1. Home
  2. Invest
  3. Börsenausblick: Experte erwartet Einigung im Handelsstreit

Börseninterview
«Erhebliche ungenutzte Kapazitäten im Euro-Raum»

Frankenstärke
Franken-Euro-Entwicklung: Der Euro hat mächtig Auftrieb. Quelle: Keystone

Aktienexperte William Hobbs geht davon aus, dass die USA und China im Handelsstreit einigen. Die Zinswende in Europa wird dennoch auf sich warten lassen.

Von Marc Bürgi
am 27.04.2018

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
William Hobbs*: Wie bereits im Januar erwähnt, war eine Fortsetzung der Entwicklung der Vorjahre, mit dem stetigen steilen Anstieg an den Aktienmärkten, unwahrscheinlich. Während sich der Anleihenmarkt stark auf eine mögliche Deflation eingestellt hatte, wurde er mit dem Aufkommen eines moderaten Inflationsdrucks von der Realität eingeholt. Die Zinskorrektur hat dazu beigetragen, dass sich das Umfeld der Aktienmärkte verschärft hat. Auch gilt es, den anhaltenden Handelsstreit zwischen den USA und China zu beobachten. Allerdings ist eher davon auszugehen, dass sich die Länder auf eine gewisse Verhandlungslösung einigen werden, als dass die Spannungen weiter eskalieren.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die Frühindikatoren für die Wirtschaftstätigkeit in Europa haben ihren Höhepunkt erreicht. Auch in anderen Teilen der Welt weisen Daten in diese Richtung. Nichtsdestotrotz spiegeln diese Indikatoren die weiterhin robuste Wirtschaftstätigkeit. Vor diesem Hintergrund sind die Aussichten sowohl für Schweizer als auch für europäische Unternehmen beachtenswert. Die Aktienkurse dürften auch in den kommenden zwölf Monaten die gute Entwicklung der Unternehmensgewinne abbilden.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Der Schweizer Aktienmarkt hat eine prognostizierte Dividendenrendite von deutlich über 3 Prozent, die in den nächsten Jahren im mittleren einstelligen Prozentbereich wachsen soll. Dies deutet darauf hin, dass Anleger bei Schweizer Aktien mit mittleren bis hohen einstelligen jährlichen Gesamtrenditen rechnen können, ohne dass eine Ausdehnung der Bewertung erforderlich ist. Das gilt zumindest bis zum Beginn der nächsten Rezession.

Anzeige

Der Ölpreis ist zuletzt deutlich gestiegen. Könnten höhere Energiepreise den globalen Konjunkturaufschwung bremsen?
Es gibt Szenarien, in denen der Ölpreis das Wachstum bremst. Ölschocks waren vor 1985 in den Industrieländern die häufigste Ursache für eine Rezession. Aus unterschiedlichen Gründen ist das seit 1985 weniger der Fall, sei es wegen höheren strategischen Lagerbeständen oder der Präsenz eines neuen wichtigen Produzenten in Form des US-amerikanischen Ölsektors. Die Ölpreise müssten unseres Erachtens weiter steigen, um die Weltwirtschaft wesentlich zu beeinflussen. Ohne einen grossen Angebotsschock ist dies im Umfeld eines nach wie vor recht ausgewogenen, wenn auch angespannten Ölmarktes unwahrscheinlich.

Die Europäische Zentralbank hat am Donnerstag ihre Sitzung abgehalten. Rechnen Sie mit einer schnellen Zinswende im Euro-Raum?
Im Moment geben die Inflationsdaten der EZB wenig Anlass, sich die Zinsen vorzuknöpfen. Tatsächlich haben sich in den letzten Monaten viele Voraussagen in die andere Richtung bewegt, wonach nun für die Normalisierung der Zinsen von einem langsameren Tempo auszugehen ist. Eine ganze Reihe von Indikatoren weisen auf nach wie vor erheblichen ungenutzten Kapazitäten im Euro-Währungsraum hin. Wir erwarten deshalb, dass sich die Inflation in den nächsten Jahren in der Region deutlich bemerkbar machen wird. Aber derzeit sieht die Pipeline noch recht günstig aus, was darauf hindeutet, dass die EZB einen sehr langfristigen Zinserhöhungsprozess anstreben könnte.

Bild_William_Hobbs
* William Hobbs ist Head of Investment Strategy UK and Europe bei der Barclays Bank. Er hat mehr als zehn Jahre Erfahrung im Finanzsektor und arbeitet seit Oktober 2005 für Barclays, wo er zu Beginn im Equity Research Team den globalen Konsum-Sektor abdeckte.
Quelle: Barclays

Aus Sicht des Internationalen Währungsfonds bedrohen die hohen Staatschulden vieler Länder den globalen Wirtschaftsaufschwung. Teilen Sie diese Sorge?
Ängste vor einer hohen Staatsverschuldung in bestimmten Ländern sind sicherlich nichts Neues. Wir bleiben aber recht gelassen, was diese Bedrohung angeht. Einerseits sehen wir nicht, dass die Zinsen in absehbarer Zeit auf ein weniger kontrollierbares Niveau steigen werden. Andererseits funktionierten viele dieser Volkswirtschaften auch unter einer weitaus grösseren Staatsverschuldung, ja sie gediehen sogar. Und letztlich sind anhaltend niedrige Zinsen in der Regel den vertrauenswürdigen Gläubigern vorbehalten. Dennoch gibt es Bereiche, die weiterhin Anlass zur Besorgnis geben. Italien zeichnet sich durch schwache Wachstumsaussichten, einen riesigen Schuldenberg und eine dysfunktionale Politik aus. Allerdings bleibt das weltwirtschaftliche Umfeld derzeit noch ausreichend günstig, um derlei Bedenken wegzuschieben.

Die Schweizer Exporte sind im ersten Quartal gestiegen. Werden sich die Ausfuhren weiterhin so stark entwickeln?
Die Frühindikatoren für den Welthandel befinden sich zwar im Aufwärtstrend, bleiben aber im Rahmen der allgemein positiven Entwicklung. In den meisten Teilen der Welt ziehen die Investitionen weiter an, während sich die positiven Auswirkungen der etwas exzentrisch getakteten US-Finanzanreize kaum nur innerhalb der amerikanischen Grenzen entfalten dürften. Insgesamt erwarten wir für die kommenden Monate und Quartale eine weiterhin positive Entwicklung der Schweizer und europäischen Exporte.