An einem Novembertag vor fünf Jahren traf bei der UBS Post ein. Absender war Euribor-EBF an der Rue Montoyer 10 in Brüssel. Die Vereinigung, die für das Funktionieren des wichtigsten europäischen Referenzzinssatzes verantwortlich ist, zeigte sich im Brief besorgt. Man habe ungewöhnliche Schwankungen des Euribor-Satzes festgestellt. Die den Zins bestimmenden Banken − darunter die UBS − sollten doch bitte die Qualität ihrer jeweiligen Angaben genau kontrollieren, so die Ermahnung aus Brüssel.

Mit dem Schreiben liess man es damals auf sich bewenden. Ende 2007 vertiefte sich die Finanzkrise, und der Geldverleih zwischen den Banken kam beinahe zum Erliegen. Die Geldhäuser hüteten sich ­davor, einem möglicherweise kurz vor der Pleite stehenden Finanzinstitut noch ­Kredit zu geben. Was bedeutete, dass ein ­Referenzzins für Ausleihungen schwierig zu bestimmen war. Heute geht eine andere Furcht um: Dass der Euribor genau wie der Libor-Satz in grossem Stil und über Jahre hinweg manipuliert wurde.

Anklage gegen unbekannt

Schwere Verdachtsmomente dazu förderten die Untersuchungen bei der britischen Barclays Bank zutage. Euribor-EBF-Chef Guido Ravoet macht sich keine Illu­sionen. «Vier Banken, die der Manipulation des Libor verdächtigt werden, sind auch Teil des Euribor-Panels. Es könnte sich zeigen, dass innerhalb jener Banken auch versucht wurde, den Euribor zu verfälschen.» Er wartet jetzt die Untersuchungen ab. Denn inzwischen interessieren sich immer mehr Behörden in Europa für den Euribor. Bereits treten gar erste Zivilkläger auf den Plan.

Es ist eine unangenehme Situation auch für die UBS. Sie zeigte sich in Sachen Libor-Manipulationen letztes Jahr bei den Behörden selbst an. In Zusammenhang mit dem Euribor ist die UBS aber kaum aufgefallen. Für das Institut eröffnet sich damit möglicherweise eine neue Kampfzone.

Frédérik-Karel Canoy jedenfalls hat der Schweizer Grossbank bereits den Krieg erklärt. Der französische Anwalt, der sich auf medienträchtige Schlachten gegen Grossunternehmen spezialisiert, erhob kürzlich vor einem Pariser Gericht Klage wegen Manipulation des Euribor und Insidergeschäften. Die Forderungen richten sich gemäss französischem Recht gegen unbekannt. Canoy erklärt aber, dass damit alle Banken im Libor- und Euribor-Panel gemeint seien. Zu seinen Klienten gehörten private wie auch institutionelle Investoren, so der Anwalt. «Die Schadenersatzansprüche sind jeweils individuell.»

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Auch die amerikanische Kanzlei Hagens Berman schiesst sich auf die UBS ein. Sie reichte für ihre Klienten bereits Anfang letzten Juli vor einem New Yorker Distriktgericht Klage gegen einzelne Banken der Euribor-Gruppe ein. Dazu gehören unter anderem Barclays, Deutsche Bank, die niederländische Rabobank (der bis vor kurzem die Privatbank Sarasin gehörte) sowie die UBS und deren Tochter in Luxemburg, die offiziell Mitglied des Euribor-Panels ist. «Wir nennen die Klagesumme noch nicht», sagt Jason Zweig von Hagens Berman in New York. Angesichts der Schwierigkeit für Privatkläger, den beteiligten Banken eine Euribor-Manipulation nachzuweisen, ist das verständlich.

