Die Bauern fordern eine deutliche Erhöhung des Milchpreises. Ein berechtigtes Anliegen?

Fritz Wyss: Forderungen von 10 Rp. oder mehr sind völlig unrealistisch. Wir hatten die letzte Preissteigerung um 6 Rp. Ende letzten Jahres. Da die Preise derzeit weltweit wieder sinken, gibt es für eine weitere Erhöhung auch keine Grundlage. Sollte sich die Situation grundlegend ändern, würden wir die Lage neu beurteilen.

Sie könnten die Mehrbelastung auf die Konsumenten überwälzen.

Wyss: Eine weitere Preiserhöhung würden weder die Konsumenten noch der Handel im In- und Ausland akzeptieren. Wenn sich der Milchpreis weltweit jedoch auf einem hohen Niveau stabilisieren sollte, würden wir mit den Bauern selbstverständlich nochmals zusammensitzen. Das ist frühestens im Herbst 2008 realistisch.

Damit werden Sie bei den Bauern, die ja auch die Hauptaktionäre von Emmi sind, keine Freude auslösen.

Wyss: Mit diesem Dilemma leben wir jetzt schon seit 15 Jahren. Emmi kann nur am Markt bestehen, wenn sie konkurrenzfähig ist. Und das ist nur bei marktgerechten Rohstoffpreisen möglich. Das wissen auch die Bauern. Wir haben bislang noch immer eine Lösung gefunden und die auch umgesetzt. Wenn auch mit teilweise intensiven Diskussionen.

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Die teilweise sehr laut sind.

Wyss: Natürlich. Aber hier ist Emmi ja kein Einzelfall. Auch andere grosse Milchverarbeiter, wie etwa Arla Food oder Nordmilch, gehören zur Mehrheit den Bauern.

Preiserhöhungen dürften aufgrund der weltweit steigenden Nachfrage in den nächsten Jahren aber unabwendbar sein?

Wyss: Da bin ich anderer Meinung. Mit steigender Nachfrage steigt auch die Produktion. Viele Länder dieser Welt kennen keine Mengenbegrenzung. Und in der EU spricht man bereits von der Erhöhung des geltenden Kontingents. Mit dem angestrebten Freihandelsabkommen droht den Schweizer Bauern ein Preissturz.Wyss: Diese Angst besteht zu Recht. Es wird Druck auf den Schweizer Milchmarkt geben. Aber ich werde alles daransetzen, dass dies nicht auf eine Diskussion zwischen Emmi und den Bauern reduziert wird.

Und wie wollen Sie das verhindern?

Wyss: Diese Entscheide müssen politisch gefällt werden. Emmi oder auch andere Milchverarbeiter können hier nicht in die Bresche springen.

Aber wenn es zu einem Freihandel kommt, müssen Sie sich dieser Diskussion stellen.

Wyss: Und das werden wir auch. Im Moment macht es aber keinen Sinn, über Eventualitäten und Möglichkeiten zu reden. Sicher würde es in einigen Bereichen auch für Emmi schwieriger. Ich bin aber überzeugt, dass es langfristig keine andere Möglichkeit als einen Freihandel mit der EU geben wird.

Das heisst?

Wyss: In der Übergangsfrist von der Unterzeichnung bis zur Umsetzung müsste Emmi genau analysieren, bei welchen Produktgruppen wir in Zukunft noch eine Chance hätten, in Europa zu bestehen.

Zum Beispiel?

Wyss: Schweizer Käse sowie Spezial- und Nischenprodukte wie etwa Emmi Caffè Latte. Auf der anderen Seite wären wir deutlich mehr Konkurrenz aus dem Ausland ausgesetzt. Es würden zum Beispiel mehr klassische Milchprodukte aus Europa in der Schweiz verkauft. Deshalb bauen wir auch mit Hochdruck unser Auslandgeschäft aus. Wir wissen, dass der Druck auf die Schweiz zunehmen wird und die Preise für Massenprodukte deutlich sinken werden.

Hat Emmi die kritische Grösse erreicht?

Wyss: Emmi hat die kritische Grösse erreicht. Wir sind in der Lage, neue Märkte und Länder selbstständig zu erschliessen und damit unser Wachstum sicherzustellen. Deshalb mache ich mir um mögliche Übernahmen auch keine Gedanken. Ausgeschlossen ist dies in Zukunft aber nicht.

Eine Übernahme ist doch eine Option?

Wyss: Nein. Aber man sollte niemals nie sagen. Inzwischen bin ich mir auch bei gewissen Schweizer Banken nicht mehr sicher, ob diese selbstständig überlebensfähig sind.

Sie haben vorhin die geografische Expansion erwähnt. Asien, allen voran China, ist ein weisser Fleck auf der Emmi-Karte.

Wyss: Wir sind in Asien präsent, aber nur auf sehr tiefem Niveau. Weshalb? Weil wir uns auf gewisse Märkte fokussieren müssen. In den letzten zwei Jahren wollten wir eher zu viel auf einmal und haben zu viele Baustellen eröffnet. Deshalb setzen wir vor allem auf Europa und Nordamerika.

