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«ETFs profitieren von der Wahl Trumps»

ETFs: Diese passive Anlageform wird immer beliebter.   Flickr/CC/GotCredit

Immer mehr Anleger setzen auf Exchange Traded Funds. Aus Sicht des weltgrössten Anbieters iShares wird das Wachstum weitergehen. iShares-Schweiz-Chef Christian Gast erklärt die Gründe für den Boom.

Von Emmanuel Garessus
am 05.04.2017

Das Wachstum am ETF-Markt 
beschleunigt sich zulasten der aktiv ­verwalteten Fonds. Ein klarer Trend?
Christian Gast*: 2016 war ein Rekordjahr. 2017 hat auch sehr gut angefangen. Der Januar war für uns der zweitstärkste Monat unserer Geschichte – mit der Riesensumme von weltweit rund 60 Milliarden Dollar Mittelzuflüssen. ETF profitieren zum Teil von der Wahl Donald Trumps, vor allem ETF auf amerikanische Aktien, auf japa­nische Aktien wegen ETF-Käufen der ­japanischen Notenbank, Schwellenland-Obligationen und Aktien von kleinen bis mittelgrossen Börsengewichten.

Warum und wo profitieren ETF?
Viele institutionelle Investoren und Portfolioverwalter haben ETF gekauft, weil sie transparent, nachvollziehbar und günstig sind. Ein Drittel der frischen Gelder kommt aus Europa und die Zunahme ist hier massiv. Europäische Aktien hinken aus verschiedenen Gründen hinterher. Doch die Gewinne sind zufriedenstellend und die politischen Unwägbarkeiten nach Ansicht von Blackrock schon eingepreist. Wir erwarten weitere Zuflüsse.

Worauf sind die starken Mittelzuflüsse hauptsächlich zurückzuführen?
Die institutionellen Investoren setzen seit langem auf ETF und Indexfonds. Ich sehe drei Hauptfaktoren: Die Portfoliover­walter nutzen ETF stärker für taktische Entscheidungen. Förderlich ist auch die Bankgebührenänderung mit beratungsbasierten Modellen. Drittens sind potenzielle Konkurrenzprodukte wie Futures wegen der Eigenkapitalkosten der Banken teurer geworden. Und ETF sind schlicht einfach in der Handhabung.

Sind die niedrigen Kommissionen 
nach wie vor das Hauptargument für ETF?
Ich bin nicht sicher, wenn auch die Höhe der Kommissionen ein wichtiger Faktor ist. Wichtiger ist mir da aber die Total 
Expense Ratio (TER) oder noch besser die Total Cost of Ownership (TCO), die alle Kauf- oder Verkaufskosten – inklusive Stempelsteuer und Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskursen – umfasst.

Wie haben sich die Kommissionen 
von ­Indexfonds in letzter Zeit ent­wickelt?
Wegen des Wettbewerbs und der Kostenmodelle zeigt der Trend weiter nach ­unten. Investoren profitieren davon über eine bessere Performance. Wir präsen­tieren uns als das Institut, das Lösungen für die Fragen der Investoren bietet – und ­machen bei der Preisschlacht nicht mit. Es gibt bei uns etliche Services, die dem Kunden nicht fakturiert werden, uns aber als Partner positionieren. Bei meinen Kundengesprächen geht es um die bestmögliche Umsetzung einer Anlageidee, die Einbindung von ETF in die Asset-Allokation und den Transaktionssupport etwa durch unsere Recherchedienste. Natürlich ist ­alles vom Kundensegment abhängig. Bei Gesprächen mit grossen Finanzinstitutionen geht es weniger um unsere Modelle als um den Handel und den Support.

Wenn Donald Trump das Dodd-Frank-Gesetz reformiert, können die Banken selbst wieder Positionen übernehmen. Ist das schlecht für die ETF?
Eine solche Änderung der Rahmenbedingungen könnte ein wichtiges Element 
im Ökosystem von Indexprodukten ver­ändern. Für den Moment sind die Bank­bilanzen jedoch teuer und die Obligationenmärkte enger als in der Vergangenheit.

