China hat sein jährliches Gipfeltreffen mit der EU abgesagt, um gegen das Vorhaben einiger europäischer Staatschefs zu protestieren, den Dalai Lama zu treffen. Diese Entscheidung, den Dialog mit Europa – dem wichtigsten Exportmarkt Chinas und einem Hauptkapitalgeber – zu unterbrechen, offenbart Pekings erstarkendes Selbstbewusstsein, aber auch die Kurzsichtigkeit der chinesischen Regierung. Doch auch wenn der Disput über Tibet nur kurzfristig für Verstimmung sorgt (wie es in der Vergangenheit der Fall war), lauert im Hintergrund ein noch grösseres Problem für die Beziehung Chinas zur EU: Protektionismus.

«Gefragt sind globale Lösungen»

Die Aufgabe der EU muss es sein, China dabei zu helfen, ein verantwortungsbewusster «globaler Anteilseigner» zu werden. Denn die EU besitzt gegenwärtig und sicher noch für geraume Zeit mehr Glaubwürdigkeit bei der Verteidigung multilateraler Spielregeln als die USA. Und wie die aktuelle Wirtschaftskrise zeigt, sind künftig zunehmend globale Lösungen gefragt. Der derzeitige Status quo multilateraler Regeln und Institutionen kann die Aufgabenstellung, die die globalisierten Märkte aufwerfen, nicht mehr bewältigen. Doch sind in Europa bereits seit einiger Zeit die protektionistischen Tendenzen gegenüber China gewachsen.

«EU muss fair spielen»

Natürlich ist es für europäische Regierungen schwer, in Zeiten einbrechender Wachstumsraten und ansteigender Arbeitslosenzahlen den Rufen nach mehr Schutz für die heimische Wirtschaft zu widerstehen. Doch es geht um mehr als wirtschaftliche Belange. Ein neuer Protektionismus würde es den Europäern erheblich erschweren, China zu überzeugen, die WTO zu respektieren, sich in der G20 zu engagieren, die Reform der Vereinten Nationen zu unterstützen und ein globales Klimaschutzabkommen zu unterzeichnen. Nur wenn die EU fair spielt, bekommt sie in den Augen der Chinesen auch die notwendige Glaubwürdigkeit.

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