Letztes Jahr hat Gottex ihre Investoren mit einem schweren Kurszerfall und Fondsschliessungen geschockt. Nun sind zahlreiche Vehikel wieder geöffnet, und die Aktie ist dieses Jahr mit 160% Kursgewinn der beste Wert am SPI. Ist Gottex über den Berg?

Joachim Gottschalk: Das ist die grosse Frage. Sicher ist, dass wieder Leben in die Hedge-Fonds-Branche kommt. Die Märk-te, in die unsere Fonds investiert sind, haben Boden gefunden.

Bleibt das Problem, dass verunsicherte Kunden Geld aus Hedge-Fonds abziehen. Müssen Ihre Produkte weitere Abflüsse verschmerzen?

Gottschalk: Man muss unterscheiden. Der Anteil von privaten Vermögen ist bei uns von 20 auf 10% gesunken, während sich die institutionellen Investoren kaum zurückzogen. Da wir letzten März und Anfang Juni mehrere Fonds wieder geöffnet haben, dürften wir über alles noch leichte Abflüsse sehen. Bis zum Herbst erwarte ich dann, dass uns vorab von institutioneller Seite wieder frisches Geld zufliesst.

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Dann ist die Gefahr, erneut Fonds schliessen zu müssen, gebannt?

Gottschalk: Die Liquidität der Investments hat sich deutlich verbessert. Künftig werden alle unsere Fonds offen bleiben. Diese Liquidität gilt es jedoch zu bewahren: Einzelne illiquide Subfonds in den beiden sogenannten Run-Off-Portefeuilles werden weiter von Rückzahlungen ausgenommen sein. Allerdings betrifft dies nur etwa 5% der Assets in diesen Vehikeln.

Bleibt der Umstand, dass Gottex wegen der Krise die Gebühren senken musste. Sie verdienen also weniger auf den noch verbleibenden Vermögen.

Gottschalk: Das ist ein genereller Trend der Branche. Wenn die Gewinne nicht gut sind, muss man realistisch sein und die Gebühren reduzieren. Bei unseren Produkten senkten wir die Verwaltungskosten von 1,2 auf 0,75%, und dabei sollte es bleiben. Die Performancegebühren zugunsten der Fondsmanager werden zudem nicht mehr halbjährlich, sondern künftig teils erst nach mehreren Jahren ausbezahlt, um die Anreize längerfristig zu setzen. Doch im Moment ist die Diskussion müssig: In den nächsten Jahren wird es nur dann Performancegebühren geben, wenn die Renditen über die Höchstmarken der vergangenen Jahre steigen.

Welche Renditen erzielen Ihre Fonds derzeit?

Gottschalk: In den ersten fünf Monaten 2009 war der Market Neutral Plus Fund positiv, die Performance liegt bei rund 4,5%. Die Asset-Based-Strategien sind dagegen weiterhin unter Druck.

Das ist aber genau der Bereich, den Sie jetzt mit der Übernahme der auf direkte Firmenkredite spezialisierten SJC Capital Partners ausbauen. Gehen Sie damit nicht ein grosses Risiko ein?

Gottschalk: Das Direct Lending ermöglicht uns, rasch auf Chancen am Markt zu reagieren. Die sehe ich kommen, wenn sich die Banken noch weiter aus dem Firmenkreditbereich zurückziehen. Im Gegensatz zu den Banken können Hedge-Fonds diese Kredite mit Investorengeldern decken, sie brauchen also keinen Fremdkapitalhebel. Dieser neue Bereich könnte jährlich über 10% wachsen, derzeit hat unser Asset-Based-Geschäft einen Umfang von 2,3 Mrd Dollar.

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Indem Sie direkt investieren, entfernen Sie sich von ihrem Dachfonds-Ansatz.

Gottschalk: Die Wertschöpfungskette bei den Dachfonds wird künftig entbündelt angeboten. Wer jetzt noch wachsen will, der muss den Investoren nicht nur diversifizierte Dachfonds, sondern auch Direktinvestments, individuelle Vermögensverwaltung Managed Accounts und Beratung bieten. Die Kunden wollen umfangreicheres Reporting und besseres Risikomanagement. Mit den neu gegründeten Gottex Solutions Services positionieren wir uns genau dort.

An SJC haben Sie sich eine Mehrheit gesichert - gäbe es weitere Übernahmeziele?

Gottschalk: Es gibt derzeit viele Möglichkeiten. Wir wollen aber unser Geld nicht für Fondsvermögen ausgeben, sondern für qualifizierte Talente.

Gottex könnte aber auch übernommen werden?

Gottschalk: Wir sind sehr zufrieden mit unserer jetzigen Situation, verschliessen uns Diskussionen mit potenziellen Partnern aber nicht.

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Was für Produktinnovationen planen Sie?

