Die Stimmung an der Börse hat sich in den letzten Wochen zwischenzeitlich aufgehellt. An welchem Punkt befinden wir uns innerhalb der aktuellen Finanzkrise?

Felix W. Zulauf: Der allgemeine Pessimismus hat Mitte März seinen Höhepunkt gefunden. Der Tiefstpunkt wurde damit an den Aktienmärkten erreicht; diese werden meines Erachtens auch für das ganze Jahr halten. Das Risiko der Kreditkrise ist weitgehend in den Kursen enthalten. Rückschläge sind aber auch heute noch möglich.

Die Märkte werden jetzt also wieder zulegen?

Zulauf: Ich bezweifle, dass die Mehrheit der Aktien in diesem Aufschwung, der 2003 begonnen hat, neue Höchstkurse schaffen wird. Aber einzelne Themen, die bereits vorher dominierten, werden stark bleiben und vermutlich sogar in eine Übertreibung hineinlaufen. Es ist also denkbar, dass diese Segmente ihre Höchstpunkte erst 2009 oder sogar 2010 erreichen werden. Danach folgt die Baisse, die dann vermutlich auch in einer weltweiten Rezession in den ersten Jahren des nächsten Jahrzehnts enden dürfte.

Anzeige

An welche Themen denken Sie?

Zulauf: Der laufende Konjunkturzyklus wird dominiert vom Aufstieg Chinas und anderer Schwellenländer. In diesem Zusammenhang steht auch der Rohstoff- und Energieboom.

Soll man noch in Rohstoffe investieren?

Zulauf: Die Rohstoffindizes sind nach einer Flaute von 20 Jahren seit Anfang dieses Jahrzehnts in einem strukturellen Aufwärtstrend und bleiben dies auch noch einige Zeit. Dies ist eine logische Folge der Industrialisierung der Schwellenländer und des damit verbundenen Nachfrageschubs, aber auch einer beschränkten Erhöhung des Angebots.

Beobachter befürchten eine Blase bei den Rohstoffen. Stimmen Sie dem zu?

Zulauf: Nein, denn vergleicht man die Preisentwicklung der Rohstoffe, die an Terminmärkten gehandelt werden, mit jenen ohne Börsenhandel, so sieht man bei beiden eine starke Zunahme, und bei Letzteren sogar eine noch stärkere. Die Voraussetzungen für eine sich entwickelnde Blase sind gegeben, aber die klassischen Zeichen einer Blase, die dann auch platzt, sehe ich jetzt noch nicht.

Insbesondere der hohe Ölpreis bereitet der Weltwirtschaft Probleme. Mit welchen Preisen rechnen Sie?

Zulauf: Offensichtlich ist die Welt am Punkt, wo es klar wird, dass diese Reserven endlich und nicht unendlich sind. Ich denke deshalb, dass wir im nächsten Konjunkturzyklus, also sagen wir in zehn Jahren, durchaus 300 bis 400 Dollar pro Fass sehen könnten. Eine Rezession zu Beginn des nächsten Jahrzehntes könnte aber zuerst noch eine grössere Korrektur bringen.

Auch Gold hat in den letzten Jahren eine Preisexplosion erlebt. Folgt nun die Korrektur?

Zulauf: Angesichts der strukturellen Probleme der US-Wirtschaft bleiben die Realzinsen niedrig und wird der Goldpreis nach einer Korrektur, die bis in die Zone 850 bis 800 Dollar gehen könnte, wieder steigen. Ich rechne mit deutlich höheren Kursen in den kommenden Jahren, weit über 1000 Dollar.

Welche Märkte können Sie empfehlen?

Zulauf: Ich gehe davon aus, dass die Börsenindizes in Amerika, Kanada, Brasilien, Russland oder Hongkong in sechs Monaten über dem heutigen Niveau liegen werden. Aus diesem Grund würde ich einen Indextracker auf solche Märkte empfehlen. In Europa würde ich Norwegen und Deutschland bevorzugen, denn als Industrienation wird unser nördlicher Nachbar weiterhin am stärksten vom Boom in China und anderen Schwellenländern profitieren, und Norwegen ist ein grosser Nutzniesser des hohen Ölpreises.

Welche Auswirkungen wird die Finanzkrise, ausgehend von den USA, auf den Aufschwung der Emerging Markets haben?

Zulauf: Das Wachstum wird wohl überall etwas zurückgehen. Wir müssen aber unterscheiden zwischen Volkswirtschaften mit hohen Überschüssen in der Ertragsbilanz und solchen mit Defiziten. Bei den ersteren, zu denen beispielsweise China gehört, könnte das Wachstum leicht abnehmen, aber auf sehr hohem Niveau. Bei den Defizitländern, wie dies beispielsweise oft in Osteuropa der Fall ist, aber nicht in Russland, wird die Kreditkrise namhafte Spuren hinterlassen, weil sich die Kreditkosten dort deutlich verteuern und die Kreditabhängigkeit zum Teil recht hoch ist.

Wo sehen Sie die Grenzen des Aufschwungs in den Schwellenländern?

Zulauf: Überschussländer wie China oder manche ölproduzierende Staaten des Mittleren Ostens boomen unter anderem, weil die Zinsen nach wie vor zu tief und ihre Währungen unterbewertet sind. Dies führt jetzt zu steigender Inflation. Ich rechne damit, dass die Teuerung in jenen Volkswirtschaften weiter ansteigen wird und die Behörden eine schrittweise Anpassung der Zinsen und Währungen vornehmen werden, die dann in zwei bis drei Jahren zu einer konjunkturellen Abschwächung führen wird.

