Deutschland erlebt momentan ein Sommermärchen. Die deutsche Nationalmannschaft läuft an der Fussball-WM in Südafrika zur Hochform auf und sorgt daheim für Euphorie. Und auch der deutsche Aktienmarkt bewegt sich derzeit an der Weltspitze, und das dürfte Bundeskanzlerin Angela Merkel mindestens so freuen, wie die Erfolge der deutschen National-Elf.

Im Jahr 2010 resultierte bisher am deutschen Aktienindex (DAX) ein Minus von 2%, während der Swiss Market Index (SMI) im gleichen Zeitraum mit -9% deutlich mehr verloren hat. Auch der S&P 500 steht mit einem Verlust von 8% wesentlich schlechter da als der DAX, und der Euro-Stoxx 50, der Index mit den 50 grössten Unternehmen der Euro-Zone, hat in diesem Jahr gar 15% verloren.

Euro-Schwäche erklärt nicht alles

Der Vergleich mit dem europäischen Gesamtindex zeigt auch, dass es nicht genügt, allein den tiefen Euro-Kurs als Ursache für den Industrie-Boom in Deutschland verantwortlich zu machen. Die Schuldenkrise in den peripheren Euro-Staaten hat das Fundament der Gemeinschaftswährung in seinen Grundfesten erzittern lassen und zu einer deutlichen Abschwächung des Euro gegenüber den wichtigsten Handelswährungen geführt. Auch wenn sich der Euro gegenüber dem Dollar zuletzt leicht erholt hat, liegt der aktuelle Euro-Kurs von 1.25 Dollar noch immer mehr als 10% unter dem Wert zu Jahresbeginn. Das ist durchaus ein Vorteil für die Exportindustrie, denn gemäss Berechnungen der Credit Suisse erhöht ein um 10% schwächerer Euro die Gewinne um durchschnittlich 11%. Laut den Experten der UBS wiederum können europäische - und vor allem deutsche - Exportunternehmen von der Wachstumsdynamik in Asien und der steigenden Nachfrage nach hochwertigen europäischen Produkten profitieren. Deutschland erwirtschaftet über 30% seines Bruttoinlandprodukts (BIP) durch Exporte. Und beinahe 20% der Ausfuhren gehen in Länder ausserhalb der Euro-Zone. Die Industrieproduktion in Deutschland ist im Vergleich zum Vorjahr um 13% gestiegen. Für Deutschland wird daher ein BIP-Wachstum von rund 2% erwartet, im gesamten Euro-Raum soll das Wachstum bei 1% liegen.

Anzeige

«In erster Linie profitieren die exportorientierten Unternehmen von der derzeitigen Euro-Schwäche. Dazu gehören die Automobilkonzerne Daimler, BMW, VW und die Firmen BASF, Siemens und MAN», so Karl Huber, Manager des Pioneer Investments German Equity Fonds. Denn gerade die krisengeschüttelten Automobilhersteller können derzeit von der steigenden Exportnachfrage profitieren und müssen in einigen Werken bereits Extraschichten schieben, um genügend Autos herzustellen (siehe Seite 39).

Die Experten der Credit Suisse haben aufgeschlüsselt, wie deutsche Autobauer von der Währungssituation profitieren. So erzielt etwa der Sportwagenhersteller Porsche 35% der Umsätze in Dollar, während in der Währung kaum Kosten anfallen. Beim DAX-Unternehmen BMW betragen die Dollar-Einnahmen 30% und die Kosten in der Währung 20%. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Volkswagen. Doch bisher konnte nur BMW die Anleger wirklich überzeugen, der Titel konnte seit Jahresbeginn immerhin 20% zulegen.

Dennoch: «Aufgrund der aktuellen strukturellen Probleme in Europa ist nicht davon auszugehen, dass der Euro kurzfristig wieder zu alter Stärke zurückfinden wird», so Huber. Er geht daher davon aus, dass die Dax-Werte auch in den kommenden Monaten von der Schwäche der europäischen Gemeinschaftswährung profitieren werden.

Halbes Dutzend ETF zum Dax

Aufgrund der positiven Aussichten überrascht es kaum, dass derzeit Dax-Indexfonds äusserst beliebt sind. Laut dem Fondsdatenanbieter Lipper ist das begehrteste ETF-Produkt der letzten Wochen ein Dax-Indexfonds des deutschen Anbieters ETFlab. Dieser ist zwar in der Schweiz nicht erhältlich, doch bildet eine Handvoll an der Schweizer Börse zugelassener ETF den deutschen Leitindex ab. Zudem werden einige Finanzprodukte in Franken oder in Euro angeboten. Aufgrund der derzeit grossen Schwankungen des Frankens zum Euro ist die jeweilige Währungs-Denomination für die effektive Performance der einzelnen Produkte entscheidend.

Anzeige

Auch wenn die Euphorie um die deutsche Fussball-Elf schliesslich nur einen kurzfristigen positiven Effekt auf die Stimmung im Land haben könnte: Experten gehen davon aus, dass sich an der wirtschaftlichen Ausgangslage so bald nichts ändern und Deutschland seinem Ruf als Exportweltmeister gerecht werden wird. «Angesichts solider Finanzen und eines starken Exports sind die wirtschaftlichen Realitäten positiv zu bewerten», so Huber.