Vetropack ist in einer komfortablen Situation: Ihre Werke sind voll ausgelastet und die Nachfrage steigt. Können Sie sich jetzt zurücklehnen?

Claude Cornaz: Dank der derzeitigen Konstellation haben wir tatsächlich optimale Voraussetzungen. Dies hat sich auch positiv auf unser Ergebnis ausgewirkt. Da unser Geschäft aber sehr energie- und kapitalintensiv ist, benötigen wir eine hohe Auslastung, um weiterhin die gute Profitabilität zu erhalten.

Die steigenden Energiekosten waren denn auch der Wermutstropfen, der das 1.-Semester-Resultat belastet hat.

Cornaz: Die Energiekosten sind unser drittgrösster Kostenfaktor. Das grösste Problem dabei ist, dass unsere Reaktionsmöglichkeiten beschränkt sind. Wir arbeiten permanent an Energiesparmassnahmen und haben unseren Verbrauch in den letzten Jahren deutlich verringert. Aus diesem Grund können wir die Kostensteigerungen nicht beliebig auffangen. Die steigenden Energiekosten erschweren zudem unsere Budgetierung: So sind diese Kosten in der Ukraine beispielsweise gegenüber dem Vorjahr um 35% gestiegen, während wir mit 25% gerechnet haben.

Wäre ein separater Energiezuschlag, vergleichbar mit dem Treibstoffzuschlag, am Markt denkbar?

Cornaz: Eine Preisformel, die sich auf den Ölpreis abstützen würde, ist denkbar. Sie lässt sich aber nicht in allen Fällen anwenden.

Der Ölpreis ist in den letzten Wochen wieder unter 100 Dollar gefallen. Wie wirkt sich dies für Sie aus?

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Cornaz: Der Tageskurs hat keinen direkten Einfluss. Eine längerfristige Reduktion wäre aber sicherlich positiv.

Welche Entwicklung haben Sie im europäischen Verpackungsglasmarkt festgestellt?

Cornaz: Der Markt entwickelt sich nach wie vor sehr erfreulich. Da der Verbrauch an Verpackungsglas in Gesamteuropa weiter zunimmt, sind unsere Kapazitäten voll ausgelastet. Die Produktion kommt fast nicht nach, es gibt zu wenig Glas.

Wie sieht es in der Schweiz aus?

Cornaz: Die Entwicklung verläuft ähnlich wie in Europa. Allerdings gibt es erste Anzeichen einer Abkühlung.

Wie erklären Sie sich dies?

Cornaz: Dies hängt einerseits mit der Saisonalität zusammen. So sind die Absätze bei den Bierbrauern und den grossen Getränkeherstellern dieses Jahr wetterbedingt schwächer ausgefallen. Andererseits senkt die Inflation die Kaufkraft, was wiederum den Konsum etwas bremst.

Hat der Zyklus der Glasindustrie seinen Höhepunkt überschritten?

Cornaz: Es gibt Anzeichen einer Abschwächung. Ein Wachstum ist aber nach wie vor vorhanden.

Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung ein?

Cornaz: Wir stellen konsumnahe Produkte her. Deshalb verlaufen die Zyklen flacher als anderswo. Noch vor sieben Jahren haben wir in Europa eine Phase mit hohen Überkapazitäten erlebt. Seither ist es zu Kapazitätskorrekturen gekommen, die auch die Schliessung der Glashütte in Bülach notwendig machten.

Welche Massnahmen treffen Sie im Hinblick auf eine Konjunkturabkühlung?

Cornaz: Wir wollen keine unvorsichtige Expansion, deshalb planen wir umsichtig und vorausschauend. Heute wäre eine Akquisition durchaus möglich, doch stellt sich die Frage, ob diese immer noch tragbar ist, wenn die bestehenden Werke weniger gut laufen sollten.

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Eine Kapazitätserweiterung oder eine Akquisition kommt trotz einer Konjunkturabkühlung weiterhin in Frage?

Cornaz: Ja. Wir prüfen sowohl einen Zukauf als auch eine Kapazitätserweiterung, obwohl wir wahrscheinlich auf dem Höhepunkt unseres Zyklus sind. Letztes Jahr hat alles gepasst, wir haben eine sehr gute Marge erzielt.

In welche Regionen wollen Sie expandieren?

Cornaz: Dies ist noch offen. Unsere Ausrichtung auf Wachstumsmärkte in Zentral- und Osteuropa hat sich bisher als richtig erwiesen. An dieser Strategie halten wir fest, ohne dass wir Westeuropa vernachlässigen. Im Balkan sowie in der Ukraine sehen wir aber noch Potenzial.

Wann präsentieren Sie einen Zukauf?

Cornaz: Derzeit fehlen die Opportunitäten, denn ein Zukauf muss auch preislich Sinn machen. Noch immer sind die Preise in Osteuropa jedoch übertrieben. Wir akquirieren nicht zu überhöhten Preisen, selbst wenn das Zielobjekt zu uns passen würde. Neben den finanziellen Mitteln brauchen wir aber auch entsprechende Managementkapazitäten, damit die Akquisition integriert und entwickelt werden kann.

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Sie betonen stets, dass Vetropack neue Technologien einsetzt. Was soll man sich darunter vorstellen?

