Seit Sie CEO sind, konzentriert sich die Bank Rothschild auf das Onshore-Geschäft. War der Druck auf das Schweizer Bankgeheimnis schon lange absehbar?

Veit De Maddalena: Seit dem Fall der Berliner Mauer hat sich die Welt komplett verändert. Die Grossbanken haben danach schnell begonnen, ihre Präsenzen direkt in den einzelnen Ländern massiv auszubauen. Die strategischen Überlegungen gingen damals bereits in die Richtung, dass die Unterscheidung zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung irgendwann aufgehoben wird. Entsprechend haben auch wir uns verhalten.

Wie genau?

De Maddalena: Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass wir auf den Bermudas keine Präsenz mehr brauchen. Wir konzentrieren uns auf die Schweiz, Deutschland und England. In diesen Ländern wollen wir direkt vor Ort weiter wachsen. Hinter dieser Onshore-Strategie steckt die Vorstellung, dass der Kunde grundsätzlich akzeptiert, Steuern zu bezahlen. Die Frage ist nur, wie viel.

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Wie funktioniert dies in der Praxis?

De Maddalena: Wir sagen den Kunden, dass sie bei uns kein Geld vor dem Fiskus verstecken können und zeigen ihnen verschiedene andere Wege auf, um Steuern zu sparen. Ein allgemein bekannter Weg ist, den Wohnort zu wechseln. Das kann ich gut sagen, denn damit verrate ich nichts. In der Schweiz kann man sich als Ausländer zum Beispiel ein Forfait aushandeln, in England einen besonderen Steuerstatus und in Monaco zahlt man gar keine Steuern.

Wie viele Offshore-Gelder verwaltet Rothschild noch?

De Maddalena: Der Anteil an internationalen Vermögen ist und wird beträchtlich bleiben. Offshore ist ja nicht per se etwas Schlechtes. Grundsätzlich deklarieren unsere internationalen Kunden ihre Gelder.Es gibt aber noch Fälle aus früheren Zeiten, die nicht so einfach gelagert sind. Wenn etwa die junge Generation das geerbte Vermögen ausgeben will, das die Grosseltern in der Nachkriegszeit in die Schweiz gebracht haben.

Wie gehen Sie vor?

De Maddalena: Auf diesem Weg müssen wir die Familien begleiten. Man sollte die Dinge lösen und sich nicht weiter vergraben. Eine Vogel-Strauss-Politik funktioniert heute einfach nicht mehr. Eine Möglichkeit ist, dass die Kunden bei den Steuerbehörden in ihrem Heimatstaat eine Selbstdeklaration machen. Das geht aber nicht, wenn sie dort wie Kriminelle behandelt werden. Die Bürger sollten vielmehr Teil der Lösung sein.

Wird es Steueramnestien im grossen Stil geben?

De Maddalena: Ich rechne damit, dass es konzertierte Steueramnestien geben wird. Wenn man es geschickt macht, wie Italien vor ein paar Jahren, kann man das Problem relativ stark entschärfen.

Aber der Druck der Hochsteuerländer auf die Schweiz wird nicht abnehmen.

De Maddalena: Das stimmt zwar, es ist aber kein reines Schweizer Problem. Es ist ein globales Problem, das auch andere Staaten wie die USA mit ihren eigenen Steueroasen betrifft. Man sollte die Regulatorien in den einzelnen Ländern akzeptieren und nicht die Länder als Problem darstellen. Es braucht eine globale Lösung für ein globales Problem.

Handelt die Schweizer Politik richtig?

De Maddalena: Der Weg, den die Politik eingeschlagen hat, ist richtig. Entscheidend ist, dass die Privatsphäre weiterhin geschützt wird. Man hätte aber im Vorfeld mehr Gesprächsbereitschaft signalisieren und sich proaktiver positionieren sollen. Dann wären wir nicht plötzlich einer Attacke ausgesetzt gewesen und als schwarzes Schaf hingestellt worden. Es darf einfach nicht sein, dass die Schweiz gebrandmarkt und gleichzeitig vom europäischen Markt ausgeschlossen wird.

Sollte sich die Schweiz jetzt einen besseren Marktzugang aushandeln?

De Maddalena: Ja, wir sollten auch in den EU-Staaten unsere Finanzdienstleistungen anbieten können. Ohne irgendwelche oberflächlichen Restriktionen, die dazu dienen, die lokale Industrie zu schützen. Die Möglichkeit, dass die Schweiz im Rahmen der Neuaushandlung der Doppelbesteuerungsabkommen einen besseren Marktzugang im EU-Raum erlangen kann, ist auch eine Riesenchance für den Schweizer Finanzplatz. Wir verstehen das Kundenbeziehungsgeschäft, wir können Vertrauen schaffen und professionelle Dienstleistungen anbieten. Es braucht einfach ein Umdenken.

Verschiedene Banken sprechen für ihre Kundenberater Reiseverbote aus oder die Banker gehen inkognito über die Grenze ?

De Maddalena: Wir betreiben die Geschäfte aus den einzelnen Ländern heraus. Unter diesen Voraussetzungen sind Reisebeschränkungen nicht nötig.

Und bei anderen Banken?

