Ist nach dem Vergleich Schweiz-USA Ruhe in den Finanzplatz Schweiz eingekehrt?

Rolf Aeberli: Überhaupt nicht. Obwohl der Bund mit schwierigen Karten geschickt verhandelt und ein akzeptables Resultat erzielt hat.

Inwiefern?

Aeberli: Die Rechtssicherheit konnte gewährleistet werden. Aber der Vergleich wird weitere Begehrlichkeiten zur Folge haben. Wir sehen es jetzt mit Kanada. Zudem hat die Verunsicherung bei den Kunden nicht abgenommen.

Was verunsichert sie?

Aeberli: Wir Bankiers müssen unseren Kunden gut erklären, dass die Rechtssicherheit und das Bankkundengeheimnis als Schutz der Privatsphäre intakt geblieben sind. Zudem bereiten den Kunden vor allem die nicht voraussehbaren Reaktionen anderer Staaten Sorgen.

So wie jetzt Frankreich, das angeblich 3000 Daten von unversteuerten Konten besitzt.

Aeberli: Ob dies wirklich zutrifft, ist allerdings fraglich. Es könnte sich auch um ein Täuschungsmanöver handeln, um Kunden zu verunsichern. Doch müssen wir davon ausgehen, dass viele Staaten alles unternehmen werden, um ihre im Zuge der Krise angehäuften Milliardenschulden etwas abzumildern.

Was empfehlen Sie einem verunsicherten Kunden?

Aeberli: Mein Credo als CEO von Maerki Baumann ist, dass wir sehr nahe bei unseren Kunden sind, ihre Anliegen und Bedürfnisse verstehen, sie ernst nehmen und durch gute wie schlechte Zeiten eng begleiten.

Kommen konkret Kunden zu Ihnen mit der Bitte, ihnen mit den unversteuerten Geldern zu helfen?

Aeberli: Ja, das kommt vor.

Warum gerade jetzt?

Aeberli: Diese Kunden wollen ihre steuerliche Situation klären, bevor ihr Geld vererbt wird. Als Eltern stellen sie sich die Frage: Wollen wir unseren Kindern nichtdeklariertes Geld vererben und ihnen damit allfällige juristische und steuerliche Probleme aufbürden? Wir versuchen, dabei Wege aufzuzeigen, wie man diese Situation lösen kann.

Was sind das für Lösungen?

Aeberli: Es geht nicht darum, Schlupflöcher zu finden. Es gibt verschiedene Wege, im Rahmen der gesetzlichen und regulatorischen Vorschriften, die es fallweise mit dem Kunden zu diskutieren gilt.

Müsste es das Ziel des Bankenplatzes Schweiz sein, nur noch deklarierte Gelder zu akzeptieren?

Aeberli: Die Politik und die Behörden legen die Rahmenbedingungen fest, und diese sind einzuhalten. Wichtig ist, dass man unterscheidet zwischen der Steuersituation einerseits und dem Bankkundengeheimnis als Schutz der Privatsphäre anderseits. Der Finanzplatz Schweiz hat noch ganz andere Trümpfe als das Bankkundengeheimnis. Das sind unsere politische Stabilität, die Kompetenz, die Internationalität und die Infrastruktur.

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Hat es die Schweiz in der Vergangenheit verpasst, diese Trümpfe hervorzuheben?

Aeberli: Ja. In Boomphasen wird dies oft vernachlässigt. Man lebt in der vermeintlich besten aller Welten, und es geht nur noch aufwärts. Deshalb ist es jetzt umso wichtiger, dass wir unsere Vorteile klar kommunizieren. In der Schweiz dominiert die Diskussion um das Bankgeheimnis und den Fall in den USA. Was wir vollkommen vergessen, ist, dass der Bankenplatz Schweiz im Ausland nach wie vor ein hohes Ansehen geniesst.

Welche Auswirkungen haben die jüngsten Angriffe auf den Finanzplatz?

Aeberli: Wir werden uns positiv weiterentwickeln. Und es werden wie gesagt weitere Begehrlichkeiten auf uns zukommen.

Wie den automatischen Informationsaustausch bei Bankdaten?

Aeberli: Dagegen wehre ich mich vehement! Dazu wird es auch nicht kommen. Das wäre absolut das Falsche.

Wieso?

Aeberli: Der Schutz der Privatsphäre, diese wichtige liberale Errungenschaft, wäre nicht mehr gegeben. Der Bundesrat und die Banken müssen den automatischen Informationsaustausch verhindern. Das Ziel der EU liegt definitiv nicht im Interesse unseres Landes.

Wäre die Quellensteuer die Lösung?

Aeberli: Sie ist für mich eine mögliche Lösung. Denn die Quellensteuer dient beiden Seiten und erlaubt die Wahrung der Privatsphäre.

