Was ist der Crédit Agricole Suisse - eine schweizerische oder eine französische Bank?

Christophe Gancel: Seit über 130 Jahren ist Crédit Agricole Suisse in der Schweiz verwurzelt. Die heutige Bank entstand vor vier Jahren aus der Fusion von Crédit Lyonnais (Suisse), die 1876 in der Schweiz gegründet wurde, und von Crédit Agricole Indosuez (Suisse). Wir verstehen uns als schweizerisches Finanzinstitut.

Ganz unabhängig vom Hauptsitz in Paris?

Gancel: Wir haben eine besondere Stellung hier in der Schweiz. Zum einen ist der Bankenplatz Schweiz stark reguliert, und wir halten uns an die hier geltenden Regeln. Zum anderen ist die Schweiz nicht Mitglied der Europäischen Union. Wir sind in erster Linie eine Schweizer Bank mit einer starken französischen Mutter im Hintergrund.

Als grösste französische Bank kennt man sie in Zürich aber kaum.

Gancel: Ich hoffe, dass sich dies bald ändern wird.

Inwiefern?

Gancel: Wir sind in vier Bereichen tätig, im Private Banking, in der Rohwarenhandelsfinanzierung, im Kapitalmarkt sowie im Sourcing. Und für das Private Banking, unseren grössten Bereich, ist das Kompetenzzentrum in Genf, ebenso im Rohwarenhandel. Deshalb sind wir in Genf verankert. Doch wir haben Filialen in Zürich und Basel eröffnet, die sich sehr schön entwickeln.

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Handelt es sich um Neukunden, die mit den beiden Zürcher Grossbanken unzufrieden sind und nun zu Ihnen wechseln?

Gancel: Nein. Vielmehr stellen wir fest, dass internationale Kunden zunehmend an Zürich interessiert sind.

Mehr als an Genf?

Gancel: Das liegt zum einen sicher am Hub Zürich. Der Flughafen Zürich ist wichtiger als jener von Genf. Zum anderen ist Zürich das Wirtschaftszentrum der Schweiz, das weltweit einen ausgezeichneten Ruf geniesst. Wenn Unternehmer in die Schweiz kommen, dann decken die Investmentbanken in Zürich die Business-Aktivitäten ab und die Privatbanken die persönlichen Angelegenheiten.

Zürich wird demnach für Crédit Agricole ein neues Private-Banking-Zentrum?

Gancel: Es ist nicht so, dass Zürich Genf den Rang ablaufen wird. Doch bin ich überzeugt, dass sich Zürich stark entwickeln wird. Wir beobachten eine neue Kundschaft aus Osteuropa, Lateinamerika und dem Mittleren Osten, die bewusst nach Zürich kommt.

Sie werden Zürich also ausbauen?

Gancel: Ja. Wir erwägen, das bestehende Team zu vergrössern. Es ist heute einfacher, hervorragend qualifizierte Banker zu finden und anzustellen.

Und Akquisitionen?

Gancel: Diese Möglichkeit besteht auch, und zwar nicht nur speziell in Zürich, sondern in der ganzen Schweiz und in anderen Ländern. 2009 wird für alle Banken ein schwieriges Jahr werden. Es wird zu Bereinigungen kommen, sodass sich die eine oder andere Kaufgelegenheit ergibt.

Wann gehen Sie auf Akquisitionstour?

Gancel: Vorderhand verwalten wir die Krise. Dann entscheidet Paris, unter welchen Bedingungen die Gruppe ihre Stellung in der Schweiz untermauern soll. Es werden sich in den nächsten 24 Monaten sicher einige schöne Opportunitäten ergeben. Wir bereiten uns darauf vor.

Wie hat sich die Finanzkrise auf die Privatbanken niedergeschlagen?

Gancel: Ich bin überzeugt, dass sich das Businessmodell ändern wird. Das Ertragsniveau wird nicht mehr das gleiche sein. Die Renditen der vergangenen Jahre sind auf Jahre hinaus weg.

Warum?

Gancel: Es ist relativ simpel. Die Kunden werden nicht mehr bereit sein, hohe Margen für Produkte zu bezahlen, die komplex und intransparent sind. Wenn der Crédit Agricole Suisse die Krise bislang gut überstanden hat, dann deshalb, weil wir keine derartigen Produkte hatten und unsere Kunden nicht enttäuschen mussten. Wir haben praktisch keine Hedge-Fonds, in den Blütezeiten höchstens 5%, wesentlich weniger als unsere Konkurrenten.

Was haben Sie anders gemacht?

Gancel: Das ist kulturell bedingt. Unsere Ursprünge reichen ins landwirtschaftliche Frankreich zurück, und wir sind stolz und dankbar für unsere Wurzeln. Wir sind vorsichtig, konservativ, das heisst, wir wollten nie Produkte verkaufen, deren Inhalt und Rendite wir nicht nachvollziehen können. Sie müssen als Privatbankier stets in der Lage sein, ihrem Kunden alles zu erklären - auch wenn ein Produkt eine negative Performance hat. Das Schlimmste sind die unerklärbaren Enttäuschungen.

Sie liessen sich nicht von Madoff und seinen hohen positiven Renditen blenden?

