Alcorcón ist ein unauffälliger Vorort im Südwesten von Madrid. Eine Schlafstadt aus eilig hochgezo­genen Hochhauskästen, auf zwei Seiten von Autobahnen eingerahmt. Hinter der Schnellstrasse liegt nichts ausser staubiges Land. Eine trockene, unbebaute Ebene von der Grösse des Sempachersees. Doch auf diesem Niemandsland, 20 Minuten von Madrid entfernt, soll in den nächsten fünf Jahren der Goldrausch ausbrechen.

Sheldon Adelson, der reichste Casinobetreiber der Welt, will bei Alcorcón für 17 Milliarden Euro das grösste Spielparadies Europas aus dem Boden stampfen. Sechs Casinos und zwölf Hotels sollen Spieler aus Europa, Russland und den Vereinigten Arabischen Emiraten anlocken. Ein hoch aufragendes gläsernes Gebäude in der Form des Buchstabens «M» soll künftig ­jeweils den Nachthimmel erleuchten. «Ein aussergewöhnliches Projekt», jubelte der Präsident der Region Madrid, Ignacio González, letzte Woche. Das sehen manche hier anders. «Da läuft vieles falsch», sagt die Madrider Soziologin María Fer­nández. Denn die Region Madrid musste einiges anbieten, damit Adelson sie zum Standort wählte – zu viel, finden Gegner.

Krise als Gelegenheit

Der Amerikaner Sheldon Adelson betreibt mit seinem Konzern Las Vegas Sands (LVS) riesige Casinos und Messehallen in den USA und in Asien. Schon länger habe der alte Milliardär die geografische Lücke dazwischen schliessen und in Europa bauen wollen, sagt einer, der ihn aus Las Vegas kennt. «Er hat still gewartet, bis die Gelegenheit günstig war.» 2010 war es so weit. Die Krise im Land hatte die ­Immobilienpreise um rund einen Drittel gedrückt. Spanien brauchte Geld. Adelson gab lokalen Beratern den Auftrag, nach ­geeigneten Grundstücken für sein gigantisches Casinoprojekt zu suchen.

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Das war die Stunde des Schweizers ­Heiner Weber. Der Banker ist angestellt bei der Genfer Privatbank Falcon. Dort betreut er seit Jahren einen spanischen Bauunternehmer, dem ein Stück Land vor den Toren Madrids gehört. Eben jene staubige Ebene bei Alcorcón, eine von mehreren Eigentümern gemeinsam verwaltete Grossparzelle. Weber erhielt den Auftrag, dafür Investoren zu finden.

«Als wir hörten, dass LVS Land sucht, haben wir sie natürlich kontaktiert», sagt Weber heute. Er ist bereit, über Eurovegas zu sprechen, betont aber, dass weder die Bank Falcon noch deren Besitzerin, die Herrscherfamilie von Abu Dhabi, mit den Casinoplänen zu tun habe. «Ich halte ­Eurovegas für ein gutes Projekt», sagt der Banker. «Es wird Madrid aufwerten.» Ebenfalls aufwerten wird sich nach Webers Kalkül jener Teil der Parzelle, den LVS nicht kauft. «Eurovegas Vicinity», haben die Eigentümer dieses Stück Land bereits getauft – Nachbarschaft von Eurovegas.

Im Laufe des Jahres 2011 krönte Sheldon Adelson Madrid und Barcelona offi­ziell zu den potenziellen Standorten seiner Wahl. Er kündigte an, mit Eurovegas bis zu 260000 neue Jobs zu schaffen, davon 10000 direkt im Vergnügungspark selber. Gleichzeitig liess er die Städte um ihre Konkurrenz wissen – und forderte sie hinter den Kulissen auf, ihm juristisch und steuerlich entgegenzukommen. «Ein solches Angebot abzulehnen, wäre schlicht realitätsfremd», sagt der Sprecher des Mad­rider Wirtschaftsministeriums, José Luis Villena, gegenüber der «Handelszeitung». In beiden Regionen liegt die Arbeitslosenquote bei rund 17 Prozent.

