativ gearbeitet haben. Solche, die in Antizipierung der aktuellen Probleme schon früh Anpassungen vorgenommen haben. Hinzu kommt, dass eigentlich viele Gelder in liquider Form im Markt vorhanden sind, die aber aus Risikoüberlegungen zurückhaltend eingesetzt werden. Nach einer sicher gerechtfertigten Periode des Abwartens sind etliche unserer Investoren zwecks Erwirtschaftung von künftigen Returns wieder aktiv geworden.

Was haben Sie mit den Mitteln vor?

Raschle: Wir stellen die Kontinuität der bestehenden und zukunftsgerichteten Investitionsprogramme sicher.

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Sie kaufen keine neuen Beteiligungen?

Raschle: Nein. Da wir unseren Investoren langfristig hohe Returns bieten wollen, sind wir in den vergangenen Jahren nicht auf den Modewellen der Finanzindustrie geritten und haben nie in Trendprodukte wie Biotech-, Large-Cap- oder Cleantech-Fonds investiert.

Fehlt im riskanten Venture-Capital- Bereich nun das Geld für Start-up-Firmen?

Raschle: Der Realismus wird in allen Segmenten von Private Equity Einzug halten. Für spannende Start-ups steht weiterhin Geld zur Verfügung, wegen der erhöhten Risikoaversion wird die Selektion aber strenger.

Zu Adveq: Wie ist das Jahr 2008 verlaufen?

Raschle: Wir können uns nicht beklagen, denn wir sind signifikant gewachsen und haben Büros in New York und Peking eröffnet. Das vergangene Jahr war für uns sowohl auf der Funding-Seite als auch bei den Investitionen erfolgreich.

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Welche Entwicklung erwarten Sie 2009?

Raschle: Falls kein absoluter Gau eintrifft, sind wir eigentlich sehr zuversichtlich. Wir haben Initiativen gestartet, die wir trotz Finanzkrise in diesem Jahr ausbauen werden.

Woher nehmen Sie Ihre Zuversicht?

Raschle: Private Equity ist ein langfristiges Geschäft. Da wir nicht auf den Trendwellen geritten sind, sind unsere Produkte weniger stark den Korrekturen ausgesetzt. Wir haben die Voraussetzungen, auch 2009 Geld zu verdienen.