Wird China nicht alles daran setzen, eine Rezession zu vermeiden?

Zulauf: Grundsätzlich hat eine Rezession auch ihr Gutes. Sie eliminiert die Exzesse des Aufschwungs. Zudem handelt es sich bei einer Rezession ja um eine relativ kurze Zeit. Eine Rezession ist also etwas Natürliches. Aber die Risiken in China werden wachsen. Deshalb wird es eine graduelle und keine brüske wirtschaftspolitische Anpassung sein.

In Amerika sieht man dies aber anders.

Zulauf: Die USA werden sich auf einen lange andauernden Heilungsprozess einstellen müssen, der zu einer deutlichen Steigerung der Sparrate führen sollte. Das wird der Staat über grössere Ausgaben, zum Beispiel mittels Investitionsprogrammen, kompensieren müssen.

Wann wird sich die internationale Bankbranche erholt haben?

Zulauf: Für die Banken beginnt jetzt die Aufarbeitung der jüngsten Krise. Sie werden ihr Geschäftsmodell anpassen müssen und zukünftig viel konservativer agieren, insbesondere im Investment Banking. Dies wird sich negativ auf ihre Eigenkapitalrenditen auswirken, weshalb die Gewinne und die Bewertung der Banken kaum mehr so hoch ausfallen werden, wie in den letzten Jahren. Insgesamt wird die gesamte Branche die Nachwehen noch mehrere Jahre spüren.

Insbesondere die Schweizer Grossbanken waren von der Kreditkrise stark betroffen. Wie sehr hat dadurch das Image des hiesigen Finanzplatzes gelitten?

Zulauf: Es ist natürlich angekratzt. Doch die betroffenen Banken werden nicht Konkurs gehen. Zudem werden jetzt Massnahmen getroffen, um das Geschäft wieder auf Vordermann zu bringen. In einigen Jahren dürfte das Image der Banken wieder hergestellt sein. Wichtiger für den hiesigen Finanzplatz ist vielmehr, dass das Bankgeheimnis gewahrt und die Dienstleistungen für die nationale und internationale Kundschaft mit hoher Qualität erbracht werden.

Das Bankgeheimnis scheint allerdings anfällig zu sein.

Zulauf: Das Problem liegt nicht beim hiesigen Finanzplatz. Vielmehr hat Europa das Wort «Egalité» aus der französischen Revolution als Gleichmacherei falsch verstanden, anstatt den gesunden Wettbewerb zu fördern. Die EU ist eine Hochsteuerregion, was zu einer schleichenden Enteignung der Bürger führt. Aus diesem Grund bringen diese ihr Erspartes nicht nur in die Schweiz, sondern auch in andere Regionen, beispielsweise nach Asien, wohin sie vor der Enteignung flüchten.

Wie kann der Steuerstreit gelöst werden?

Zulauf: Grundsätzlich muss die Schweiz ihren eigenen Weg gehen und darf nicht einfach immer überall den Begehren anderer Staaten nachgeben, denn sonst würde unsere Volkswirtschaft geschwächt. Ich würde mir wünschen, dass der Bundesrat ein hoch attraktives und einfaches Steuermodell ausarbeitet, das zu deutlich tieferen Steuern für alle führt, und dieses umsetzt. Dabei könnte man dann den von der EU kritisierten Punkt elegant ändern. Das wäre die einzig richtige Antwort an die EU.

Kann sich die Schweizer Regierung gegenüber der EU durchsetzen?

Zulauf: Dazu muss unsere Regierung ihren Minderwertigkeitskomplex endlich loswerden. Zudem muss sie eine klare Vision entwickeln, wie sich die Schweiz gegenüber der EU und in der Welt positionieren will. Dann braucht es eine Truppe, die diese Pläne realisieren kann, also grosse Führungserfahrung hat und verhandlungssicher ist. Leider leistet es sich die vereinigte Linke, Regierungsmitglieder, die über die entsprechenden Fähigkeiten verfügten, aus der Regierung zu kippen. Mit der heutigen linkslastigen Exekutive besteht die Gefahr, dass wir tatsächlich immer den schwarzen Peter haben, weil es Mitglieder gibt, die tief im Herzen die Schweiz liebend gerne in der EU sähen.

Der Finanzplatz Schweiz will sich vermehrt als Basis für Hedge-Fonds positionieren. Wie beurteilen Sie als Hedge-Fonds-Manager diese Bemühungen?

Zulauf: Ich unterstütze sie. Doch braucht es neben einer liberalen Gesetzgebung eine entsprechende Managementkompetenz. Uns fehlen aber die Talente, weil insbesondere die grösseren Schweizer Banken ihre Vermögensverwalter primär in London, New York und Singapur angesiedelt haben, anstatt hier ein Kompetenzzentrum zu schaffen. Daneben hapert es aber auch an der Unternehmenskultur: Wenn sich ein guter Vermögensverwalter einer Bank selbstständig machen will, dann wird er von seinem früheren Arbeitgeber nicht gefördert, sondern vielmehr als «Persona non grata» ausgeschlossen. Das ist in der angelsächsischen Kultur völlig anders. Dort erhält er noch Startkapital.