Was an der Wall Street als «Black Sunday» begonnen hatte, fand zum Wochenauftakt an der Schweizer Börse eine rabenschwarze Fortsetzung. Nach dem Konkurs des US-Brokers Lehman Brothers und der Übernahme von Merril Lynch durch die Bank of America fiel der Swiss Market Index (SMI) innert zwei Tagen um 6%. Die Grossbank UBS büsste einen Drittel ihres Börsenwerts ein, die Aktien notierten zeitweilig bei 15 Fr. auf einem Allzeittief.

«Sind an einer Weggabelung»

Selbst Profi-Investoren wurden vom ganzen Ausmass der Geschehnisse überrascht. «Dafür, was jüngst an der Wall Street geschehen ist, gibt es keine Erfahrungswerte ? das ist ein Jahrhundert-Event», sagt Christian Gattiker, Aktienstratege bei der Privatbank Julius Bär. Tatsächlich agieren viele Marktteilnehmer im Blindflug: So ist weiterhin unklar, wer alles als Gläubiger von Lehman in Mitleidenschaft gezogen wird Barclays will jetzt Teile des Unternehmens kaufen.

Noch viel grösser ist dieses Gegenparteirisiko beim Versicherers AIG, der nach Fehlspekulationen in höchste Not geraten ist: Fällt AIG, droht ein Domino-Effekt am ganzen Markt. Die Wall-Street-Banken und das US-Finanzministerium haben deshalb Schritte eingeleitet, um das Schwergewicht zu retten.

«Wir sind kurz vor einer Weggabelung, wo es entweder noch viel schlimmer oder besser kommen kann», sagt deshalb Burkhard Varnholt, Chief Investment Officer der Bank Sarasin. Falls es zu mehr Insolvenzen käme, dann warte für die nächsten zwölf Monate «sehr viel Aufräumarbeit an den Börsen». Könnten jedoch Konkurse verhindert werden, sei mit einer Erholung zu rechnen.

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«Cash» ist König

Da Anleger in diesem Umfeld die Lage nicht mehr überblicken können, rät Varnholt von Sarasin dazu, die Risiken zu reduzieren, und sich mit einem erhöhten Cash-Anteil die Beweglichkeit zu sichern. Einigen Schutz böten auch die defensiven Werte am Schweizer Aktienmarkt, also etwa die Titel Nestlé oder Roche. Gattiker von Julius Bär, den das Vorgehen der Hüter des Finanzsystems an eine «kontrollierte Explosion» erinnert, rät ebenfalls zur Vorsicht: Anleger sollten auf keinen Fall in die unübersichtliche Situation hinein verkaufen.

 

 


Anleger in Lehman-Derivate müssen wohl jahrelang auf Geld warten

Erstmals ist im Derivatemarkt das «Worst-Case-Szenario» eingetreten: Eine Emittentin ist kollabiert. Da noch nicht klar sei, was im Detail die Folgen des Konkurses von Lehman Brothers seien, bleibe der Handel in allen 83 strukturierten Produkten suspendiert, sagt Werner Vogt von der SWX. Die gelisteten drei Anleihen von Lehman Brothers würden zudem «flat» (ohne Coupon) gehandelt. Lehman Brothers war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

«Der Rückzahlungsbetrag kommt jetzt grundsätzlich in die Konkursmasse», erklärt Daniel Manser von Derivative Partners. «Wird keine andere Lösung gefunden, fallen für den Anleger Konkursdividenden an, welche sich auf einen Prozentsatz des Restwertes belaufen werden», so Manser. Womöglich müssten Anleger jetzt aber jahrelang warten. Die BEKB hat bekannt gegeben, dass sie für die von ihr lancierten Lehman-Produkte haftet (siehe Seite 43). Gehen diesem Beispiel auch andere Banken nach, kann der Schaden für Anleger möglicherweise abgefedert werden. Laut Angaben der SWX sind in die 83 Lehman-Derivate insgesamt 650 Mio Fr. investiert. Roger Studer, Präsident des Schweizerischen Derivate-Verbandes, empfiehlt Anlegern, das weitere Vorgehen mit dem Kundenberater abzusprechen.

Anders liegt der Fall bei den Derivaten von Merrill Lynch: «Die Bank of America haftet jetzt zusätzlich», so Manser. Die Übernahme rückt damit gar in ein positives Licht: Es sei ein gutes Zeichen, wenn eine andere Bank noch an Merrill Lynch glaube und Geld investiere, so Manser. Mit dem erstmaligen Eintreten des Konkurses eines Emittenten wird auch die Problematik des Gegenparteienrisikos bittere Realität. «Das Emittentenrating wird an Bedeutung gewinnen», so Manser.

Fonds von Blackrock stabil

Besser als Derivate-Inhaber sind Fondsanleger geschützt ? schon allein dank der Deklaration der Fonds als Sondervermögen, das im Falle eines Konkurses der Emittentin nicht haftet. Dies ist aber bei Merrill Lynch auch kaum zu erwarten: Deren Publikumsfonds sind allesamt an Blackrock ausgelagert worden, an der Merrill Lynch und künftig die Bank of America einen Aktienanteil von 49% hält. «Der Bank of America gehört nun Merrill Lynch, aber nicht die Fonds von Blackrock», sagt Blackrock-Sprecherin Bobbie Collins. Blackrock verwaltete letzten Juli rund 10 Mrd Fr. an Anlagevermögen über in der Schweiz zugelassene Fonds und steht damit in Sachen Marktvolumen gleich hinter der Zürcher Kantonalbank. (maj/sg)