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Geldfrage
«Europa ist auf dem Weg zur Besserung»

Singapur: Einer der globalen Wachstumstreiber. (Bild: Bloomberg)

Nach der bitteren Medizin der vergangenen Jahre sind die Euro-Randstaaten wieder im Aufwind. Dort gibt es im Gegensatz zur Schweiz noch Anlagechancen, sagt der Investmentchef von State Street.

Von Samuel Gerber
am 06.01.2014

Bill Street ist Ökonom und Investmentchef bei der amerikanischen State Street, einer der weltweit grössten Verwahrerinnen von Aktienpapieren. Street lässt sich von den jüngsten Kurskorrekturen an den Aktienmärkten nicht schrecken. Risikoreiche Anlagen könnten auch in den kommenden Monaten einen guten Lauf hinlegen, erwartet Street.

Die Aktienkurse verloren Mitte Dezember deutlich an Boden. Ein böses Omen für das Börsenjahr 2014?

Bill Street: Die jetzige Volatilität ist kein böses Omen, sondern nahm lediglich die Absicht der amerikanischen Notenbank Fed vorweg, künftig weniger Staatsanleihen zu kaufen. Die Preise von risikoreichen Anlagen wie Aktien passen sich nun den geänderten Bedingungen an. Was sich hingegen wenig verändert hat, ist das fundamentale Szenario.

Und wie sieht das aus?

Street: Wir finden, das globale Wachstum entwickelt sich weiterhin positiv. Die ­Inflation bleibt stark gedämpft, und die Geldpolitik der Notenbanken wirkt unterstützend für die Börsen. All dies spricht für ein gutes Umfeld für risikoreichere ­Investments.

Doch auch nach den letzten Verlusten handeln wichtige Börsenindizes nahe ihrem Allzeithoch. Da nimmt doch die Absturzgefahr zu, oder?

Street: Nein, wir rechnen nicht damit, dass die Märkte in der ersten Jahreshälfte 2014 korrigieren. In Amerika etwa entwickeln sich Wirtschaft und Firmen erfreulich, während das Zinsniveau weiter tief bleiben dürfte. Vor diesem Hintergrund können die Bewertungen von Aktienpapieren noch steigen, bevor die Luft dünn wird.

Sie sagen es selber: Vieles hängt am Zinsniveau. Müssen Anleger nicht damit rechnen, dass die Notenbanken hier die Zügel bald anziehen?

Street: Wie sich nun gezeigt hat, geht die amerikanische Notenbank Fed bei der Drosselung ihrer Anleihenkäufe sehr sanft vor. Für die Fed steht einiges auf dem Spiel: Letztes Jahr hat sich gezeigt, dass gerade die Hypothekenmärkte in den USA sehr sensibel auf die Geldpolitik reagieren. Und verteuern sich die Hypozinsen, bekommt die vom Konsum getriebene amerikanische Wirtschaft ein Problem.

Trotzdem ist jetzt mit einem Anstieg des Zinsniveaus zu rechnen.

Street: Das erwarten wir frühestens Ende des Jahres 2015.

Um Amerika machen Sie sich also keine Sorgen. Aber was erwarten Sie von der Konjunktur in Europa?

Street: Auch hier sind wir zuversichtlich. Europa hat reichlich bittere Medizin schlucken müssen, doch jetzt ist es auf dem Weg zur Besserung. So sehen wir ­gerade in den sogenannten Peripheriestaaten echte strukturelle Reformen – nicht von ungefähr rentierten etwa spanische Staatsanleihen im letzten Jahr 10 Prozent.

Dann ist das Potenzial in der Peripherie schon verpufft?

Street: Spanische und italienische Anleihen sind weiterhin interessant, ebenso die Aktien europäischer Banken. Die bevorstehenden Stresstests bieten hier gute Gelegenheiten zum Einstieg.

Doch die Nachrichten aus dem Kern der Euro-Zone – Frankreich und Deutschland − sind weniger gut. Das muss doch nachdenklich stimmen?

Street: Es gibt gerade in Frankreich schlechte, aber auch gute Nachrichten. Sicherlich muss die Wirtschaft dort wieder an Fahrt gewinnen, um sie für Investoren interessant zu machen.

Sie analysieren auch die Schwellenland-Börsen. Wird die Schwäche dieser Märkte anhalten?

Street: Investoren in jene Regionen müssen den weiteren Horizont im Auge behalten. Die Volatilität wird wohl vielerorts anhalten. Bei den gegenwärtigen Bewertungen sehen wir aber einige Chancen zum Einstieg – etwa in den asiatischen Märkten.

Und vergessen wir die Schweiz nicht – was erwarten Sie für die hiesige Börse?

Street: Der Schweizer Aktienmarkt hat ein ziemlich gutes Jahr hinter sich. Gemessen etwa an den Peripherieländern sind die Chancen sicherlich weniger gut.

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