Sie haben im 1. Halbjahr den Neugeldzufluss um rund 9% gesteigert. Hat sich seither dieses Wachstum im gleichen Tempo fortgesetzt?

Joachim Strähle: Ja, im 2. Halbjahr hat sich der Neugeldzufluss im ähnlichen Stil wie im 1. Halbjahr entwickelt. Es haben auch viele sehr gute Kundenberater neu bei uns angefangen.

Sie haben in diesem Jahr über 100 Kundenberater eingestellt und damit ihr Ziel bereits erreicht. Wollen Sie weiter aggressiv aufbauen?

Strähle: Wir haben uns vor zwei Jahren auf eine Wachstumsstrategie verpflichtet. Die wollen wir nicht einfach von heute auf morgen abbrechen. Wir sind nach wie vor auf der Suche nach guten Leuten. Vielleicht werden wir die neuen Kundenberater etwas langsamer anstellen als bisher. Ich bin allerdings kein Hellseher, wie sich die Finanzmärkte im nächsten Jahr entwickeln werden.

Von welchem Szenario gehen Sie aus?

Strähle: Wir sind für 2009 insgesamt vorsichtig optimistisch für die Entwicklung an den Aktienmärkten. In den ersten Monaten werden jedoch aufgrund der negativen Nachrichten aus der Unternehmenswelt die Abwärtsrisiken bei Aktien überwiegen. Im Jahresverlauf dürfte sich aber der Konjunkturausblick aufhellen, sodass Anleger wieder bereit sein werden, höhere Risiken einzugehen.

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Was machen Sie, wenn es an den Märkten etwa in diesem Stil weitergeht?

Strähle: Dann werden wir unser Modell ganz normal weiterfahren. Wenn die Märkte aber nochmals 20 bis 30% fallen, müssen wir sicher auf die Kosten schauen. Im Moment steht für uns ein Personalabbau nicht zur Diskussion. Dann würden wir lieber bei anderen Dingen sparen.

Wo?

Strähle: Wir würden zum Beispiel IT-Rollouts genauer anschauen und nur noch die aussichtsreichen Projekte fortführen. Wir werden nicht lange zuschauen, wenn wir merken, dass der eine oder andere Business Case nicht so erfolgreich verläuft wie geplant.

Werden auch Abgänge nicht mehr ersetzt?

Strähle: Doch. An der Kundenfront werden die Abgänge sicher ersetzt. Dieses steigende Kundenvolumen versuchen wir ohne Personalaufbau abzuwickeln. Wir werden in der Abwicklung also unsere Effizienz weiter steigern und den Personalbestand möglichst konstant halten.

Wird es problematisch, wenn die Marktschwäche noch lange anhält?

Strähle: Nicht unbedingt, wenn der Markt gleich bleibt und wir ein Wachstum von 10 bis 20% beibehalten. Ein Problem entsteht eher, wenn Sie mehr Kundenberater einstellen, um die wegen der Märkte gesunkenen verwalteten Vermögen mit den Neugeldern der neuen Angestellten zu kompensieren. Dann sind Sie auf dem gleichen Level, haben aber eine höhere Kostenbasis. Dann besteht die Kunst darin, das Tempo der Einstellungen den Gegebenheiten anzupassen.

Wie reagieren Sie konkret?

Strähle: Wir haben geplant, mittelfristig im Durchschnitt jährlich 50 Kundenberater einzustellen. Da wir 2008 bereits mehr als 100 neue Kundenberater eingestellt haben, konnten wir für 2009 ein bisschen vorholen. Wir werden unsere Wachstumsstrategie wie geplant fortsetzen, wenn nicht unvorhergesehene Dinge passieren.

Was erwarten Sie für 2009?

Strähle: Der Ausblick auf der Einkommensseite für 2009 ist sehr unsicher. Was wir kennen, sind die Kosten. Für das Wachstum bin ich eher optimistisch. Die Perspektiven für den Private-Banking-Markt sind nach wie vor sehr gut.

Sie sehen vor allem in Deutschland grosse Wachstumschancen

Strähle: Deutschland ist für uns der wichtigste Markt nach der Schweiz. Wir haben Ende Januar die Vollbankenlizenz erhalten und wollen Frankfurt und München ausbauen. Im nächsten Jahr sollten wir die Gewinnschwelle erreichen.

Sind noch weitere Standorte geplant?

Strähle: Vielleicht eröffnen wir noch eine weitere Niederlassung. Wir richten uns auf den deutschen Mittelstand aus und prüfen derzeit verschiedene Möglichkeiten. Noch ist aber nichts definitiv entschieden.

Wo sehen Sie sonst noch Opportunitäten?

Strähle: In der Schweiz werden wir im Frühjahr 2009 in Bern eine neue Niederlassung eröffnen. Es ist aber nicht unsere Strategie, in der Schweiz 20 Filialen zu haben. Vielleicht werden wir noch das Mittelland und die Innerschweiz anschauen. In Osteuropa wollen wir vor allem Polen vorantreiben.

