Die Schuldenkrise in Europa hat einen Höhepunkt erreicht – ist die Gemeinschaftswährung Euro zum Scheitern verurteilt?

Christian Gattiker: Wir gehen davon aus, dass der Euro auch 2012 Bestand haben wird. Erst ein Ausscheren Deutschlands würde das Projekt Währungsunion beenden. Die Schuldenkrise wird so lange weitergehen, bis sich die Staaten auf ­einen glaubwürdigen Mechanismus ­einigen und die Europäische Zentralbank im ganz grossen Stil Geld druckt.

Mit dem Schlingern der Euro-Zone steigt der Aufwertungsdruck auf den Franken. Kann die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihr Kursziel von 1.20 Franken je Euro halten?

Die Anbindung auf diesem Niveau ist glaubhaft und haltbar, mindestens über die nächsten zwölf Monate. Die SNB stösst den rund 10 Prozent überbewerteten Schweizer Franken in die richtige Richtung und hat ein ­un­limitiertes Arsenal bereit, nämlich die ­eigene Notenpresse. Doch mit zunehmender Anpassung der Schweizer Wirtschaft an das neue Austauschverhältnis wird die Umsetzung für die SNB teurer – und risikoreicher.

Einen Weg aus der Krise böte die Inflationierung der Schuldenlast – gleichzeitig droht nun die Gefahr einer Deflation. Welches Szenario ist für 2012 wahrscheinlich?

Die globale Wirtschaft leidet auch 2012 unter dem deflationären Schock dieser Schuldenkrise. Selbst in den Schwellenländern dürften sich die Inflationsraten im nächsten Jahr deutlich zurückbilden. Ein Weginflationieren der Schuldenlast dürfte eher ein Thema für die Folgejahre sein.

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Angesichts der zahlreichen Risiken haben sich viele Anleger aus dem Markt verabschiedet. Doch bei welchen Investments würde sich jetzt der Einstieg lohnen?

Wir empfehlen, die Investitionen dorthin zu leiten, wo die Stärke ist, anstatt auf Schnäppchenjagd zu gehen. Stärke sehen wir bei Unternehmen aus­serhalb des Finanzbereichs: Diese sind so konservativ finanziert wie nie in den letzten 60 Jahren. Unternehmensanleihen, gerade ausserhalb der besten Bonitäten, bieten attraktive Renditen und ein vertretbares Ausfallrisiko. Für mehr Risikoappetit empfehlen wir hochverzinsliche Anleihen oder Biotech- und Goldaktien.

Morgen in dieser Serie: Andreas Höfert, Chefökonom Wealth Management, UBS