Immerhin haben Zweig und Canoy dank den Untersuchungen der britischen Finanzaufsicht FSA bei Barclays reichlich Munition erhalten. Gemäss der Behörde hatten Händler der Bank seit 2006 versucht, die mit der Angabe der den Euribor bestimmenden Zinsen betrauten Kollegen zu beeinflussen. In den allermeisten Fällen mit Erfolg, wie der den ­Ermittlern in die Hände gefallene E-Mail-Verkehr zeigt. «Natürlich werden wir einen tiefen Satz einreichen», lautet etwa die ­Bestätigung auf die entsprechende Bitte eines Händlers im November 2006. Die Barclays-Angestellten standen auch in Kontakt mit anderen Euribor-Mitgliedbanken. «Wenn du ein Geheimnis für dich behalten kannst, dann weihe ich dich ein...», schrieb ein Händler an einen auswärtigen Kollegen. Und noch im April 2011 nahmen Barclays-Banker gerne In­struktionen von aussen entgegen, wie der Euribor anzupassen sei.

Obwohl die Mitschnitte darauf hinweisen, dass andere Euribor-Panel-Banken involviert waren, sieht die UBS selber ­offenbar keine Gefahr. Im letzten Quartalsbericht werden im Bereich der Rechtsrisiken nur die Untersuchungen zum Franken- und Yen-Libor sowie auch zum ­Euroyen-Tibor genannt. «Wir beantragten bei verschiedenen Wettbewerbsbehörden unter bestimmten Bedingungen Sanktions­erlass oder Immunität», heisst es bei der UBS. Man habe dies bezüglich jener Referenzzinssätze gemacht, bei denen man aufgrund der eigenen Untersuchungen auf Hinweise gestossen sei, die dies rechtfertigten. Zum Euribor und zu den damit verbundenen Zivilklagen äussert sich die Grossbank nicht.

In der EU höchste Priorität

Doch die Aufsichtsbehörden beginnen sich immer stärker für den Euribor zu interessieren. Bis zu den Barclays-Untersuchungen galt dieser als relativ sicher vor Manipulation, weil der Zins nicht von 18 Banken wie beim Libor bestimmt wird, sondern von 43. Das macht Absprachen schwieriger. Ausserdem beruht der Euribor auf Zinsen, zu denen tatsächlich Geld verliehen wird. Bei der europäischen Kommission für Wettbewerb wurden die Ermittlungen zum Euribor nun aber zur Top-Priorität erklärt, wie ein Sprecher ­erklärt. «Wir müssen diesen unverantwortlichen Vorgängen ein Ende setzen.» Gemäss Presse­berichten sollen bereits mehrere Banken der EU-Kommission ihre Kooperation angeboten haben, um mildernde Umstände zu erhalten.

Auch die eidgenössische Finanzmarkt­aufsicht Finma ist in der Sache aktiv. «Im Zentrum unserer Abklärungen steht, ob das Verhalten der Schweizer Banken bei der Festlegung des Libor oder vergleichbarer Referenzzinssätze im Einklang mit dem Schweizer Aufsichtsrecht stand», heisst es in Bern. «Auf der Basis der bei den Banken eingeholten Informationen wird entschieden, ob die Eröffnung eines formellen Verfahrens und die Anordnung von Massnahmen notwendig sind.» Zusätzlich stehe man in Kontakt mit aus­ländischen Aufsichtsbehörden und habe auch Amtshilfeersuchen geprüft und Amtshilfe geleistet.

Euribor-EBF-Chef Ravoet stellt sich auf einigen Wirbel ein. Wegen der Bedeutung des Euribor-Satzes werde man wohl nicht umhinkommen, sich einer Oberaufsicht zu unterstellen – etwa der Europäischen Zentralbank. «Wir möchten auch, dass die Panel-Banken im Rahmen ihres internen Audits Kontrollen aufbauen, damit unser Verhaltenskodex beachtet wird», erklärt ­Ravoet. Ob das genügt, wird sich weisen. Wie schrieb ein Barclays-Händler seinem Kollegen bei einer Euribor-Mitgliedbank: «Erzähl keinem ein Wort davon!»

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