Ist es eigentlich Aufgabe der Schweiz, für andere Länder den Steuervogt zu spielen?

Aeberli: Diese Frage müssen wir uns kritisch stellen. Gleichwohl ist der Vorschlag angesichts der gegenwärtigen Situation prüfenswert. Die Schweiz tut gut daran, konstruktive Vorschläge einzubringen.

Was bedeutet die Diskussion ums Bankgeheimnis, um Steueroasen und den Finanzplatz für Maerki Baumann?

Aeberli: Als kleine Bank haben wir den Vorteil, dass wir in engem Kontakt mit unseren Kunden stehen und Unsicherheiten so besser ausräumen. Für unsere Strategie und unsere Werte sind die Diskussionen von untergeordneter Bedeutung.

Was ist Ihre Strategie?

Aeberli: Wir sind fokussiert auf die Vermögensverwaltung und die Anlageberatung. Wir verkaufen keine eigenen Produkte, bieten eine individuelle Betreuung und wollen eine nachhaltige Performance erzielen. Als Unternehmen, das sich seit Generationen in Familienbesitz befindet, nicht an der Börse kotiert und nur in der Schweiz präsent ist, sind wir sicher und unabhängig.

Und welches sind die Werte?

Aeberli: Ehrlichkeit, Transparenz, Nachhaltigkeit und Authentizität.

Das ist nichts Neues. Jede Bank würde von sich sagen, sie verkörpere diese Werte.

Aeberli: Ja - aber werden sie auch überall gelebt? Ich bin überzeugt, dass diese Werte für alle Branchen und Banken Erfolgsfaktoren sind, doch schauen Sie sich an, was vor der Krise passiert ist. Viele sind von diesen Werten abgekommen, weil andere Werte im Vordergrund standen.

Welche?

Aeberli: Wachstum um jeden Preis, Gewinnmaximierung, Gier ? Maerki Baumann ist ihrem Prinzip «Sicherheit vor Rendite» treu geblieben. Ich glaube, ein Wertewandel oder besser eine Rückbesinnung auf alte Werte ist klug. Seien wir doch froh, wenn wieder eine gewisse Bescheidenheit und Einfachheit aufkommt.

Seit einem Jahr sind Sie CEO der Bank Maerki Baumann. Wie haben Sie diese Werte umgesetzt und verankert?

Aeberli: Es gibt nur eines: Indem man sie vorlebt. Zudem bin ich in der glücklichen Situation, dass diese Werte von den Eigentümern in den letzten 77 Jahren in der Bank aufgebaut und gefestigt wurden.

Wird Ihre Strategie honoriert? Fliessen mehr Kundengelder zu Maerki Baumann?

Aeberli: Ich darf sagen, dass ich angesichts der wirtschaftlichen Situation mit der Entwicklung der Bank sehr zufrieden bin.

Welches sind Ihre Wachstumsziele?

Aeberli: Wir wollen vor allem bei Kunden aus unseren drei Kernmärkten Schweiz, Deutschland und Italien weiter wach-sen. Wir haben uns ehrgeizige Ziele gesetzt.

Und die wären?

Aeberli: Diese Zahlen veröffentlichen wir nicht. Wir sehen einfach, dass kleinere, traditionsreiche Banken wie Maerki Baumann gerade in diesen Zeiten über Wachstumspotenzial verfügen, und daran richten wir unsere Ziele aus.

Deutschland ist einer Ihrer Kernmärkte. Die Regierung organisiert eine Hatz gegen Steuerflüchtlinge. Was heisst das für Sie?

Aeberli: Losgelöst von irgendwelchen Absichten von Staaten ist klar, dass wir die regulatorischen und gesetzlichen Vorschriften jederzeit einhalten - das ist nicht diskutierbar. Die Schweiz und Maerki Baumann sind aber nach wie vor attraktiv für Kunden aus Deutschland.

Was machen Sie mit Ihren amerikanischen Kunden?

Aeberli: Das US-Geschäft war für uns nie ein bedeutendes Geschäft, und wir haben uns entschieden auszusteigen ?

? als Folge der UBS-Geschichte?

Aeberli: Nein, der Entscheid fiel bereits im Frühjahr. Ohne Lizenz der US-Börsenaufsicht SEC können wir für US-Kunden kein nachhaltiges Private-Banking-Geschäft betreiben. Wir haben derartige Auflagen, dass wir ihnen keine angemessene Betreuung bieten können. Da die Kosten und der Aufwand für eine solche Lizenz unverhältnismässig hoch sind, haben wir uns dagegen entschieden. Mit einer SEC-Lizenz hätte ich wohl mehr Rechtsanwälte in der Bank als Vermögensverwalter.