Am 29. Oktober hat die US-Notenbank (Fed) ihren Leitzins um 50 Basispunkte auf 1% reduziert. Begründet wurde der Schritt mit der Verlangsamung des Wachstums. Zwei Tage danach hat Japans Notenbank mit einer Senkung von 0,5% auf 0,3% nachgezogen. Am 6. November wird nun auch die Europäische Zentralbank EZB ihren Entscheid bekannt geben: Die Chancen stehen gut, dass sie die Zinsen ebenfalls um 50 Basispunkte auf 3,25% senkt. Die Begründung wird dabei ähnlich ausfallen wie jene der Fed deutlich gestiegene Risiken für die Konjunktur bei gleichzeitig abnehmendem Inflationsdruck.

Japan: Abschreckendes Beispiel

Mit einem Satz für die Fed-Funds von 1% hat Ben Bernanke dort nun die tiefsten Niveaus seines Vorgängers Alan Greenspan im Jahr 2003 erreicht. Wie wir wissen, hat Greenspan damit die Voraussetzungen für eine der grössten Spekulationsblasen der Geschichte geschaffen.

Bernanke ist indessen noch forscher als sein Vorgänger. Die realen Fed-Fund-Sätze sind auf Niveaus gesunken, die zuletzt Ende der 70er Jahre erreicht worden waren. Damit stellt sich die Frage, ob Bernanke, in Kooperation mit anderen Notenbanken, eine vergleichbare Hausse in den Vermögenswerten lostritt wie Greenspan. Aller Wahrscheinlichkeit nicht. Der entscheidende Unterschied ist, dass die Bankensysteme in den USA und der Eurozone stark angeschlagen sind. Damit ist die gegenwärtige Situation eher mit der Japans nach dem Platzen der Immobilien- und Aktienblase 1989 zu vergleichen.

Ein erste Lehre daraus für den Anleger: Der Bärenmarkt kann sehr lange dauern. Am 28. Oktober hat der Nikkei 225 mit 6994 ein neues Tief erreicht. Dies ist umso ernüchternder, als Japans Regierung und die Notenbank nichts unversucht liessen, um der Wirtschaft unter die Arme zu greifen. Die Bank of Japan hat bis Februar 1999 die Leitzinsen auf 0% gesenkt. Die Regierung 1992 bis 1995 hatte eine Serie von sechs Konjunkturpaketen im Gesamtumfang von 65 Billionen Yen verabschiedet. 1999 wurden nochmals 25,5 Billionen Yen nachgelegt, und 2000 wurde mit weiteren 11 Billionen Yen nachgebessert. Auch dem Bankensystem wurde kräftig unter die Arme gegriffen. Im Oktober 1998 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Verstaatlichung von Banken erlaubt.

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Mit dem Fiscal and Investment Loan Programme (FILP) wurde zudem versucht, den Unternehmen direkt Kredite zukommen zu lassen. Auch das konnte den Bärenmarkt nicht brechen. Was blieb, ist ein hoch verschuldeter Staat. 2001 schätzt die Economist Intelligence Unit die Gesamtverschuldung auf 200% des BIP. All die Massnahmen Japans zur Wirtschaftsstabilisierung gleichen jenen, die heute eingeleitet werden. Aber was hat dazu geführt, dass in Japan das ernüchternde Fazit war, ausser Spesen nichts gewesen? Experten diskutieren, ob die Wirkungslosigkeit darin begründet war, dass Massnahmen zu spät oder mit zu wenig Nachdruck ergriffen wurden.

Ansporn für Renditejäger

Die entscheidende Ursache der Probleme, in die Japan geraten ist und in die wir hineingeschlittert sind, ist die dem Krach vorangegangene Tiefzinspolitik der Notenbanken. Am 25 Juni 2003 lagen die Leitzinsen in den USA bei 1%, in der Eurozone erreichten sie am 5. Juni 1%, in der Schweiz am 17. Juni 2004 0,5% und in Japan fielen sie 2001 de facto auf 0%. Real waren die Zinsen sogar negativ.

Dass solche Verhältnisse die Anleger zur Renditejagd treiben und dass diese dabei immer abenteuerlicher anmutende Investitionen tätigen, wundert wenig. Die spekulativen Blasen sind jedoch nur ein Aspekt des Problems. Die gravierenderen Folgen sind die Verzerrungen in der Produktionsstruktur der Wirtschaft.

Gesundung unterbrochen

Es wurde zu viel in lang dauernde und kapitalintensive Prozesse investiert. Zwar wurde Wachstum generiert, aber dieses ist nicht dauerhaft. Werden die Investitionen aber durch aus dem Nichts geschaffenes Kreditgeld finanziert, gibt es Probleme: Die Ressourcen sind nicht gegeben, und die Kapitalstruktur der Wirtschaft entspricht nicht den Präferenzen der Wirtschaftsteilnehmer. In einer Rezession werden solche Schieflagen zurechtgerückt. Wenn nun aber Notenbanken das System wieder mit Billigstgeld fluten und Regierungen lädierte Boom-Industrien über Wasser halten, dann unterbrechen sie diesen Gesundungsprozess und verschleppen damit die Krankheit.

Darum sollten Anleger sich von den momentan eingeleiteten Programmen der Staaten und Notenbanken nicht allzu viel versprechen für die Rendite im Portefeuille. Bestenfalls könnte es einige Zwischenphasen geben, in denen alles in etwas freundlicherem Licht erscheint. Längerfristig muss allerdings, wenn die gegenwärtige globale Wirtschaftspolitik so weiter verfolgt wird, mit Wachstumsschwäche und einem lange andauernden Bärenmarkt gerechnet werden.