Steigt der Abstand zwischen den vier ­weltweit führenden passiven Vermögensverwaltern und den anderen weiter?
Mit unserem Marktanteil von 38 Prozent, das heisst 1,3 Billionen Dollar verwaltetem Vermögen, sind wir weltweit die Nummer eins. Der Markt konzentriert sich auf Akteure, die grössenbedingte Skaleneffekte bieten. Wir sind einer der wenigen wirklich globalen Emittenten mit einer UCITS-Plattform in Irland und einer in den USA. Diese Plattformen ergänzen die lokalen Strukturen wie in der Schweiz, wo wir ­Produkte mit Zuschnitt auf die schweizerischen Bedürfnisse anbieten. iShares ist ja nicht auf ETF beschränkt. Das passive ­Angebot wird durch Indexfonds und pas­sive Mandate abgerundet. Aus gebührentechnischen und steuerlichen Gründen er­leben Indexfonds eine echte Renaissance.

Wie hat sich Ihre Gruppe in den letzten Monaten in der Schweiz entwickelt?
Wir schlüsseln nicht nach den schweizerischen Zahlen auf, aber wir haben wiede­rum ein zweistelliges Wachstum beim Mittelzufluss. 2016 war das stärkste Jahr seit meinem Eintritt bei iShares vor sieben Jahren. In der Gruppe verzeichnet die Schweiz das zweitgrösste Wachstum in Europa. Wir haben unsere Ressourcen in der Schweiz weiter ausgebaut, sind nicht nur eine Vertriebsorganisation, sondern bieten die ganze Wertschöpfungskette. Insgesamt sind wir in der Schweiz, in Zürich und Genf, ungefähr 110 Beschäftigte. Das Portfoliomanagement befindet sich in London und New York.

Gibt es bei Ihnen ein Szenario für den Fall, dass der Binnenmarkt nach dem 
Brexit und anderen Abstimmungen 2017 ­auseinanderbricht?
Nein. Wir sehen, dass die Schweiz von den Ereignissen profitiert, aber vielleicht weniger als Frankfurt oder Paris. Bestimmte Indexprodukte gibt es nur in 
der Schweiz – wie Goldprodukte, bei ­denen wir seit einigen Wochen erhebliche ­Zuflüsse verzeichnen.

Welche Schwierigkeiten bestehen für Sie in der Schweiz?
Keine, aber für die Produkte der Plattform Schweiz besteht die ansonsten unbekannte Herausforderung darin, dass sie eben nur in der Schweiz verkauft werden; diese ­länderspezifische Anpassung lohnt sich jedoch. Pensionskassen etwa bevorzugen in der Schweiz registrierte Produkte.

Wie sieht Ihr Monitoring 
bei einem Modellportfolio aus?
Wenn zum Beispiel ein unabhängiger Vermögensverwalter in Genf die Märkte genauso bewertet wie Blackrock und dies in ein Portfolio übertragen will, muss man prüfen, wie man ETF je nach Referenz­währung integrieren kann. Wir konzipieren die Portfolios, der Kunde willigt ein oder nicht und fragt die Informationen für die regelmässige Neugewichtung ab. Dieses Angebot findet immer mehr Zuspruch.

Werden Sie mit diesen Lösungen zum ­aktiven Vermögensverwalter? Zu wie viel Prozent sind Sie aktiv beziehungsweise passiv?

Wir sind tatsächlich in gewisser Weise auch aktiver Vermögensverwalter, aber unsere Angebote ergänzen sich. ETF spielen eine zunehmend wichtige Rolle bei ­aktiven Strategien. Grosse aktiv verwaltete Fonds nutzen Indexprodukte ebenfalls. Die Unterscheidung zwischen aktiver und passiver Verwaltung wird hinfällig, auch wenn sie noch in den Köpfen verankert ist. Die Frage ist jedoch nicht, zu wie viel ­Prozent wir aktiv sind, sondern wie sich ETF strategisch optimal nutzen lassen.

