Das Deflationsrisiko, also ein Rückgang des Preisniveaus für Waren und Dienstleistungen auf breiter Front, ist derzeit zwar gering, doch der Finanzschock und eine stagnierende Wirtschaft könnten leicht ein deflationäres Umfeld schaffen.

Die US-Notenbank erachtet ein Deflationsszenario zwar als unwahrscheinlich, aber nicht als ausgeschlossen. Janet Yellen, Präsidentin der lokalen Notenbank von San Francisco, sagte kürzlich in einer Ansprache, dass der Rückgang des Ölpreises sowie die nachlassende Nachfrage nach Dienstleistungen und Waren «die Inflation drücken sollten, möglicherweise sogar unter die Marke, die ich für wichtig für die Preisstabilität erachte».

Hoffen auf politische Schritte

Generell ist für die Notenbank die Preisstabilität bei einer Inflationsrate zwischen 1,5 und 2% gegeben. Wegen der Verlangsamung des Wirtschaftswachstums und der fallenden Rohstoffpreise ist die Verbraucherinflationsrate, die im Sommer bei 5,6% lag, zurückgegangen. Vermutlich wird die jährliche Inflation in den USA aufgrund der fallenden Energie- und Nahrungsmittelpreise 2009 sogar für einige Monate ins Negative drehen. Da die Arbeitslosenzahl schnell steigt und die Kapitalmärkte unruhig sind, «deutet so ziemlich alles auf Deflation», sagt Paul Ashworth, Chefökonom für die USA bei Capital Economics. «Man kann nur hoffen, dass schnelle politische Massnahmen das verhindern.»Japan in den 1990er Jahren und die USA während der 1930er haben deutlich vor Augen geführt, wie Deflation eine schwache Wirtschaft vollends abwürgen und ausser Kontrolle bringen kann. Aufgrund der verminderten Nachfrage nach Arbeit und Waren kommen die Preise in einem solchen Umfeld unter Druck. Ein Abschwung auf breiter Basis – vor allem in einer Kreditkrise – kann zu einem scharfen Preiszerfall aller Vermögenswerte führen. Er kann ausserdem Lohnkürzungen nach sich ziehen und Verbraucher wie Unternehmen in der Folge davon abhalten, ihre Schulden zurückzuzahlen. Fallende Preise bringen Konsumenten sowie Unternehmen auch dazu, eher zu sparen als zu investieren, da sie durch den Preiszerfall auf einen Wertzuwachs ihrer Zahlungsmittel hoffen können. Das veränderte Ausgabeverhalten trifft die Konjunktur dann zusätzlich. Ben Bernanke sagte 2002 in seiner Funktion als Fed-Gouverneur, dass Deflation in den USA zwar «höchst unwahrscheinlich» sei, es aber «unklug wäre, sie vollkommen auszuschliessen». Bernanke sagte damals, dass die politischen Instrumente ausreichten, um dafür zu sorgen, dass jede Deflation kurz und mild ausfällt.

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Das Spiel mit den Zinsraten

Die Regierung hat in den vergangenen Monaten aussergewöhnliche Schritte unternommen, um die Kreditkrise einzudämmen, und es werden weitere erwartet, damit die Wirtschaft nicht zu schwach wird, um von den geldpolitischen Stimuli profitieren zu können. «Die Impulse werden kommen», sagt Vincent Reinhart, früherer Direktor der Währungsabteilung der Notenbank. «Weder der neue Präsident noch der neue Kongress wollen einen wirtschaftlichen Abschwung.»Auch wegen des Deflationsrisikos beliess die Notenbank Anfang des Jahrzehnts die Zinsraten bei 1%. Zu diesem Zeitpunkt befand sich auch ihr bevorzugter Inflationsmasswert bei etwa 1%. Nun liegt der Zielwert bei 1,5%, und einige Ökonomen erwarten, dass die Notenbank diesen in den nächsten Monaten senken wird.Die Notenbank kann die kurzfristigen Zinsraten anheben, um steigende Preise zu bekämpfen, aber sie kann die Zinsen nur auf null senken, um gegen Deflation anzugehen. Danach müssen andere Massnahmen ergriffen werden. 2002 und 2003 etwa kaufte die Notenbank Staatsanleihen, um die langfristigen Renditen zu senken und Verbraucher und Unternehmen dazu zu bringen, ihr Geld auszugeben, statt es zu sparen. Die aktuelle Kreditkrise hat die Renditen von Staatsanleihen jedoch schon auf ein niedriges Niveau zurückgehen lassen, da viele Anleger in risikoärmere Anlagen geflüchtet sind.