Für Erin Callan, Finanzchefin bei Lehman Brothers, war die Analystenkonferenz im März eine echte Bewährungsprobe. Die Gerüchte überschlugen sich, dass es Lehman wie der Investmentbank Bear Stearns ergehen könnte. Doch nachdem sie fast eine Stunde die Zahlen durchgegangen war, beantwortete Callan ganz cool die Fragen der über 20 Analysten. Dann ging sie runter in die Abteilung Anleihehandel und klatschte mit Handelschef Peter Hornick ab. Später bekam sie noch stehende Ovationen von den Bondhändlern. Die Lehman-Aktien waren um 46% gestiegen, obwohl der Gewinn gesunken war.

Nach sechs Monaten in einem der härtesten Jobs im Investment Banking entwickelt sich die 42-jährige Callan zu einer Persönlichkeit, die Lehman wachrüttelt, und einige Vorstellungen, die man über Finanzchefs hat, über den Haufen wirft. Callan hat die höchste Stellung einer Frau an der Wall Street. Viele Lehman-Insider sehen in ihr eine Kandidatin für den Chefsessel.

Sicherer Instinkt hilft

Anders als ihre zwei Vorgänger ist Callan weder Wirtschaftsprüferin, noch hat sie vorher in der Finanzabteilung gearbeitet. Sie hat häufige Fernsehauftritte, und sie erhält einen dünneren täglichen Finanzbericht als ihre Vorgänger. Lieber verlässt sie sich auf Informationen von Leuten aus dem Parketthandel, die sie während ihrer 13-jährigen Lehman-Karriere kennen und schätzen gelernt hat. «Wir haben dort viele grossartige Leute», sagt sie.

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Der Aufstieg der Anwältin für Steuerrecht zeigt, dass es sowohl Überzeugungskraft als auch sichere Instinkte verlangt, eine Vertrauenskrise abzuwenden, wie sie Bear Stearns zum Verhängnis wurde. Beide Eigenschaften bringt Callan mit. Um Befürchtungen zu zerstreuen, dass Lehman in einen ähnlichen Liquiditätsengpass geraten sein könnte wie Bear Stearns, absolvierte Callan hunderte von persönlichen Treffen und Telefonaten mit Investoren und Handelspartnern. Sie zerstreute Gerüchte und drängte ihre Chefs, mehr Finanzinformationen offen zu legen.

Fragen zu den Gewinnaussichten

Trotzdem sind die Performance und die Zahlen von Lehman angegriffen worden. Im letzten Quartal waren auf der Habenseite 1,6 Mrd Dollar unter der Kategorie «schwer zu wiederholende Gewinne» zu verbuchen. Einige Investoren machten sich deshalb Sorgen um die längerfristigen Gewinnaussichten. Lehman antwortete, dass das Geschäftsmodell diversifiziert sei und man erwarte, dass der Marktanteil in einem freundlicheren Umfeld steige.

Meredith Whitney, Analystin bei Oppenheimer & Co, ist beeindruckt von der bisherigen Leistung Callans. «Sie exponiert sich stark in ihrem Bestreben, Lehmans Gewinne, Strategie und Geschäft transparent zu machen. Solange sich die Dinge unter ihrer Leitung gut entwickeln, wird ihr Ansehen bei Anlegern steigen.»

Wohl auch bei den anderen Führungspersönlichkeiten der Bank. Denn die waren skeptisch, als sie im Januar entschied, an den Kreditmärkten 4 Mrd Dollar einzusammeln. Doch Callans Kontaktleute auf dem Parkett sagten ihr, dass es für Lehman immer schwerer werden würde, auf die Kreditmärkte zuzugreifen. «Die Auskunft, die ich vom Parketthandel bekam, lautete: Die Bedingungen werden nicht besser. Also zogen wir den Deal durch. Und es stellte sich heraus, dass es eine gute Entscheidung war.»