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Finance 2.0: Gefahren der Demokratie

Medium der Zukunft: Laut Publisuisse haben 9 Prozent der Schweizer schon einen Tablet-PC

Das interaktive Web bietet Raum für kreative Finanzdienstleistungen. Bei aller Euphorie fürs Neue sollten Kunden aber altbekannte Probleme nicht vergessen: Anlegerschutz und Herdenverhalten.

Von Urs Aeberli
am 15.03.2012

Das Frühjahr lässt auch im virtuellen Raum neue Blüten spriessen. So starten in diesem Frühjahr zwei Schweizer ­Online-Banken: eny Finance in Windisch, und das Joint Venture der Bank Zweiplus und des Ringier-Finanzportals Cash.

Die Initianten verfolgen dabei konse­quent die Philosophie des interaktiven Web 2.0. Demzufolge ist das Internet nicht einfach eine schnelle und kostengünstige Vertriebsschiene mit Einbahnverkehr, sondern eine Plattform für ­echten Kundendialog. Bei eny Finance soll das bis hin zur gemeinsamen ­Entwicklung neuer Produkte reichen. In diesem Zusammenhang macht daher das Schlagwort von Internetdemokratie die Runde. Wobei auch etwas anarchistische Ideen mitschwingen: Durch direk­tes soziales Interagieren der Kunden soll sich die Allmacht der Banken brechen lassen. Social Banking statt Investment Banking gewissermassen.

Ein Beispiel liefert die deutsche Inter­netfirma Ayondo. Auf ihrer Plattform können Private den Anlagestrategien anderer, erfolgreicher privater Trader folgen. Schon Kleinanleger sollen damit an Strategien partizipieren, die die Banken sonst nur millionenschweren Private-Banking-Kunden bieten. Allerdings liegen solche Geschäftsmodelle quer zum regulatorischen Trend. Als Reaktion auf die Finanzkrise werden nämlich in ­Europa Anlageberatung und -gefässe immer enger beaufsichtigt. Bei Ayondo dagegen vertraut der Kunde sein Geld einer Privatperson an, die keiner Finanz­marktaufsicht unterstellt ist und die er auch nicht persönlich kennt. Dazu meint Marc P. Bernegger, der als Schweizer ­Investor an Ayondo beteiligt ist: «Demo­kratisierung hat mit Masse zu tun, und die Regulierung läuft zwangsläufig ein Stück weit der Demokratie entgegen, weil sie die Masse an Anlagemöglichkeiten einschränkt.»

Statt auf Behörden und Regulatoren vertraut die Internetdemokratie lieber auf das kollektive Wissen ihrer User – man spricht von Schwarmintelligenz. Zum Beispiel Wikirating.org: Dort kann jedermann eine Bonitätseinschätzung zu Staaten und Firmen abgeben. Die Ergebnisse sollen besser sein als jene der traditionellen Rating-Agenturen S&P, Moody’s oder Fitch. Selbst Hedgefonds setzen auf Schwarmintelligenz: Um schneller als die Konkurrenz zu erfahren, was den Markt bewegt, wertet Derwent Capital Social-Media-Kanäle aus.

Web 2.0 und sein Pendant Finance 2.0 bieten viel Raum für kreative Ideen. Anleger sollten aber in diesen Freiräumen den Anlegerschutz nicht vergessen und ihre Intel­ligenz nicht überschätzen. Schwarm­intelligenz kann schnell in dumbes ­Herdenverhalten umschlagen.

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