Neue Spekulationen über Kapitalengpässe bei europäischen Banken haben die Finanzwelt aufgeschreckt. Die Investmentbank Goldman Sachs bezifferte den Kapitalbedarf bei den Geldhäusern des Kontinents auf 60 bis 90 Mrd Euro. In einer Studie nahm das Wall-Street-Haus seine Erwartungen für insgesamt 40 Institute zurück. Die Kurse von Bankaktien gaben daraufhin auf breiter Front nach. Grösster Verlierer war in Deutschland die Commerzbank mit einem Minus von deutlich mehr als 4%. Auch die Anteile der Deutschen Bank verbilligten sich um fast 3%.

Weitere Kapitalmassnahmen

Spekulationen über eine anstehende Kapitalerhöhung bei der Deutschen Bank hatten jüngst zu einem Kursrutsch geführt. Das Institut trat den Gerüchten da-raufhin entgegen und versicherte, kein frisches Geld zu benötigen. Ausserdem stellte die Bank für das 2. Quartal einen Gewinn in Aussicht.

Trotz dieser Versicherungen reagierten Investoren äusserst nervös auf die Goldman-Studie. Die Analysten erwarten, dass die europäischen Banken nach Milliardenabschreibungen infolge der Finanzkrise entweder 60 Mrd Euro frisches Kapital benötigen oder ein Jahr lang keine Dividende zahlen können. Im schlimmsten Fall könnte der Geldbedarf sogar auf 90 Mrd Euro steigen. «Das reicht aus, um die Kurse ins Rutschen zu bringen», sagte ein Börsenhändler.

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Die Kapitalausstattung der Kreditinstitute wird seit Tagen kontrovers diskutiert. Der Finanzvorstand einer deutschen Bank sagte in dieser Woche, er rechne «im 2. Halbjahr mit Kapitalmassnahmen in einem Ausmass, wie wir sie lange nicht gesehen haben». Dagegen vertritt die Investmentbank JP Morgan die Ansicht, dass die Abschreibungen keine weiteren Kapitalerhöhungen nötig machen werden. Allerdings hätten viele Banken nur noch wenig Puffer. Kapitalerhöhungen sind für Banken derzeit heikel, da Investoren die Branche skeptisch sehen. Europäische Grossbanken konnten neue Aktien zuletzt nur mit deutlichen Abschlägen am Markt platzieren. JP Morgan rechnet damit, dass den Instituten wenigstens bis zum September der Weg zu frischem Geld de facto versperrt ist.

UBS beschwichtigt

Vor diesem Hintergrund bemühte sich die ins Schlingern geratene Schweizer Grossbank UBS weiter darum, Zweifel an ihrer Kapitalausstattung zu zerstreuen. Man sehe «keine Notwendigkeit, zusätzliches Eigenkapital zu beschaffen», teilte das Institut mit. Für das 2. Quartal erwarten die Schweizer ein «ausgeglichenes bis leicht negatives» Ergebnis. In den ersten drei Monaten des Jahres hatten sie mehr als 7 Mrd Euro Verlust verbucht. Die Belastungen lassen inzwischen auch das Vertrauen wohlhabender Privatkunden schwinden: Sie zogen im 2. Vierteljahr mehr Geld aus der UBS-Vermögensverwaltung ab, als die Bank neu einsammeln konnte.