Die Finanzmarktkrise hat selbst die abgebrühtesten Prognostiker auf dem falschen Fuss erwischt. Noch immer sind ihre Folgen nicht absehbar. Nur, wie konnten sich Experten so täuschen? Und worauf muss sich unsere Volkswirtschaft einstellen, wenn wir künftige Entwicklungen beobachten und einschätzen? Es sind im Wesentlichen drei Faktoren.

1. Die Dimensionalität

Es wurde dramatisch unterschätzt, welche tektonischen Verschiebungen auf uns zukommen. Nicht zufällig sprechen Experten vom «financial tsunami». Eine schöne Metapher. Denn die Auswirkungen werden viel übergreifender sein als angenommen. Niemand weiss, was tausend Mrd Dollar und mehr eigentlich bedeuten – und vor allem, wer für solche Summen die Verantwortung übernehmen kann. Brutal wird klar: Makroökonomische Dynamik hängt immer von mikroökonomischen Regeln ab. Marktwirtschaft funktioniert nur, wenn Rechtssubjekte zur Rechenschaft gezogen werden können. Sonst verkommen Risikomanagement, Kredit-Ratings und Corporate Governance zur Farce. Rettungsprogramme und staatliche Gelder sind rasch gesprochen, ihre konkreten Auswirkungen aber unklar: Wie verhalten sich halbstaatliche oder staatliche Banken? Welche Machtgelüste entwickelt ein wieder erstarkter Nationalstaat?

2. Die Volatilität

Als US-Notenbankchef sprach Alan Greenspan öfters von «idiosynkratischer Volatilität», übersetzt: Makrostabilität ist mit mehr Staatseingriffen zwar erreichbar, aber nur zum Preis von erhöhter Instabilität auf der Ebene von Branchen, Unternehmen und Mitarbeitern. Das ist unangenehm, denn es bedeutet zwingend Ordnung vor Gerechtigkeit. Die Zahl der Verlierer steigt zusätzlich, solange die BRIC-Staaten nicht ausgleichend funktionieren. Damit nimmt die Volatilität von Währungskursen und Rohstoffpreisen – vom Erdöl bis zur Nahrung – genau so zu wie die Unsicherheiten einer drohenden Deflation. Werden also Umrisse eines neuen Autoritarismus sichtbar, der marktwirtschaftliche Selbstorganisation und demokratisch legitimierte Rechtssysteme in den Hintergrund drängt?

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3. Die Medien

Durch ihre Omnipräsenz beeinflussen sie Vertrauen und Verhalten stärker denn je. Jeder ist sofort über alles informiert. Doch Echtzeitorientierung führt auch zu Echtzeitstimmung, Emotionalität ersetzt Reflexivität: Lieber schnell entscheiden als gar nicht. Dadurch steigt die Verantwortung der Medien. In Deutschland, wo der zu stark vereinfachende Populismus selbst bei Qualitätsmedien deutlich zugenommen hat, sehen wir das noch viel deutlicher als hierzulande. Demgegenüber bekannte «Financial Times»-Chefkommentator Martin Wolf kürzlich an einer Konferenz, er sei in seinen Einschätzungen immer sehr «cheerish» gewesen, wohlwollend. In Massenmedien sind Vernunft und Ausgewogenheit unabdingbar, vertiefend debattieren kann man im Gespräch unter Experten. Genaugenommen wird Konjunkturforschung heute zur Informationsflussforschung: Wer beeinflusst eigentlich wen? Welche emotionalen Muster ergeben sich? Es scheint, dass die neuen Meinungs-Clusters, die sich daraus ergeben, der Schwarmintelligenz gleichen, wie wir sie vom Internet und den Social Communities her kennen. Wir lernen: «It’s not about the money, it’s about the mood.»