Gancel: Wir haben das Dossier Madoff genau studiert. Zu keinem Zeitpunkt hatten wir den Verdacht, dass sich hinter seinen Fonds ein derartiger Betrug verbergen würde. Doch konnten wir schlicht nicht nachvollziehen, warum die Renditen der Madoff-Produkte über Jahre sehr hoch und immer auf dem mehr oder weniger gleichen Niveau waren. Und diesbezüglich ist unsere Haltung klar: Was wir von Grund auf nicht verstehen, bieten wir unseren Kunden auch nicht an.

War es nicht schwierig, diesen vermeintlichen Goldesel stehen zu lassen?

Gancel: Hin und wieder schon, denn einige Kunden warfen uns vor, dass wir praktisch keine Hedge-Fonds oder andere renditeträchtige Finanzprodukte anboten. Heute sind sie glücklich über unsere konservative Anlagestrategie.

2008 wies Crédit Agricole Suisse einen Bruttogewinn von 370 Mio Fr. (plus 6%) aus sowie einen Nettoneugeldzufluss von 2,5 Mrd Fr. (5%). Was erwarten Sie von 2009?

Gancel: Wir gehen davon aus, dass die Ergebnisse gesamthaft zurückgehen werden. Bereits im letzten Jahr sank der Ertrag aus der Haupteinnahmequelle, dem Private Banking, um 9% auf 449 Mio Fr. Das heisst, wir sind dabei, in dieser Sparte die Effizienz zu verbessern.

Konkret, Leute zu entlassen?

Gancel: Ein paar Mitarbeiter gingen vorzeitig in die Pension, und gewisse Abgänge wurden nicht ersetzt. Es ist uns wohler dabei, die Krise zu managen und vorbeugend die Kosten zu senken, als auf einen Schlag drastische Massnahmen zu ergreifen. Das gibt den Mitarbeitern gesamthaft mehr Sicherheit und hievt uns in die Pole-Position für die Zeit nach der Krise.

Sind wirklich alle Mitarbeiter so glücklich?

Gancel: Natürlich nicht, bei 1330 Personen - wir mussten klar kommunizieren und in einigen Fällen sicher etwas mehr Überzeugungsarbeit leisten. Bei uns stehen klar die Reduktion der Kosten und die Effizienzsteigerung der Prozesse im Vordergrund. Die Frage, die wir uns stellen, lautet: Wie wird die Bank von morgen aussehen und leben?

Ihre Antwort?

Gancel: Ich bin sehr zuversichtlich. Die Schweiz ist ein hervorragender Standort fürs Banking. Das politische System ist derart stabil, dass man sich weder als Finanzhaus noch als Kunde Sorgen um seine Anlagen und sein Vermögen machen muss. Das gibt enorm Sicherheit.

Selbst wenn es das Bankgeheimnis einmal nicht mehr geben sollte?

Gancel: Selbst dann. Nebst der Stabilität spielen der Service und die Konzentration der Expertise eine zentrale Rolle für einen Kunden. Da ist die Schweiz einfach top. Diese Qualitäten werden überleben - mit oder ohne Bankgeheimnis.

Haben die gegenwärtigen Diskussionen ums Bankgeheimnis also keinen Einfluss auf den Finanzplatz Schweiz?

Gancel: Kurzfristig wohl schon. Denn das Bankgeheimnis hat sich in der Denkweise der Banker und der Kunden verankert, über Jahrzehnte hinweg. Und jeder Paradigmenwechsel verunsichert im ersten Moment und braucht Zeit. Doch längerfristig wird die Schweiz eine erstklassige Private-Banking-Adresse bleiben.

Trotz der Kontroversen um die Grossbank UBS, die «Steueroase» Schweiz und den Fall Madoff in Genf, die dem Image der Schweiz geschadet haben?

Gancel: Diese Vorfälle wirken im ersten Moment sicher destabilisierend. Doch die Schweiz steht nicht allein da. Viele Finanzplätze haben weit grössere Probleme, aber nicht dieselben Vorteile wie die Schweiz. Für Privatbanken ist das Bankgeheimnis nicht der einzige Wettbewerbsvorteil.

Die Schweizerische Bankiervereinigung und der Bundesrat sehen das aber anders.

Gancel: Was den Respekt der Privatsphäre betrifft, ist das Bankgeheimnis fundamental. Ich sehe jedoch die Reaktion unserer Kunden. Die Diskussion ums Bankgeheimnis beunruhigt sie nicht gross. Vielmehr bedrücken sie die Unsicherheiten und die Entwicklung an den Finanzmärkten. Das ist ihre Sorge. Zudem wollen sie wissen, ob die Bank, der sie ihr Vermögen anvertrauen, auch wirklich solide ist.

Wird der Finanzplatz Schweiz dereinst so sauber sein, dass auf den Konten nur noch deklarierte Gelder lagern?

Gancel: Das kann ich absolut nicht sagen. Ich möchte aber festhalten, dass die allergrösste Mehrheit der ausländischen Kunden wegen der Marke «Banque Suisse» in die Schweiz kommt. Die Sicherheit, die Qualität und der Service sind einfach erstklassig. Das suchen die Kunden. In Asien und im Mittleren Osten heissen wir Crédit Agricole Suisse und profitieren enorm vom positiven Image der Schweizer Banken. Gerade in Krisenzeiten sind das jene Werte, die man heute sucht.