Werden die verschiedenen Servicekategorien aufgeführt und fakturiert, 
ähnlich wie bei aktiv verwalteten Fonds?
Ja, teilweise. Wir zahlen jedoch nie Retrozessionen. Es ist eine legitime Frage, ob heute kostenlose Dienste morgen kostenpflichtig werden. In den USA haben wir den Schritt bei den massgeschneiderten Services getan.

Wie stark sind die ETF-Kosten (TCO) 
bei den grossen Indizes in einem Jahr 
gesunken?
Für iShares betrug der Rückgang 3 bis 4 Basispunkte, also 0,03 bis 0,04 Prozent. Das sieht nach wenig aus, aber die Kosten liegen teilweise bei nur 7 Basispunkten. Der Vergleich mit aktiv verwalteten Fonds (in der Regel mehr als 100 Basispunkte, Anm. der Redaktion) ist weiterhin sehr günstig.

Welche Strategie verfolgen Sie 2017?
Wir werden an mehreren grossen Themen arbeiten. Smart-Beta-ETF haben grossen Erfolg. Bei uns betrug der Mittelzustrom 2016 20 Milliarden Dollar. Strategisch entfielen die Smart-Beta-ETF auf Hochdividendenpapiere und minimale Volatilität. Wir werden den Schwerpunkt auf Risikofaktoren-ETF legen. Ihre Attraktivität ist bei den Institutionellen stark gestiegen.

Wie sieht es mit den Nachhaltigkeits­strategien aus? Alle reden darüber. Aber ­investieren die Kunden tatsächlich?
Das Interesse hat sich noch nicht in gros­sen Zuströmen niedergeschlagen. Aber ETF mit Umwelt-, Sozial- und Governance-Fokus legen regelmässig zu. 2017 werden wir auch in Themen-ETF etwa für Robotik und Obligationen investieren.

Weshalb?
Obligationen-ETF kamen nach den Aktien-ETF, sind aber im letzten Jahr stark gewachsen. Gründe sind die hohen Bank­bilanzkosten und die zunehmende Enge der Obligationenmärkte. Investoren gehen aus individuellen Obligationen heraus und kaufen Obligationen-ETF. Unsere Hauptaufgabe für 2017 ist die Stärkung unserer Indexfonds-Plattform in der Schweiz – im Hinblick auf die Bedürfnisse von Pensionskassen, die Forderungen von Banken betreffend neue Kommissionsmodelle und einen ganzheitlichen Ansatz in puncto Kundenbedürfnisse.

Wird 2017 ein Obligationenjahr?
Angesichts der Gewinnerwartungen für 2017 wird dieses Jahr für europäische ­Aktien wohl sehr gut laufen. Wir gehen von einem Wachstum in den USA und ­einer Seitwärtsbewegung in Japan aus. Wir sind optimistischer als der Durchschnitt an den Börsenmärkten.

Aktiv verwaltete Fonds investieren immer mehr in meist wenig liquide Nischen. Wie reagieren Sie darauf?
Wir schliessen bestimmte Nischen aus und überlassen sie den aktiven Fonds, wenn sie nicht zu den ETF-Kernwerten – Transparenz und Liquidität – passen.

Vollzieht sich am ETF-Markt 
eine Konsolidierung?
Wir sehen zwei Grundtendenzen: Einige ganz grosse Akteure mit breitem Sortiment profitieren von Skaleneffekten. Das wird auch noch lange so bleiben. Kleinere Emittenten haben mit Unabhängigkeitsthemen und Interessenkonflikten zu kämpfen. Hier ist eine Konsolidierung zu erwarten. Wir sind nur ein Vermögensverwalter, keine Bank, ohne Eigenhandel. Daneben gibt es noch einige wenige Emittenten, die in Marktnischen wachsen können.

Christian Gast* ist Leiter iShares und Index Investing Schweiz bei Blackrock. Das Unternehmen Blackrock hat ­seinen Stammsitz in New York City. Es beschäftigte per 31. Dezember 2016 rund 13 000 Mitarbeitende in über dreissig Ländern. Zum Stichtag 
31. Dezember 2016 verwaltete ­Blackrock 5,1 Billionen Dollar.

 

 

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