Der Zielkorridor für die US-Leitzinsen liegt zwischen 0,00 und 0,25%, die Zinsen für kurzfristige US-Staatsanleihen sind sogar negativ. Dennoch klemmen die Geld- und Kreditmärkte. Dies sind die Fakten, mit denen sich die Vertreter der US-Notenbank auseinandersetzen müssen auch am 28. Januar, wenn sie den nächsten Zinsentscheid treffen müssen.

Experten prognostizieren daher für das ganze laufende Jahr eine Nullzinspolitik. «Die Kreditkrise belastet den wirtschaftlichen Ausblick derzeit sehr stark und grosse Vermögenspreisrückgänge bergen die Gefahr eines Deflationsszenarios», schreibt die DekaBank. Auch Andeutungen von Fed-Vertretern lassen eine dauerhafte Nullzinspolitik erwarten.

Tiefe Zinsen machen gegenwärtig Sinn. Die Bankenkrise Anfang der 1930er wuchs sich unter anderem aufgrund der rückläufigen Geldmenge zu einer Depression aus. Auch aus Sicht der USA als Schuldner sind tiefe Zinsen von Vorteil. Allein für das Fiskaljahr 08/09 beträgt das Loch in der amerikanischen Staatskasse rund 1,2 Billionen Dollar. Wer einen Dollar-Schuldenberg auftürmt und den Wert des Dollar beeinflussen kann, wird ihn daher abwerten wollen. Eine Währungsabwertung lässt sich mit tiefen Zinsen elegant bewerkstelligen und würde zudem die Exportindustrie stützen. Dieser Aspekt der Nullzinspolitik erscheint verlockend, zumal der Greenback in den letzten Jahren sank und als unterbewertet gilt.

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Kein Inflationsdruck spürbar

Ein künstliches Tiefhalten des Dollar hält Swisscanto-Chefstratege Thomas Härter indessen für den falschen Ansatz. Denn bereits in der Weltwirtschaftskrise habe der Versuch jedes Landes, durch einen tiefen Wechselkurs einen grösseren Nachfragekuchen zu ergattern, lediglich dazu geführt, dass die Konkurrenten ebenfalls abwerteten. Langfristig tiefe Zinsen bergen aber Risiken. So stand billiges Geld am Anfang der gegenwärtigen Krise, es ermöglichte erst die Kreditexzesse. Zudem könnten tiefe Zinsen die Inflation entfachen. Härter beschwichtigt: «Die USA befindet sich mitten in einer schweren wirtschaftlichen Krise. Zunächst gilt es, diese zu bekämpfen.» Eine allfällige weitere Kreditblase wäre erst in rund zehn Jahren aktuell. Und einen Inflationsdruck kann Härter auch nicht erkennen. Die Geldmenge sei zwar stark gewachsen. Solange die Anleger verunsichert seien und Geld horten, sei die erhöhte Geldmenge aber nicht inflationstreibend.Weil die Anleger extrem verunsichert sind, ist die Nachfrage nach US-Staatsanleihen gegenwärtig zwar noch lebhaft. Die hohe öffentliche Verschuldung könnte das Vertrauen der Anleger in die US-Kreditwürdigkeit aber erschüttern. Skeptiker befürchten, dass bald niemand mehr US-Staatsanleihen nachfragen. Dieses Szenario hält Thomas Härter für unwahrscheinlich. Denn sichere Investitionsalternativen seien Mangelware. Solange sich die Situation auf den Finanzmärkten nicht beruhigt, sei ein Nachfrageeinbruch bei US-Staatsanleihen kaum denkbar, so Härter.

Nichts unversucht lassen

Bisher hatte die US-Notenbank nichts unversucht gelassen, um den ausgetrockneten Kreditmarkt wieder zu beleben. Thomas Härter von Swisscanto rechnet daher auch in Zukunft mit einer fantasievollen Fed-Geldpolitik. Bei den kurzfristigen Zinsen sei das Instrumentarium der Notenbank aber ausgeschöpft. «Ab jetzt hat Bernanke die Zinsen am langen Ende im Visier», sagt er. Denkbar ist die Vergabe von Krediten an Firmen oder Bundesstaaten mit schlechtem Rating.