Wie geht es Pictet?

Jacques de Saussure: Die beiden letzten Jahre waren für uns sehr günstig. Wir haben in all unseren Aktivitäten zahlreiche neue Kunden gewonnen. Und wir haben uns in der Krise klar von unseren Konkurrenten unterschieden.

Inwiefern?

De Saussure: Zum einen haben wir als kleiner Akteur doch eine Grösse, an der ein privater oder ein institutioneller Anleger nicht ohne Weiteres vorbeikommt. Zum anderen haben wir uns im Gegensatz zu den Grossbanken klar spezialisiert und haben keine Risiken in unseren Bilanzen. Das hat sich in der Finanzkrise ausbezahlt.

Pictet hat die Krise also nicht gespürt?

De Saussure: 2008 war nicht so gut wie das Vorjahr. Die starken Rückschläge an den Märkten und die Zinsen, die nahe bei null sind, haben Spuren hinterlassen. Zudem haben auch unsere Bankkunden in der Krise einen weiten Bogen um all jene Finanzprodukte gemacht, die mit irgendwelchen Risiken verbunden sind. Das wirkt sich auf das Volumen und die Margen aus. Zum Glück verzeichnen wir einen schönen Neugeldzufluss, doch kompensiert dieser die konjunkturell bedingten Rückgänge nicht ganz.

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Was suchen Ihre Kunden?

De Saussure: Eines der grossen Themen ist «zurück zu den Wurzeln». Die Kunden wollen keine komplizierten Produkte mehr, die sie nicht verstehen. Auch spielt der Leverage nicht mehr die gleiche Rolle wie zwischen 2002 und 2007. Konservativere Werte sind wieder gefragt. Viele Kunden schenken uns gerade deswegen ihr Vertrauen, weil es die Bank Pictet schon seit 200 Jahren gibt und die Eigentümer mit ihrem persönlichen Vermögen haften. Das hat sich gerade in der Krise sehr ausbezahlt. Als mich verunsicherte Kunden fragten, ob ihr Geld bei uns sicher sei, lautete meine Antwort: «Bevor Sie einen Rappen verlieren, bin ich ruiniert.»

Ist die Bankenkrise vorbei?

De Saussure: Nein. Es sind noch nicht alle Verluste amortisiert. Und die Regulatoren wollen höhere Eigenkapitalvorschriften durchsetzen. Verschiedene Finanzinstitute benötigen mehr Kapital und können dadurch ihr Kredit-Portefeuille nicht erhöhen, was sich wiederum auf die Unternehmen auswirken wird. Für diese wird es in vielen Ländern schwierig bleiben, zu Krediten zu gelangen. In der Schweiz gibt es diese Kreditklemme nicht.

Sind Sie gegen strengere Eigenkapitalvorschriften für die Banken?

De Saussure: Nein. Das ist letztlich eine gute Lösung. Die Krise hat deutlich gezeigt, wie wichtig ein dickes Kapitalpolster ist. Doch was das richtige Polster ist, das wissen wir nicht. Man hat sich jetzt bei den Grossbanken auf 3 bis 5% je nach Wirtschaftslage geeinigt. Das ist meiner Meinung nach das Minimum, denn es reicht nur ein kleines Problem, und man ist drunter.

Welche Regulierungen sind Ihrer Meinung nach jetzt notwendig?

De Saussure: Das Einfachste ist es, die Erfordernisse an Eigenkapital und Liquidität zu erhöhen und Dispositionen zu treffen, durch welche die verantwortlichen Manager und Verwaltungsräte eine gewisse Verantwortlichkeit für ihr Handeln zu tragen haben. Dies ist bereits der Fall bei den Privatbankiers.

Wie hat sich die Finanzkrise auf den Bankenplatz Schweiz ausgewirkt?

De Saussure: Man muss unterstreichen, dass das Schweizer System in der Krise sehr solide war - ausser einer Bank.

Sie sprechen von der UBS.

De Saussure: Die UBS war die einzige Schweizer Bank, die eine amerikanische Bank sein wollte und sich auch so verhalten hat mit allen bekannten Konsequenzen. Aber vergleichen Sie das schweizerische Bankensystem mit dem deutschen, dem britischen, amerikanischen, irischen, isländischen oder dem niederländischen. Die Schweizer Banken haben sich gut aus der Affäre gezogen.

Gleichwohl wurde die Schweiz im Zuge der Krise als «Steueroase» gebrandmarkt und musste aufgrund massiven Drucks von aussen ihr Bankgeheimnis aufweichen. Müssen sich die Schweizer Banken neu erfinden?

De Saussure: Ja, wir Bankiers dürfen nicht verleugnen, dass ein Paradigmenwechsel stattfindet. Als 1934 das Bankgeheimnis geschaffen wurde, befand sich Europa wirtschaftlich und politisch in einer sehr unstabilen Situation mit den Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise, dem Aufkommen des Nationalsozialismus in Deutschland und dem Front populaire in Frankreich. Dann kam der Weltkrieg mit dem Wiederaufbau in Europa. Länder wie Griechenland, Portugal und Spanien waren bis in die 1970er-Jahre Diktaturen. Das heisst, das Bedürfnis der Bürger dieser Staaten, ihr Vermögen zu schützen vor dem häufig willkürlichen Eingriff dieser Regierungen, war gross. Wenn wir schauen, was aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs in Europa entstanden ist, dann blicken wir auf eine einzigartige Erfolgsgeschichte mit der Europäischen Zentralbank, der Einheitswährung und der Europäischen Union. 65 Jahren Friede, Stabilität und Prosperität sind erfolgreiche Errungenschaften. Kommt hinzu, dass 1989 die Mauer und damit der Kommunismus fiel. Diese grossen geostrategischen Änderungen können nicht an der Schweiz vorbeiziehen. Wir müssen uns anpassen, ob wir wollen oder nicht.

