Russische Truppen stehen an der Grenze zur Ostukraine, die EU und die USA ­drohen Russland mit Sanktionen. Sie k­ennen die Region sehr gut – wie schätzen Sie die Lage ein?
Philip Scrève: Persönlich glaube ich nicht, dass Russland die Ukraine weiter teilen will. Es will mehr Autonomie für den russisch geprägten Osten und keine Nato-Dominanz in der Ukraine. Die EU hat auch kein Interesse an einer Eskala­tion, Russland ist ein wichtiger Partner. Ich hoffe darum, dass die Sanktionen abgewendet werden können. Es wird sich bald zeigen, ob das gelingt – dies sind entscheidende Tage für Russland.

Wie reagieren Investoren auf die Krise?
Der Markt ist eingebrochen und der ­Rubel seit Anfang des Jahres stark geschwächt. Grundsätzlich könnte das eine günstige Gelegenheit für Investoren sein, weil ein schwacher Rubel den Exportsektoren wie Öl, Rohstoffe oder Metall nützt. Sie verbuchen ihre Einnahmen in Dollar, aber ihre Kosten in Rubel. Das Risiko ist allerdings gross. Zum einen haben die Unternehmen dieser Branchen in der Vergangenheit den Anlegern nicht zuverlässig Gewinne beschert. Zum anderen wären genau diese Sektoren natürlich von Sanktionen betroffen. Ich hoffe jedoch wirklich, dass diese nicht kommen. Sie würden der EU mehr schaden als Russland selber.

Warum?
Die EU ist stark abhängig von russischem Öl und Gas. Russland kann dieses auch woanders verkaufen, insbesondere in China. Aber Europa ist auf eine gute Partnerschaft angewiesen. Auch der Ukraine wäre nicht gedient mit einer Eskalation der aktuellen Krise: Sie ist stark von russischen Investitionen abhängig. Der wirtschaftlich erfolgreichste Teil des Landes ist der Osten, in dem viele Russen leben. Verschlechtert sich die Beziehung mit Russland weiter, hat dies drastische Folgen für das Land. Wir werden es in den nächsten Wochen sehen: Am 25. Mai sind die Wahlen in der Ukraine, bis dahin wird sich vieles zeigen.

Anzeige

Ihr Fonds ist und bleibt in Russland ­investiert. Wo sehen Sie Chancen?
Ich gehe davon aus, dass Russland ein aufstrebender Markt bleibt, selbst wenn das Wachstum sich verlangsamt. Es gibt in diesem riesigen Land noch viel ungenutztes Potenzial, und Russland ist die stärkste Macht in der Region. Interessant sind vor allem langfristige Investitionen, etwa in den Retailmarkt, in Technologieunternehmen oder vielleicht sogar den Finanzsektor. Es gibt hier einige kleinere, aufstrebende Unternehmen, aber auch Ketten nach internationalem Vorbild.

Bitte nennen Sie einige Beispiele von spannenden Einzelwerten, die Sie beobachten.
Da wäre etwa die Supermarktkette Magnit. Sie hat innert weniger Jahre über 5000 Standorte aufgebaut – auf einem Gebiet, auf dem davor nichts war. Oder M.video, eine russische Variante von Media Markt, ebenfalls sehr erfolgreich. Interessant sind ausserdem IT-Unternehmen, etwa Yandex. Es hat als lokale Suchmaschine angefangen und ist inzwischen das grösste News-Unternehmen des Landes. Auch Mail.ru ist interessant, ein Internetkonzern, der unter anderem eine russische Version von Facebook betreibt.

Haben russische IT-Firmen gegen die ­amerikanische oder asiatische Konkurrenz eine Chance?
Ja. Einige von ihnen, etwa der IT-Dienstleister Epam Systems oder der Software-Entwickler Luxoft, sind sogar an der Nasdaq notiert. Epam hat seinen Hauptsitz inzwischen in Philadelphia. Beide erzielen einen grossen Teil ihrer Umsätze im Westen, unterhalten ihren Service aber zu günstigen Kosten in Zentral- und Ost­europa. Sie profitieren von der Abwertung des Rubel, dies macht sie noch wettbewerbsfähiger.

Was, wenn die Krise doch eskaliert?
Lassen Sie uns hoffen, dass das nicht geschieht. Dass die Truppen tatsächlich an der Grenze der Ukraine stehen, um Druck für eine friedliche Lösung aufzusetzen, und nicht, um einzumarschieren.