Gottschalk: Wir werden im Juli oder August einen neuen Multi-Asset-Fonds lancieren, der neben Aktien und Bonds zu 60% auf alternative Anlagen wie Hedge-Fonds, Private Equity, Real Estate und Rohstoffe setzt. Eine weitere Initative ist der Focused Opportunity Fund, der in dislozierte Kredite investieren wird. Wenn wir innert eines Jahres mit diesen Initiativen zwischen 500 Mio bis 1 Mrd Dollar an Investorengeldern gewinnen können, wäre das ein schöner Erfolg.

Diesen Expansionsplänen steht indessen ein Stellenabbau gegenüber. Wie passt das zusammen?

Gottschalk: Wir wollen die Kosten um 30% senken. Einen grossen Teil der Einsparungen haben wir jetzt schon umgesetzt. Im Moment ist kein weiterer Stellenabbau geplant. Sowieso ausgenommen ist die neue Gottex Solutions Services, die per 1. Juni mit ihrer Managed-account-Plattform aktiv geworden ist.

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Was leistet der neue Geschäftszweig konkret?

Gottschalk: Die neue, unabhängige Managed-account-Plattform bringt eine tägliche Datentransparenz, statt wie bis anhin einmal pro Monat und das für jeden Kunden individuell. Damit begegnen wir zwei Hauptkritikpunkten an den Dachfonds: Die mangelnde Transparenz und die Vermischung verschiedener Investoreninteressen.

Aber die Sonderbehandlung kostet doch massiv mehr?

Gottschalk: Nein, bei uns generiert sie keine aussergewöhnlichen Extrakosten. Wir verschaffen unseren Investoren schlicht Zugang zu unseren IT- und Managementsystemen, die wir nun schon über Jahre aufgebaut haben. Für die Kunden steigen die Gebühren dabei nur um rund 0,35%.

Die Transparenzbestrebungen sind lobenswert - doch lassen sich damit Betrugsfälle wie der Madoff-Skandal verhindern?

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Gottschalk: Ich glaube, dass in einem Managed-account-Format ein Fall Madoff nicht geschehen wäre: Broker und unabhängige Aufsichtsstellen rapportieren uns alle Vorgänge, das Risiko eines Betrugs wird somit sehr stark reduziert. Gegen kriminelle Machenschaften sind Anleger aber letztlich nie völlig gefeit.

Allerdings war auch Gottex selber von dem Betrugsfall der Petters Group in den USA betroffen ?

Gottschalk: ? mit Folgen für rund 10% der Vermögen in unseren Asset-Based-Fonds. Wir mussten diese Investments in den drei von Petters betroffenen Hedge-Fonds praktisch völlig abschreiben. Die rechtlichen Verhandlungen laufen immer noch. Trotzdem: Die wahren Risiken liegen für uns anderswo.

Wo?

Gottschalk: Im Umstand, dass sich die Schweiz in einem Steuerstreit mit dem Ausland befindet - das betrifft alle hierzulande verwalteten Vermögen, aber auch den Vertrieb von Finanzprodukten im EU-Raum. Dabei ist es ein eigentlicher Witz, dass die Schweiz auf einer grauen Liste der OECD figuriert. Es geht doch nur darum, dass die EU-Länder sich einen Teil der Vermögensverwaltungsbranche einverleiben wollen, zum Nachteil der Schweiz.

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Wird die EU damit Erfolg haben?

Gottschalk: Das Schweizer Bankgeheimnis spielt hier meiner Meinung nach eine wichtige Rolle, und es hängt viel davon ab, was die Politik entscheidet. Ich mache mir aber keine Illusionen - die bilateralen Verhandlungen dürften darauf hinauslaufen, dass wir das Bankgeheimnis nicht mehr aufrechterhalten können.

Für Gottex wäre das wohl nicht so schlimm - Sie sind unter anderem in Grossbritannien, Guernsey und Luxemburg aufgestellt.

Gottschalk: Auch dort müssen wir uns auf neue Regulierungen einstellen. Aber Guernsey hat die OECD-Standards schon übernommen und hat sich sehr erfindungsreich gezeigt in der Anpassung an neue Gegebenheiten. Davon könnte sich die Schweiz ein Stück abschneiden.

Um beim Thema Risiko zu bleiben: Die Aktie von Gottex hat sich bisher als äusserst volatil erwiesen. Wie viel Potenzial besitzt der Wert heute?

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Gottschalk: Unsere Bilanzen sind gesund, wir haben keine Schulden und managen die Gesellschaft eher konservativ - das bietet eine gute Grundlage für Zugewinne, wenn das Wachstum in die Branche zurückkommt.

Wird Gottex weiterhin Aktien zurückkaufen?

Gottschalk: Der Free Float sollte nicht tiefer sein als 25% - und hier sind wir inzwischen angelangt.

Sie haben für das Jahr 2008 eine Dividende ausbezahlt. Wird es auch in Zukunft Ausschüttungen geben?

Gottschalk: Das ist ganz klar unsere Absicht. Wir wollen zwischen 60 bis 70% des Gewinns für Dividenden verwenden, abhängig vom Marktumfeld.