Wo ist die Euphorie für europäische Aktien von 2017 geblieben? Damals hatten die Wahl des reformfreudigen Emmanuel Macron zum französischen Präsidenten, das Durchhaltevermögen von Kanzlerin Angela Merkel in Deutschland sowie verbesserte Wachstumsindikatoren den Weg für zweistellige Aktiengewinne geebnet. Die europäischen Märkte schienen endlich die Phase zu überwinden, in der sie jahrelang dem dynamischen US-Bullenmarkt hinterher gehechelt waren.

Ernüchterung machte sich 2018 im Hinblick auf diese Hoffnungen breit. Während Anleger sich um das Säbelrasseln im Welthandel sorgen, ist die handelsorientierte europäische Wirtschaft merklich abgekühlt. Zudem ist in mehreren EU-Kernländern die politische Landschaft ins Wanken geraten. Dieser unglückliche Wandel der Ereignisse hat sich an den europäischen Aktienmärkten niedergeschlagen, und sie haben den Anschluss an die USA wieder verloren. Die folgenden drei Grundprobleme tragen zu der internationalen Marktstörung bei:

1. Globale Handelskonflikte schaden Europa mehr als allen anderen Wirtschaftsregionen

Europa ist besonders anfällig für Handelsstörungen. Die Schlagzeilen konzentrieren sich zwar auf den Konflikt zwischen den USA und China, aber in Wahrheit hätte bei einem Handelskrieg Europa das meiste zu verlieren. Dies ist ein entscheidender Grund für das diesjährige schwache Abschneiden von europäischen Aktien. Nach den ersten neun Monaten 2018 liegt der MSCI Europe Index auf USD-Basis rund 2 Prozent im Minus. Demgegenüber verbuchen US-Aktien ein Plus von 11 Prozent und haben im Jahresverlauf mehrere neue Allzeithochs erreicht. An den Währungsmärkten hat der Euro dieses Jahr 3 Prozent gegenüber dem USD verloren, weil steigende US-Zinsen, die starke amerikanische Wirtschaft und die Anlegersuche nach sicheren Häfen Kapitalströme in die USA gelockt haben.

2. Politische Fragmentierung gefährdet die Stabilität der EU

Neben Handelssorgen spielen auch politische Entwicklungen eine Rolle. Die vom Wahlsieg Macrons ausgelöste europäische Aktienrally verlief im Sande, als klar wurde, dass seine Wirtschaftsreformen auf starken innenpolitischen Widerstand in Frankreich stossen würden. Im Deutschland geriet Kanzlerin Merkel unter Druck, als ihre Partei bei den Bundestagswahlen an Boden verlor.

Jenseits des Ärmelkanals dauern die erbitterten Brexit-Verhandlungen an. Sollte Grossbritannien die EU ohne ein Handelsabkommen verlassen, könnte dies grosse Probleme für beide Seiten nach sich ziehen.

In Italien hat die neue populistische Regierungskoalition Sorgen um die Fiskalpolitik der drittgrössten europäischen Volkswirtschaft wachgerufen und neue Zweifel am langfristigen Bekenntnis Italiens zum Verbleib in EU und Eurozone geweckt.

Die politische Landschaft Europas fällt zunehmend auseinander. Quer über den Kontinent behaupten populistische und nationalistische Splitterparteien ihren Einfluss. Anstatt zu verschwinden, sind sie unter anderem in Deutschland, Italien und Norwegen weiter auf dem Vormarsch.

Auch der Blick auf 2019 stimmt nicht allzu optimistisch. In Deutschland könnte ein Führungswechsel anstehen, in Grossbritannien droht ein harter Brexit, in Italien sind politische und finanzielle Turbulenzen zu befürchten, und im Oktober endet die Amtszeit von EZB-Präsident Mario Draghi. Hinzu kommt, dass die EZB im Dezember ihr Anleihekaufprogramm beenden und Mitte bis Ende 2019 eine Zinserhöhung durchsetzen könnte.

3. Die US-Wirtschaft setzt stärker auf strukturelle Wachstumstrends

Ein weiterer Grund für die ungleiche Renditeverteilung zwischen US- und europäischen Aktien ist die relativ geringe Zahl an wachstumsstarken Technologiefirmen in Europa. Während der US-Bullenmarkt seit 2009 von Technologiewerten und zyklischen Konsumgütern angetrieben wird, sind diese Sektoren in Europa unterrepräsentiert. Es ist kein Geheimnis, dass legendäre Marktführer wie Amazon, Apple, Facebook, Google, Microsoft und Netflix allesamt in den USA ansässig sind. Im europäischen Technologiesektor entfällt dagegen knapp die Hälfte der Marktkapitalisierung auf gerade einmal zwei Unternehmen – die deutsche SAP und die niederländische ASML. Durch den Mangel an innovativen Technologie- und Consumer-Tech-Firmen ist Europa im langfristigen technologiegetriebenen Wachstumsrennen abgeschlagen.

Fazit für Anleger

Diese Hintergründe in Europa sprechen eher für ein Engagement in Einzeltiteln als in ganzen Sektoren oder Ländern. Aus Makrosicht ist unklar, ob sich die Lage Europas in nächster Zeit verbessert. Fundamental orientierte Anleger können jedoch auch ohne Wirtschaftsaufschwung auf selektiver Basis überzeugende Wachstumstitel finden. Ein gutes Beispiel ist der europäische Flugzeugbauer Airbus, der mit einem deutlichen Abschlag gegenüber seinem US-Konkurrenten Boeing notiert. Weitere Kandidaten sind der Chipanlagenhersteller ASML und die britische HSBC-Bank, die in Asien neue Wachstumschancen sucht.

Wenngleich die Indexrenditen in Europa enttäuscht haben, sind dennoch vereinzelt europäische Werte zu finden, die aus Bewertungssicht deutlich attraktiver sind als ihre US-Vergleichstitel. Die Chancen sind nur eng begrenzt auf solche Titel, die auch ohne konjunkturellen Rückenwind in Europa prosperieren.

*Robert Lind, Economist bei Capital Group

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