Cornaz: Es geht dabei weniger um neue Technologien als um die Tatsache, dass wir unsere Technologie auf dem neusten Stand halten. Dies zahlt sich beispielsweise nun in unserem Werk in der Ukraine aus, indem wir dadurch den Energieeinsatz pro Einheit deutlich senken konnten. Neue Technologien kann man in der Regel alle zehn Jahre im Rahmen der Wannenrevision einführen. Indem wir höhere Investitionen getätigt haben, profitieren wir heute davon, dass die Energiekosten geringer sind als bei den Mitbewerbern.

Wie hoch sind die Einsparungen?

Cornaz: Die neuen Technologien bringen eine Reduktion in der Grössenordnung von 30%. Wir haben zwar höhere Abschreibungen, dafür einen Minderverbrauch in Energie.

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Wie beurteilen Sie das Hartglasprojekt von Emhart Glas?

Cornaz: Wir sind sehr gespannt, für gewisse Anwendungen dürfte es sehr interessant sein. Andererseits ist das Gewicht beziehungsweise seine Reduktion allein nicht überall entscheidend: Beim Wein verkörpert eine schwerere Flasche beispielsweise die Qualität des Inhaltes.

Sie sitzen bei Bucher Industries, zu der Emhart gehört, im Verwaltungsrat. Besteht dadurch eine besondere Nähe zu diesem Projekt?

Cornaz: Ich habe ein Verwaltungsratsmandat in einer Industriegruppe, die noch viel mehr herstellt als Glasmaschinen. Hinzu kommt, dass wir kein grosser Kunde von Emhart sind. Eine besondere Nähe besteht also nicht.

Bei der Altglasverwertung hat Vetropack in der Schweiz eine Monopolstellung.

Cornaz: Mit dem Monopolbegriff bin ich nicht einverstanden. Wir sind zwar in der Schweiz der einzige Hersteller von Verpackungsglas, das Sammeln von Altglas ist aber auf Gemeindeebene organisiert, und diese haben Alternativen. Altglas kann zum Beispiel auch als Kies- und Sandersatz eingesetzt oder zu anderen Glashütten ins Ausland exportiert werden. Altglas aus der Schweiz ist wegen der guten Sammelqualität interessant für ausländische Firmen, auch wenn zusätzliche Transportkosten anfallen.

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Wie ist der Markt im Ausland geregelt?

Cornaz: Die Sammelsysteme sind unterschiedlich, die Glasindustrie ist aber der wesentliche Verwerter von Altglas. Dennoch profitiert die Industrie kaum finanziell, schliesslich ist das Recycling mit Zusatzkosten verbunden: Das Altglas muss transportiert, zerkleinert und am Ende von Fremdstoffen gereinigt werden.

Welche Finanzziele streben Sie an?

Cornaz: Die Zahlen zum 1. Halbjahr 2008 lagen im Rahmen der Erwartungen. Bis Ende Jahr werden wir, was die Marge betrifft, etwas unter Vorjahr liegen, da wir damals keine Wannenrevisionen hatten. Dieses Jahr hatten wir deren zwei, die beide im 1. Halbjahr angefallen sind. Hinzu kommt die unterjährige Energiekostensteigerung, die wir nur teilweise an die Kunden weitergeben konnten. Unser Ziel bleibt eine Marge auf dem aktuellen Niveau. Eine höhere Marge wäre nicht realistisch. Letztes Jahr hat einfach alles zusammengepasst.

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Auf welche Sicht gilt dies?

Cornaz: Unser Ziel wird es sein, die Marge auf dem aktuellen Niveau zu halten. Ob das Niveau auch 2009 gehalten werden kann, ist heute schwierig abzuschätzen. Es hängt von verschiedenen Faktoren ab, nicht zuletzt vom Energiepreis.

Wie ist im 1. Halbjahr 2008 das gute Finanzergebnis zustande gekommen?

Cornaz: Wir haben vor allem von den starken osteuropäischen Währungen profitiert.

Sichern Sie Währungsschwankungen ab?

Cornaz: Da wir lokal für die lokalen Märkte produzieren und nur einen relativ geringen Anteil Export haben, sind unsere Gesellschaften fast natürlich «gehedged». Die Währungsschwankungen spüren wir vor allem bei der Konsolidation in Schweizer Franken. Darum werden Absicherungen von Währungsschwankungen nur punktuell in Betracht gezogen.

Wie kommentieren Sie die Aktienkursentwicklung?

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Cornaz: Im Vergleich mit dem Umfeld, steht unsere Aktie gut da. Aber natürlich hat auch unser Kurs unter der aktuellen Entwicklung gelitten. Die Volatilität und die Nervosität an der Börse zeigen sich auch bei uns.

Für eine hohe Volatilität sorgt der tiefe Free Float. Ist eine Veränderung geplant?

Cornaz: Nein. Die Familie bleibt dabei und will die Stimmenmehrheit behalten.

Eine Einheitsaktie ist kein Thema?

Cornaz: Im Moment nicht.

Weshalb bleiben Sie mit einem Free Float von unter 30% überhaupt an der Börse?

Cornaz: Wir sind schon seit den 70er Jahren kotiert. Der Hauptzweck war der Kapitalmarkt.

Heute bräuchten Sie die Börse nicht mehr.

Cornaz: Heute nicht, aber was ist in zehn Jahren? Wir haben langfristige Zyklen. Dank der Börsenkotierung haben wir zudem eine Preisindikation, wenn ein Familienmitglied einen Teil der Aktien verkaufen möchte.

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