Sowohl Madrid als auch Barcelona warben ab dem Frühjahr 2012 intensiv um Adelson. Die damalige Präsidentin der ­Region Madrid, Esperanza Aguirre, kündigte öffentlich an, das europaweite Rauch­verbot im späteren Eurovegas-Gebäude teilweise aufheben zu wollen. Mehrere Zeitungen schrieben, Madrid werde Eurovegas von Steuern und Sozialabgaben ­befreien und den Kündigungsschutz aufweichen. «Als das öffentlich wurde, sind viele skeptisch geworden», sagt Projektgegnerin María Fernández. «Das ist doch kurzfristiges Denken – genau das, was Spanien in die Krise gebracht hat.» Gemeinsam mit anderen gründete Fernández im März 2012 die Plattform «Euro­vegas No», die das Casinoprojekt öffentlich bekämpft. Den ganzen Sommer über gingen in Ma­drid Tausende auf die Strasse. Wirkliche Macht hat «Eurovegas No» nicht – Spanien kennt kein Referendum.

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Gesetze geändert

Im Dezember 2012 entschied Madrid endgültig das Rennen für sich. Das Re­gionalparlament, dominiert von González’ rechtskonservativem Partido Popular (PP), beschloss mehrere Änderungen der ­Steuer- und Arbeitsgesetze. Unter anderem schuf es ab dem Jahr 2013 die Institution der «Centros Integrados de Desarrollo (CID)», also sogenannter «Entwicklungszentren». Diesen Unternehmen der «Messe- und Unterhaltungsbranche» werden grosse Teile der Steuerpflicht erlassen. Sie zahlen insbesondere nur 10 Prozent statt wie bislang 45 Prozent auf dem Umsatz mit Glücksspielen.

Ministeriumssprecher Villena betont, um die Klassifizierung als CID könne sich jeder Investor bewerben. Doch jedem in Madrid ist klar, dass das neue Gesetz auf Eurovegas zugeschnitten ist. Die renommierte Zeitung «El País» nennt es gar Sheldon Adelsons «Massanzug». Die Regionalregierung habe sich stark für sein Projekt eingesetzt, liess sich Adelson selbst einmal in einer Medienmitteilung zitieren. «Wir schätzen die Energie, die sie in den Prozess gebracht haben.» Die Gegner von Eurovegas kritisierten im Januar vor allem die Intransparenz der Verhandlungen. «Keiner hat dazu das Volk befragt», schrieben sie in einer Stellungnahme.

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Bis Ende Jahr soll nun eine erste Eurovegas-Tranche gebaut werden, wie Regionalpräsident González angekündigt hat. 2017 solle das Casino fertig sein. Den Bau finanziert LVS nur zu einem Drittel selber, den Rest sollen spanische Banken investieren. Diese haben soeben 40 Milliarden Euro an faulen Immobilienkrediten an eine staatliche Bad Bank ausgelagert.

Weber hat derweil Kontakt aufgenommen mit Investoren in China, der Golf­region und England. Sie interessieren sich für den Rest der Parzelle bei Alcorcón. Diese werde nämlich bald deutlich mehr Wert haben, sagt Weber. Er rechnet vor: 1900 Euro koste ein überbauter Quadratmeter zurzeit. In ein paar Jahren werde er auf mindestens 4500 Euro steigen, behauptet Weber – dank der Nähe zu Eurovegas.

 

 

Las Vegas Sands: Eines der grössten Casinohäuser der Welt

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Sheldon Adelson
Der 79-jährige US- Amerikaner ist ein klassischer Selfmade Man. Adelson flog vom College und schlug sich als Hypothekenverkäufer und Finanzberater durch. Reich wurde er mit der Computermesse Comdex, die er 1979 erstmals organisierte. 1995 verkaufte er sie für 860 Millionen Dollar an eine japanische Bank.

Las Vegas
1988 kaufte Adelson mit Partnern für 1,5 Milliarden Dollar das Sands Casino und gründete den Konzern Las Vegas Sands (LVS). LVS baute das riesige Sands-Konferenzzentrum sowie «The Venetian» und «Palazzo», die heute wohl bekanntesten Casinos in Las Vegas. Ab 2004 folgten Casinos in Macao (China) und Singapur. Seit 2004 wird LVS an der New Yorker Börse gehandelt; Familie Adelson gehören 52 Prozent. LVS schrieb 2011 einen Reingewinn von 1,6 Milliarden Dollar.