Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Seit einigen Monaten sind es politische Themen, welche das Marktgeschehen bestimmen. Der Handelskonflikt, die Budgetdebatte in Italien, die Brexit-Verhandlungen, die anstehenden Kongresswahlen in den USA. Fundamentale Faktoren wie Wachstum oder Unternehmensgewinne sind zuletzt in den Hintergrund geraten beziehungsweise werden als gegeben angesehen.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Das fundamentale Umfeld ist intakt, die Bewertungen sind nicht so hoch wie beispielsweise Anfang Jahr und die Risiken sind eher etwas geringer geworden beziehungsweise sind schon eingepreist und bieten Überraschungspotenzial. Ausserdem ist das Jahresende oft eine gute Börsenphase. Insofern bin ich für den Rest des Jahres verhalten positiv gestimmt und würde per Saldo von leicht steigenden Kursen ausgehen.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Wie schon dieses Jahr, könnte auch das kommende Jahr ein anspruchsvolles werden für den hiesigen Aktienmarkt. Denkbar, dass wir in 12 Monaten kaum höher stehen als heute. Wenn es eine konkrete Zahl braucht: 9300.

Die USA haben Anfang Woche weitere Zölle auf chinesische Güter eingeführt. Könnte der Handelskonflikt zwischen den USA und China weiter eskalieren? Und würde eine solche Zuspitzung die globale Konjunktur gefährden?
So wie sich die Geschichte bislang entwickelt hat, ist eine weitere Eskalation nicht ausgeschlossen. Die unmittelbaren direkten Wachstumsverluste aufgrund der höheren Zölle zwischen China und den USA dürften nicht allzu gravierend ausfallen und sich im Zehntelprozentpunkte-Bereich bewegen. Die Begleitumstände des Handelskonflikts, wie etwa Friktionen in den Liefer- und Produktionsprozessen oder eine mögliche Zurückhaltung bei den Investitionen, könnten mittelfristig die globale Konjunktur zusätzlich belasten. In einer Phase, in welcher sich der Konjunkturzyklus ohnehin in der Endphase befindet, können diese paar Zehntelpunkte weh tun. Darüber hinaus liegen die USA nicht nur mit China im Handelsstreit, sondern auch mit der EU, um den es nach dem «Waffenstillstand» zwischen Trump und Juncker von Ende Ende Juli zuletzt ruhig geworden ist.

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Thomas_Heller_SZKB_Börseninterview

*Thomas Heller ist CIO und Leiter Research bei der Schwyzer Kantonalbank.

Quelle: ZVG

Öl ist so teuer wie seit fast vier Jahren nicht mehr. Welche Folgen hat die Preissteigerung bei dem Rohstoff für die Weltwirtschaft?
Die globale Konjunktur scheint robust genug, den Ölpreisanstieg der letzten 12 Monate zu verkraften. Ohnehin ist der direkte Zusammenhang zwischen Wachstum und Energiepreise nicht eindeutig. So hat der Einbruch des Ölpreises Anfang 2016 auf unter 30 Dollar pro Barrel der Konjunktur keinen Auftrieb gegeben beziehungsweise er wurde vielmehr überlagert von den massiv gekürzten Investitionen in Öl und öl-nahen Sektoren.

EZB-Chef Mario Draghi wird in absehbarer Zeit zurücktreten. Könnte ein Chefwechsel bei der Euro-Notenbank auch einen geldpolitischen Kurswechsel einleiten?
Wir dürfen nicht vergessen, dass es ein Gremium ist, welches die geldpolitischen Entscheide fällt. Insofern ist der Einfluss des EZB-Präsidenten limitiert. Aber er hat eine wichtige Rolle. Er gibt der EZB ein Gesicht, er steht im Fokus. Somit prägt er die öffentliche Wahrnehmung und er kann den geldpolitischen Grundton in Richtung seiner persönlichen Ideologie lenken. Bis zum Ende von Mario Draghis Amtszeit im Oktober nächsten Jahres ist die geldpolitische Straffung bereits im Gang. Sollte der neue EZB-Chef danach Jens Weidmann heissen, ist es schon denkbar, dass der Restriktionsgrad der EZB etwas beschleunigt oder verschärft wird. Von einem eigentlichen Kurswechsel der Geldpolitik wegen des Wechsels an der EZB-Spitze, würde ich hingegen nicht sprechen.

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Der Preis für Gold ist in letzter Zeit gefallen. Welche Gründe sehen Sie für den Preisrückgang bei dem Edelmetall?
Gold hat von seinen Höchstständen Ende Januar etwa 12 Prozent verloren. Der eigentliche Kursrutsch setzte im April ein. Gerade als etwa der Handelskonflikt Fahrt aufnahm und die Regierungsbildung in Italien ungewöhnliche Züge annahm. Später kamen die Turbulenzen in verschiedenen Schwellenländern auf. Es hätte genügend Gründe für einen steigenden Goldpreis gegeben. Die Flucht in Sicherheit spielte sich aber nicht im Gold ab, sondern zum Beispiel im Schweizer Franken. Die Unsicherheit war offenbar noch zu wenig gross. Somit bleiben der stärkere US-Dollar und die gestiegenen (Real-)Zinsen als Begründung für den Preisrückgang im Gold. Das Ausmass überrascht mich trotzdem immer noch.

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