De Maddalena: Die Erfahrung der UBS in den USA, wo ein Banker verhaftet wurde, ist bekannt. Es wurde ein enormer Druck auf die Schweiz ausgeübt.

Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen?

De Maddalena: Wenn wir mit anderen Ländern Abkommen abschliessen, müssen wir anschliessend sehr vorsichtig damit umgehen. Wenn ein Schweizer Institut gegen ein solches Abkommen verstösst, haben wir ein Glaubwürdigkeitsproblem. Dann wird der Druck auf die Privatsphäre so gross, dass auch dort ein Problem entstehen könnte. Die Privatsphäre ist für mich ein wichtiges Gut. In vielen Ländern investiert der Staat viel in Datenschutz. Doch sobald es dem Staat darum geht, seine Bürger zu überwachen, gilt dies alles nicht mehr. Das ist für mich ein grosser Widerspruch.

Der automatische Informationsaustausch mit der Europäischen Union könnte schon bald Realität werden?

De Maddalena: Was alles noch passieren wird in Zukunft, wissen wir nicht. Ich befürchte, dass der Druck auch auf dieser Ebene zunimmt. Ich glaube aber, dass der Schutz der Privatsphäre auf internationaler Ebene im Interesse aller Bürger ist und auch aufrechterhalten werden kann.

Schon jetzt ist das Umfeld für Privatbanken herausfordernd. Wie hat sich dies im Ergebnis 2008/09 (per Ende März) der Bank Rothschild niedergeschlagen?

De Maddalena: Wir sind in unserer Bescheidenheit zufrieden. Wir konnten so viele Neukunden gewinnen wie noch in keinem Jahr zuvor. Das hat mich besonders gefreut. Damit konnten wir die Basis der verwalteten Vermögen mehr oder weniger konstant halten. Dies liegt auch daran, dass wir unsere Anlagestrategie schon früh konservativ ausgerichtet und in den Kundenportefeuilles hohe Cash-Bestände gehalten haben.

Was erwarten Sie in diesem Jahr?

De Maddalena: Geldverdienen ist sehr viel schwieriger geworden. Das wird man in den 1.-Quartals-Zahlen der Banken sehen. Man muss einfach sehr diszipliniert sein beim Kostenmanagement. Und wenn es Möglichkeiten gibt, muss man diese sehr genau analysieren. Fehler werden in diesem Umfeld viel weniger schnell vergeben.

Welche Möglichkeiten sprechen Sie an? Haben Sie Expansionspläne?

De Maddalena: Es ist eine sehr starke Unruhe auf dem Arbeitsmarkt Schweiz zu spüren. Es ist schon so intensiv, dass es mich stört. Es darf nicht sein, dass der Kunde unter den hohen Fluktuationen leidet. Es gibt im Moment zu viele Kundenberater, die aktiv nach neuen Anstellungsverhältnissen schauen. Wir werden immer wieder kontaktiert.

Wollen Sie diese Chance jetzt nutzen?

De Maddalena: Ja, aber nur sehr selektiv. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, jährlich neue Kundengelder im hohen einstelligen Prozentbereich zu akquirieren. Wir wollen in der Schweiz, in England und in Deutschland, aber auch in Asien wachsen. Ich schiesse aber nicht überall hin, nur weil ich Möglichkeiten habe. Der Kundenberater muss genau zu uns passen und das Modell der objektiven, unabhängigen Beratung leben können.

Expandieren Sie weiter trotz der schwierigen Finanzmärkte?

De Maddalena: Als Bank in Familienbesitz können wir eine langfristige Perspektive einnehmen und auch jetzt Wachstum anstreben. Wir konnten so viele Neukunden gewinnen, dass ein Personalabbau gar nicht möglich ist. Andererseits beraten wir die Kunden vorsichtig und halten hohe Cash-Bestände. Darauf verdienen wir als Privatbank nicht viel. Ich habe also schon ein gewisses Ertragsrisiko.

Wo sparen Sie denn? Bei den Löhnen?

De Maddalena: Wir wollen die Kosten nicht unbedingt ausdehnen, sondern konstant halten. Die Mitarbeiter sollen bei den Boni spüren, wenn wir ein Superjahr haben. Wenn die Ernte nicht so reich ist, sollten sie aber auch kürzer treten können.

Wie viel Boni haben Sie bezahlt und bezogen?

De Maddalena: Ich hoffe, dass ich meine Mitarbeiter, die gut arbeiten, auch entsprechend entlöhnen kann. Über meinen Lohn befinden die Aktionäre. Unsere Bank ist in Familienbesitz und die Aktionäre sind niemandem Rechenschaft schuldig. Der Buchungssatz ist einfach. Das Geld, das die Familie den Mitarbeitern gibt, fehlt ihnen direkt in der eigenen Tasche.

Wie ist Ihre Beziehung zum Verwaltungsratspräsidenten Baron Eric de Rothschild?

De Maddalena: Wir stehen in intensivem Kontakt und er ist sehr interessiert am Geschäft. Unser Verhältnis ist unkompliziert und sehr respektvoll. Er mischt sich auch nicht ins Tagesgeschäft ein, steht aber immer zur Verfügung.