Wie muss sich die Schweiz anpassen?

De Saussure: Das Schweizer Bankensystem hat nach wie vor seine Daseinsberechtigung. Natürlich hoffen wir alle, dass in Europa möglichst lange Friede und Stabilität herrscht - doch wer kann dies garantieren? Die Schweiz steht für Rechtssicherheit und Qualität. Das müssen wir pflegen.

Patrick Odier, der neue Präsident der Bankiervereinigung, schlägt einen sauberen Finanzplatz vor, der sich durch Steuerehrlichkeit auszeichnet. Ist das die Lösung?

De Saussure: Die Frage ist, was versteht man unter «sauber». Ist es zum Beispiel sinnvoll, dass ein Kunde aus Simbabwe sein ganzes Vermögen deklariert?

Ihre Antwort?

De Saussure: Natürlich nein. Denn das Geld würde bei Betrügern landen.

Die Regierungen der USA, Frankreichs und Deutschlands, die Druck auf das Schweizer Bankgeheimnis ausüben, bestehen aber nicht aus Betrügern.

De Saussure: Das wollte ich auch gar nicht andeuten. Ich wollte nur sagen, dass das Wort «sauber» je nach Zeit und geografischer Region eine andere Bedeutung hat. Was ich sagen will, es braucht gewisse Nuancen, wie und wo man das Bankgeheimnis anwendet. Kommt hinzu, dass es nicht die Rolle eines Bankiers sein kann, die Steuerehrlichkeit unseres Kunden infrage zu stellen und die Rolle des Staates als Steuereintreiber einzunehmen.

Ist die Weissgeld-Strategie, die die Bankiervereinigung verfolgt, der richtige Weg?

De Saussure: Die Schweizer Banken haben ein Abgeltungssteuer-Modell mit dem Namen Rubik vorgeschlagen. Der Schweizer Finanzplatz hat das Bankgeheimnis dennoch nicht als Schlüsselelement für den Schutz der finanziellen Privatsphäre aufgegeben. Abgesehen von den steuerlichen Aspekten beruht die Strategie der Schweizer Banken auf einem beneidenswerten Know-how, erstklassiger Dienstleistungsqualität, Rechtssicherheit, soliden Banken, einer starken Währung usw. Der beträchtliche Zufluss von Neugeld in den letzten Jahren und sogar im Jahr 2009 ist der Beweis für diese Vorzüge und kann nicht nur auf Erwägungen der Steuerhinterziehung zurückgeführt werden, wie einige dies gerne darstellen.

Halten Sie die Abgeltungssteuer für eine gute Lösung?

De Saussure: Das ist sicher ein guter und gerechter Vorschlag, der das Bankgeheimnis wahren würde. Bekanntlich stecken die Schwierigkeiten im Detail: Die EU hat Länder mit 27 verschiedenen Steuersystemen. Das würde eine organisatorische wie administrative Knacknuss darstellen.

Die EU-Kommission hat bereits gesagt, sie halte von der Abgeltungssteuer nichts.

De Saussure: Bestimmte EU-Mitgliedstaaten haben jedoch ein echtes Interesse am Projekt Rubik gezeigt. Ich denke dabei vor allem an Italien und Deutschland. Es darf nicht vergessen werden, dass das System der Abgeltungssteuer innerhalb der EU sehr verbreitet ist. Das Projekt Rubik ist ein guter Kompromiss, der den Staaten Steuereinnahmen und den Kunden den Schutz der Privatsphäre ermöglicht. Die Alternative ist die EU-Richtlinie zur Zinsbesteuerung.

Wird der Druck auf die Schweiz zu- oder abnehmen?

De Saussure: Sicher nicht abnehmen. Zum einen brauchen die EU-Länder und die USA alle Geld, zum anderen aus geografischen Gründen. In Brüssel schaut man auf die Karte der EU und ärgert sich über das Loch im Imperium.

Wird sich die Schweiz dem Druck der EU eines Tages beugen und den automatischen Informationsaustausch einführen?

De Saussure: Der automatische Informationsaustausch ist kein internationaler Standard. Es gibt keinerlei Beweise, dass es sich dabei um ein effizientes System zur Verbesserung der Steuereintreibung handelt. Sind Gelder nicht einer Unmenge Papier vorzuziehen? Der automatische Informationsaustausch würde sicher negative Reaktionen in der Schweiz auslösen. Darum denke ich nicht, dass die Schweiz nachgeben wird, auf jeden Fall nicht so einfach und so schnell.

Was kann die Schweiz konkret machen?

De Saussure: Man muss realistischerweise feststellen, dass der Handlungsspielraum der Schweiz nicht sehr gross ist. Wir müssen weiter verhandeln und zu mehr Konzessionen bereit sein als bisher. Und wir müssen jetzt das Zepter in die Hand nehmen. Je früher wir mit konkreten Vorschlägen und Angeboten kommen, desto besser für uns.