Sie haben für 2010 ehrgeizige Ziele formuliert. Halten Sie daran fest?

Strähle: Wir können die Wachstumsziele nach wie vor bestätigen. Wir haben immer gesagt, dass wir die 100 Mrd Fr. an verwalteten Vermögen bis 2010 performancebereinigt erreichen wollen. Von diesem Ziel sind wir nicht mehr so weit weg. Die Einkommensziele zu erreichen, wird etwas schwieriger sein.

Wie sieht es konkret mit der Cost-Income-Ratio von unter 60% aus?

Strähle: Wir werden im nächsten Jahr unter anderem die Kosten im Back-Office senken können, dank unserer Tochter Zweiplus.

Das Gewinnziel für 2008 mussten Sie bereits im August einmal revidieren. Wird es schwierig, die angepeilten 150 Mio Fr. zu erreichen?

Strähle: Unsere Kosten haben sich im laufenden Jahr im Zuge der Wachstumsstrategie erhöht, umgekehrt haben wir auf der Ertragsseite bis jetzt nur wenig gelitten. Das im Sommer genannte Ziel von 150 Mio Fr. werden wir nicht erreichen, was aber in diesem aussergewöhnlichen Jahr der Finanzkrise wohl kaum überrascht.

Sie haben sich frühzeitig aus allen Geschäften zurückgezogen, die in der Finanzkrise Probleme bereitet haben. Rückblickend ein glücklicher Zufall?

Strähle: Wir haben nie daran geglaubt, dass man Produkte am Reissbrett entwerfen kann und dann durch das Private Banking «rauspusht». Als ich vor zwei Jahren zu Sarasin gestossen bin, wusste man noch nichts von der Finanzkrise. Wir haben damals aber gespürt, dass die Kombination von Investment Banking und Private Banking nicht unbedingt ideal ist. Wir mögen in guten Zeiten nicht ganz so viel verdienen, dafür ist unser Geschäft langfristig und stetig.

Welches war die grösste Herausforderung in der Finanzkrise?

Strähle: Als besondere Herausforderung hat sich das Management der Gegenparteirisiken im Interbankenmarkt erwiesen. Das Beispiel Lehman hat uns gelehrt: Am Freitag noch «A1» und schon am Montag Konkurs. Bei über 100 Gegenparteien kann man schon ins Schwitzen geraten.

Wie haben Sie sich in den kritischen Monaten verhalten? Hat Sarasin der UBS kurzfristig Kredit gegeben?

Strähle: Unsere Pflicht ist es, die Interes-sen der Bank Sarasin zu wahren und unsere Gegenparteirisiken zu minimieren. In dieser unsicheren Zeit haben wir deshalb unsere Exposures pro Bank ins- gesamt herunterzufahren. Dies gebietet uns das Prinzip der sorgfältigen Geschäftsführung.

Haben die Schweizer Behörden in der Krise richtig reagiert?

Strähle: Das Krisenmanagement in der Schweiz hinkte zeitlich sehr stark hinterher. Wäre zum Beispiel der Interbankenmarkt zu einem frühen Zeitpunkt garantiert worden, hätte sehr viel verhindert werden können. Auch der Regulator hätte sich öffnen können. Wenn man den Finanzmarkt Schweiz weiterhin aufrecht erhalten will, muss man auch gewisse Konzessionen machen. In diesem Sinne unterstütze ich das jetzt verabschiedete Unterstützungspaket für die UBS.

Werden die reinen Privatbanken als Gewinner der Krise hervorgehen?

Strähle: Wir haben uns ausschliesslich auf das Private Banking fokussiert. Das wird in dieser Zeit immer wichtiger. Auch aus regulatorischen Gründen sind Konglomerate nicht mehr das Gelbe vom Ei. Die Macht der Grossbanken ist sehr gross. Man sieht aber, dass die Risiken in einem solch grossen Gebilde nicht richtig überschaubar sind. Es hat schon seinen Grund, warum ich heute hier bin.

Der Sarasin-Titel hat sich viel besser gehalten als die Aktien der Grossbanken ?

Strähle: Der Markt schätzt unsere Fokussierung und honoriert den Erfolg unserer Wachstumsstrategie. Da die Rabobank einen Anteil von 46% hält, ist die Liquidität jedoch nicht sehr hoch. Es gibt deshalb zwischenzeitlich Phasen, in denen unsere Aktien stärker schwanken als andere.

Ist die Bank Sarasin oder deren Kunden vom Madoff-Skandal betroffen?

Strähle: Die Bank Sarasin ist in einem äusserst geringen Umfang betroffen: Als Teil unserer eigenen Anlagen haben wir in geringem Umfang in Fund of Hedge Funds investiert, die wiederum in vom Skandal betroffene Hedge-Fonds investiert haben. Selbst ein vollständiger Wertverlust dieser indirekt gehaltenen Positionen hat jedoch keine materielle Bedeutung für den Konzerngewinn der Bank Sarasin. Genaue Angaben zur Netto-Exposure der Bank oder derjenigen unserer Kunden machen wir nicht.