Asien ist demnach kein Thema.

Wyss: Es ist sicher kein Schlüsselmarkt. Sehen Sie, es ist einfacher, in einem Land seine Produkte zu verkaufen, in denen man diese bereits kennt. Wenn es etwa ein Freihandelsabkommen mit Russland geben würde, wäre es viel einfacher, dort Fuss zu fassen als in China. Und zwar, weil die Russen Milchprodukte bereits kennen. In China muss ausserhalb der Zentren Peking und Schanghai dagegen noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden.

Weshalb verstärken Sie Ihre Präsenz in Russland nicht bereits heute?

Wyss: Wegen der enorm hohen Importzölle. Wenn diese fallen, ist Russland ein sehr interessanter Markt für uns. Zuerst fokussieren wir aber auf Westeuropa und Nordamerika.

Wie gross soll Emmi in diesen Ländern werden?

Wyss: In ganz wichtigen Märkten wie Deutschland, Italien oder den USA sollten wir mindestens 100 Mio Fr. umsetzen, damit wir dort professionelle Tochtergesellschaften führen können.

Wie passen eigentlich Subventionen zu einem börsenkotierten Unternehmen?

Wyss: Das ist keine Subvention, sondern eine Rohstoffverbilligung. Wir möchten seit langem schon, dass der Staat das Geld direkt den Bauern zahlt. Die Beihilfen und Zulagen werden im Übrigen seit Jahren zugunsten von Direktzahlungen massiv zurückgefahren.

2007 hat ein grosses Loch in die Emmi-Kasse gerissen. Wie gross ist es?

Wyss: Wir mussten unsere Gewinnerwartung von 2 bis 2,5 auf 1,5 bis 1,7% nach unten korrigieren. Das Jahresergebnis werden wir am 16. April 2008 präsentieren.

Das Umfeld 2007, Konsumentenstimmung und Wechselkurs, war sehr positiv. Wenn man es 2007 nicht schafft, wie wollen Sie es dann 2008 besser machen?

Wyss: Wir haben zwei Sparpakete geschnürt. Damit sparen wir 20 Mio Fr. ein. Wenn eine Firma so stark wächst wie Emmi in den letzten Jahren, besteht die Gefahr, dass die Betriebskosten, zum Beispiel die Marketingkosten, ebenfalls stark wachsen. Das korrigieren wir nun.

Wie wollen Sie ins Ausland expandieren und gleichzeitig bei den Marketingmassnahmen sparen?

Wyss: Marketingmassnahmen bestehen nicht nur aus Werbung im Fernsehen oder auf Plakaten. Wir können sparen, indem wir zum Beispiel zurückhaltender bei Ausstellungen und grossen Sponsoringevents präsent sind. Sparen ist harte Knochenarbeit.

Lautet Ihre Botschaft an den neuen CEO Urs Riedener, der am 3. März 2008 bei Emmi beginnt: Sparen, sparen, sparen?

Wyss: Nein, nein. Unsere Strategie bleibt unverändert. Wir wollen wachsen. Das können wir in der Schweiz nicht mehr. Wir wollen hierzulande unsere Marktanteile halten und gleichzeitig im Ausland mit bestimmten Produktgruppen wachsen.

Weitere Ratschläge an Urs Riedener?

Wyss: Urs Riedener hat den Auftrag, in den nächsten Jahren ein durchschnittliches Wachstum von 2 bis 3% zu erreichen, das wir schwergewichtig im Ausland sehen. Er muss ein Emmi-Eigenkapital von 40% halten und den Minimalgewinn von 2% überschreiten.

Das Wachstum sehen Sie im Ausland. Urs Riedener arbeitete aber in den letzten Jahren bei Migros, die sich vor allem auf das Inland konzentrierte und kaum gewachsen ist.

Wyss: Urs Riedener bringt enorm viel Stärke in unser Unternehmen. Er ist ein Schnelldenker, hat Erfahrung in einer Grossfirma, ist einer der besten Kenner des Detailhandels und bei Lindt & Sprüngli war er beim Aufbau der Marke in den USA mit dabei. Zudem ist er ein Bauernsohn.

Ein Bauernsohn wie Sie?

Wyss: Ich habe ursprünglich Käser gelernt.

Sie sind bis 2009 als VR-Präsident gewählt. Werden Sie sich ab 2009 auf die Arbeit in Ihrer Kunstgalerie in Ascona konzentrieren?

Wyss: Mit 65 werde ich wahrscheinlich bei Emmi aufhören. Dann hätte ich Emmi 17 Jahre lang geführt.

Und dann wird der Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber und nicht der ehemalige Bunderat Joseph Deiss Ihr Nachfolger?

Wyss: Man kann auch eine Person wählen, die noch nicht im Verwaltungsrat ist.