Der Ölpreis ist auf Erholungskurs und kratzt erstmals seit vier Monaten an der Marke von 40 Dollar. Damit hat das schwarze Gold nach dem Tiefpunkt von weniger als 28 Dollar in den vergangenen Wochen über ein Drittel an Wert zugelegt. Ist das Schlimmste vorüber? Noch sind viele Experten zurückhaltend – einige Argumente sprechen dafür, dass die Rally schon bald vorbei sein könnte. Doch erneute Preisstürze auf unter 30 Dollar scheint kein Experte auf dem Zettel zu haben.

Bei den Rohstoffpreisen zeichne sich eine Bodenbildung ab, zeigt auch der Rohstoffpreisindex des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Das Barometer stieg nun zum ersten Mal seit Oktober. Mittlerweile sieht so mancher Investor in den grossen Rohstoffgesellschaften auch wieder einen Geheimtipp am Aktienmarkt. Renato Flückiger, Investmentchef der Bank Valiant in Bern, setzt nach den starken Preisrückgängen auf den lädierten Sektor.

Royal Dutch und Rio Tinto offenbar gut aufgestellt

Er hat vor allem zwei Aktien als Favoriten: Royal Dutch und Rio Tinto. «Royal Dutch hat sich mit der Übernahme der BG Group Produktionswachstum für die nächsten Jahre gesichert», sagt Flückiger im Interview mit finanzen.ch. «Der Konzern verfügt zudem über genügend Flexibilität, um die Phase mit einem tieferen Ölpreis gut zu meistern.»

Für die weltweit agierende Minengesellschaft Rio Tinto spricht laut dem Börsenexperten insbesondere die Grösse: «Sie betreibt Standorte mit den tiefsten Produktionskosten der Branche», sagt Flückiger. «Dieser Vorteil ermöglicht es Rio Tinto, auch in der aktuellen Tiefpreisphase profitabel zu bleiben.»

UBS erwartet Anstieg des Ölpreis auf 55 Dollar

Noch sind Experten mit Blick auf die Rohstoffentwicklung jedoch gespalten. Vergleichsweise positiv ist die UBS: Sie veranschlagt mittlerweile für die Nordseesorte Brent einen Preisanstieg auf 55 Dollar pro Fass in den kommenden 12 Monaten. Ab der zweiten Hälfte 2016 dürften sich demnach die gesunkenen Investitionen im Energiesektor bemerkbar machen.

Valiant-Experte Flückiger ist verhaltener: Er sieht den Ölpreis in den kommenden 12 bis 18 Monaten bei maximal 45 Dollar. Dafür nennt er drei Gründe. Allen voran stehe der weltgrösste Ölprodzent Saudi-Arabien: Das Königreich lobbyiert stark gegen eine weitere Ausweitung der weltweiten Ölproduktion und will seinen Marktanteil verteidigen.

US-Produzenten schielen auf Produktionsstart

Sollte darüber hinaus der Ölpreis wieder rund 38 bis 40 Dollar erreichen, wird laut Flückinger aber auch die US-Schieferöl-Produktion wieder profitabel. «Sie könnte sehr schnell wieder aktiviert werden, was den Preis wieder nach unten drücken würde», sagt der Experte.

Als dritten Punkt führt der Valiant-Experte die ernormen Ölvorräte an. Erst in der vergangenen Woche meldete das US-Energieministerium einen Anstieg der Lagerbestände um 10,4 Millionen auf 518 Millionen Fässer. Damit erreichten die Reserven einen neuen historischen Höchststand.

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