Am 14. Dezember wird es wieder so weit sein. Die Schweizerische Nationalbank versteigert dann im Auftrag der Eidgenössischen Finanzverwaltung helvetische Staatsanleihen oder «Eidgenossen», wie sie im Jargon genannt werden. Rund 160 Banken werden zwischen 9.30 bis 11 Uhr über die Plattform der elektronischen Börse Eurex um die Anleihen bieten, mit denen sich der Bund Geld beschafft. Wie üblich wird das in der breiten Öffentlichkeit kaum jemand interessieren. Pannen gibt es keine.

Was hierzulande völlig unspektakulär abläuft, lässt im Euro-Land regelmässig die Märkte erzittern. Die Versteigerungen von Staatsanleihen sind der neue Gradmesser der Verunsicherung. Eine flaue Nachfrage gilt als Warnsignal. So jagten sich die Alarmmeldungen, nachdem bei der jüngsten Auktion von deutschen Bundesanleihen die Nachfrage unter den Erwartungen geblieben war. Die Finanzagentur, die im Auftrag der deutschen Bundesregierung neue Papiere im Wert von 6 Milliarden Euro zur Versteigerung brachte, blieb auf einem Drittel des Volumens sitzen. Die Auktion sei «gescheitert», die Schuldenkrise habe jetzt auch den letzten sicheren Hafen Europas erreicht, lauteten die Kommentare.

Doch ganz so einfach funktioniert der Zusammenhang zwischen Auktionsergebnis und Verunsicherung nicht. Ausgerechnet bei den Wackelkandidaten «gelingen» nämlich die Auktionen regelmässig. Drei «erfolgreiche» Versteigerungen von Anleihen mit unterschiedlichen Laufzeiten spülten dieser Tage 7,5 Milliarden Euro in die Kassen des italienischen Staates. Die Nachfrage der Investoren habe das Angebot um das Anderthalbfache überstiegen, meldete das Finanzministerium.

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Erfolg kommt Italien teuer zu stehen

Die Regierungen legen vor der Auktion die Laufzeit der Anleihe, den Zinssatz (Coupon) und das maximale Volumen fest. Die zugelassenen Banken können mehrere Offerten zu unterschiedlichen Preisen und Mengen einreichen. Sie werden ihre Gebote so staffeln, dass sie zu einem möglichst tiefen Preis möglichst viel von der gewünschten Zuteilung erhalten. In den Euro-Ländern zahlen die Bieter bei einer Zuteilung den Preis, den sie geboten haben. Die USA und die Schweiz berechnen allen Bietern einen Einheitspreis.

«Das System ist so angelegt, dass die Auktion immer gelingt», sagt Thomas Wacker, Leiter Kreditanalyse der UBS. «Es fragt sich nur, zu welchem Preis.» Selbst Griechenland konnte in der Krise noch Anleihen emittieren. Braucht der Staat das Geld unbedingt, muss er allerdings auch sehr ungünstige Offerten akzeptieren. Indem Italien in der Auktion vom Montag praktisch jeden Preis akzeptierte, stellte es sicher, dass das ganze Volumen von den Banken abgenommen wurde. Diesen «Erfolg» muss es aber teuer bezahlen, der Zins beträgt 7,56 Prozent für zehnjahrige Anleihen.

Handelsbuch bereinigen

Deutschland dagegen akzeptierte keinen Zins über 2 Prozent und zog es vor, 35 Prozent des Volumens vorläufig zurückzubehalten. Üblicherweise hält es nur 15 bis 20 Prozent zurück, um damit Liquidität im Sekundärmarkt sicherzustellen. Die «gescheiterte» Auktion in Deutschland hat mit der wenig attraktiven, historisch tiefen Rendite von unter 2 Prozent zu tun. Die Nachfrage war zudem schwächer als üblich, weil die Banken bis zum Jahreswechsel ihr Handelsbuch bereinigen und Positionen abbauen müssen. Sie haben nur vier Wochen, die Anleihen bei Kunden zu platzieren. Üblicherweise sind es Monate.

Der leichte Anstieg der deutschen Zinsen hat zudem mit den Diskussionen um die Einführung von Eurobonds zu tun. «Das Auktionsergebnis darf nicht als Zeichen für eine sinkende Kreditwürdigkeit Deutschlands interpretiert werden», sagt Stephan Kuhnke, Chef des Anleihemanagers Bantleon Bank in Zug.

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Für die hochverschuldeten Staaten wird es jedoch immer schwieriger, Abnehmer für ihre Anleihen zu finden. Italien muss gemäss Citigroup 373 Milliarden Euro aufnehmen im Jahr 2012, pro Tag mehr als 1 Milliarde. Frankreich braucht 356, Spanien 217, Belgien 74 Milliarden.

Einem Teil der Investoren können sie ihre Anleihen mehr oder weniger aufdrängen. Von den Aufsichtsbehörden werden Staatsanleihen in den Bankbilanzen nach wie vor gegenüber anderen hochwertigen Anlagen bevorteilt. Frankreich wandelte den Pensionsrückstellungsfonds in einen Käufer von Staatspapieren um. Pensionskassen werden durch Anlagevorschriften zu Anlagen in Anleihen des eigenen Staates gezwungen. So gelten in Österreich nur nationale Staatsanleihen als mündel­sicher, nicht aber die vom Markt als sicherer bewerteten deutschen. In den USA sind Zinseinkünfte aus Staatsanleihen von der Bundessteuer ausgenommen und damit gegenüber Unternehmensanleihen steuerlich begünstigt.

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Angesichts der Schwierigkeiten der Schuldnerstaaten dürfte diese sogenannte «finanzielle Repression» noch zunehmen. Gemäss der Finanzkrisen-Forscherin Carmen Reinhart ist es eine bewährte Strategie in Schuldenkrisen.

 

«Eidgenossen»: Wie die Schweiz Geld beschafft

Bundesobligationen Die Eidgenös­sische Finanzverwaltung versteigert über die Nationalbank etwa im Monatsrhythmus Bundesanleihen, sogenannte «Eidgenossen». Im laufenden Jahr hat sie damit bisher gut 4,1 Milliarden Franken aufgenommen. Die Stückelung beträgt 1000 Franken. Der grösste Teil der Gläubiger sind institutionelle Investoren in der Schweiz, vor allem Pensionskassen und Versicherungen. Für ausländische Investoren sind «Eidgenossen» wegen der extrem tiefen Renditen nicht attraktiv.