Die Finanzkrise sorgt fast täglich für neue Rekordmeldungen. So hat der Goldpreis erstmals den Wert von 1000 Dollar pro Feinunze überstiegen, mit den neusten Tiefstständen debutiert der Dollar unter einem Franken und die UBS-Aktie hat in ihrem Kollaps gar kurzzeitig die 25-Fr.-Marke umgerissen. Grenzen, die lange Zeit als unüberwindbar galten, wurden jüngst durchbrochen. Die Rekorde sorgen für fette Schlagzeilen und bei den Anlegern für grosse Verunsicherung. Laut Experten sind die Bedenken diesbezüglich aber unbegründet.

«Solche Grenzen werden völlig überbewertet», sagt denn auch Joachim Goldberg, Geschäftsführer der auf verhaltensorientierte Finanzmarktanalyse spezialisierten Cognitrend. Die Niveaus seien nämlich rein psychologisch begründet und hätten kaum einen Einfluss auf die reale Welt. Diese Ansicht vertritt auch Bank-Sarasin-Ökonom Alessandro Bee: «Ökonomisch sind die Marken bedeutungslos.» Da sich aber viele Anleger daran orientieren, könne es durchaus sein, dass die Werte unerwartete Reaktionen hervorrufen. «Ein UBS-Kurs unter 30 Fr. kann beispielsweise genauso Panikverkäufe verursachen wie Zukäufe auf einem vermeintlich tiefen Niveau», so Bee.

Verfälschte Wahrnehmung

Doch was macht diese Grenzen so faszinierend für die Investorengemeinde? Wirtschaftspsychologe Christian Fichter von der Universität Zürich erkennt verschiedene Gründe: «Menschen tendieren dazu, die Grenzen, bei deren Überschreiten sie handeln, auf symbolhafte, eingängige Marker festzulegen.» Dazu gehören Werte, denen man häufiger ausgesetzt ist und die über eine «gute Gestalt» verfügen. So würden Zahlen wie «1000» oder Verhältnisse wie «1:1» eine magische Anziehungskraft auf die Anleger ausüben, aber auch zu einer verfälschten Wahrnehmung führen. «Obwohl 1000 mathematisch gesehen bloss eine Zahl ist, genauso wie jede andere, strahlt sie eine Signalwirkung aus», so Fichter.

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Angesichts der grossen Informationsflut, welcher die Investoren täglich ausgesetzt sind, ist gegen das Setzen von sogenannten Trigger-Points (Auslösepunkte) grundsätzlich nichts einzuwenden. «Die Methode vereinfacht das rationale Handeln, doch es besteht die Gefahr, dass man vergisst, welche wirtschaftlichen Zusammenhänge tatsächlich hinter den Zahlen stecken», gibt Bee zu bedenken. Bei der Beurteilung der Wirtschaftsentwicklung spielen für den Sarasin-Ökonomen die absoluten Zahlen denn auch nur eine untergeordnete Rolle. «Viel wichtiger ist die relative Veränderung gegenüber dem Vorjahr», sagt Bee.

Nicht einmal in der Charttechnik, wo Begriffe wie Unterstützung und Widerstand zum Grundvokabular der Analysten gehören, haben die erwähnten Werte eine besondere Bedeutung. «Sie sind nichts weiter als Wegmarken, genauso wie die Kilometer-Markierungen auf der Autobahn», sagt Markttechniker Roland Vogt vom Finanzservice invest.ch. Bedeutsam seien vielmehr der Start- und der Endpunkt einer Reise.

Eines lässt sich beim Passieren solcher Marken trotzdem feststellen. «Der Stress erhöht sich, sodass dann andere taktische Konzepte zum Zug kommen müssen», so Vogt. In der aktuellen Marktphase zeigt sich beispielsweise, dass durch den lange anhaltenden Abwärtstrend der Nachfolgedruck für viele Marktteilnehmer unerträglich wird, weshalb es nun zu Kapitulationen und Panikreaktionen kommt.

An Anlagestrategie festhalten

Angesichts der Unvorhersehbarkeit der Marktreaktionen ist es für einen Investor kaum möglich, von den Grenzwerten zu profitieren. «Ich würde aber nie eine Limite oder einen Stop-Loss auf eine psychologische Grenze setzen», empfiehlt Goldberg. Vielmehr solle man unabhängig von den Informationen an seiner Anlagestrategie festhalten, die Verluste begrenzen und die Gewinne laufen lassen. Zur Ruhe rät auch Vogt: «Wir raten den Anlegern, nicht mit Emotionen und Gefühlen zu agieren.»