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Fondsbranche und ihre Kunden zittern vor Brexit

London: Brexit brächte Fondsmanager in Zwangslage. Keystone

Wenn die Briten aus der Europäischen Union austreten, hat das Folgen für die Fondsanbieter. Sie dürften ihre Fonds nicht mehr in der EU verkaufen. Auch die Kunden kämen nicht ungeschoren davon.

Veröffentlicht am 31.05.2016

Mehr Bürokratie, höhere Kosten, steigende Gebühren - Ein «No» der Briten zur Europäischen Union (EU) könnte für Fondsanbieter und ihre Kunden teuer werden. Nach einem Brexit wäre es Investmentgesellschaften mit Sitz in Grossbritannien Fachleuten zufolge nämlich nicht mehr erlaubt, ihre Fonds in der EU zu verkaufen. Sie müssten neue Gesellschaften gründen oder sich eine Art Vertriebszulassung kaufen, um weiterhin Zugang zum EU-Markt zu haben. Profitieren könnten vor allem die Fondszentren Dublin und Luxemburg, die schon jetzt den Markt beherrschen.

Im Kern der Diskussion steht der «EU-Pass» - im Fachjargon UCITS («Undertakings for Collective Investments in Transferable Securities»). Mit ihm können Investmentfirmen aus einem EU-Land ihre Fonds auch in anderen EU-Ländern vertreiben. Es gilt nur eine Meldepflicht, aufwendige Zulassungsverfahren sind seit Inkrafttreten der Regeln vor ein paar Jahren nicht mehr nötig. Steigen die Briten nun aus der EU aus, fällt Experten zufolge die Zulassung erstmal weg. Betroffen wären neben den britischen Häusern vor allem Fonds aus den USA und Asien, die die britische Hauptstadt London als ihren Europa-Standort gewählt haben. «Die Briten werden dann erst einmal ein Drittstaat per Definition», sagt Finanzaufsichtsexperte Bernd Geier von der Kanzlei Dentons. «Sie müssten bilateral mit der EU verhandeln, um den EU-Pass für den Fondsvertrieb wieder zu erlangen.»

Gesellschaften in einem EU-Land gründen

Um die Vertriebszulassung wiederzuerlangen, müssten die Fondsanbieter zum Beispiel neue Gesellschaften in einem EU-Land gründen, sagt Julie Patterson, Leiterin des Bereichs Investment Management bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Möglich sei auch, Fonds über einen Drittanbieter zu verkaufen und diesem dafür eine Gebühr zu zahlen. Viele Hedgefonds von der anderen Seite des Atlantiks machten das bereits. «Die Frage ist, ob man erst einmal nur den rechtlichen Sitz der Firma verlegt, oder ob auch die Abwicklung von Fonds vom neuen Standort aus betrieben wird», fügt Wirtschaftsprofessor Martin Hellmich von der Frankfurt School of Finance & Management hinzu.

Egal, für welche Lösung sich Fondsanbieter entscheiden - es wird viel Geld verschlingen. «Mit einer Verlagerung von Firmensitzen sind Kosten für den Aufbau und den Betrieb der neuen Gesellschaft verbunden», sagt KPMG-Expertin Patterson. Drei Kanzleien bezifferten die Kosten für die Gründung einer Tochter auf mindestens 100’000 Euro - nur für Steuer- und Rechtsberatung. Ausgaben für Büro und Personal sind nicht mitgerechnet. «Eine solche Gesellschaft kann keine Briefkastenfirma sein», sagt Anwalt Matt Huggett, Partner bei der Kanzlei Allen & Overy. «Man bräuchte mindestens zwei bis drei qualifizierte Manager und über kurz oder lang mehrere Mitarbeiter.»

Fondskunden wären ebenfalls betroffen

Auch Fondskunden bekämen das zu spüren, denn die Anbieter würden zumindest einen Teil der Ausgaben über höhere Gebühren zurückholen: «Die Fondsgesellschaften werden die Kosten aber sicherlich nicht 1:1 an Kunden weitergeben», sagt Hellmich. «Sie müssen abwägen, was ihre Wettbewerbssituation hergibt.» Grosse Verschiebungen innerhalb der Branche seien nicht zu erwarten. So glaubt der Professor nicht, dass Kunden dann vermehrt Exchange Traded Funds (ETFs) kaufen. Diese orientieren sich an Indizes und verlangen deutlich geringere Gebühren als klassisch verwaltete Fonds.

Als neuer EU-Standort für Fonds kommen Experten zufolge vor allem Luxemburg und Dublin infrage, weil sich hier schon viele Wettbewerber tummeln. Der Kleinstaat dominiert laut Daten des europäischen Dachverbands EFAMA den rund acht Billionen Euro schweren Fondsmarkt mit einem Anteil von mehr als einem Drittel, Irland steht mit knapp 18 Prozent auf Platz zwei. Erst dann kommt Grossbritannien mit einem Anteil von 13 Prozent.

Massive Verwerfungen erwartet

Der britische Fondsverband Investment Association hat vor massiven Verwerfungen im Falle eines Brexit gewarnt. Einige der grössten Fondsbetreiber des Landes geben sich dagegen gelassen: Schroders betonte vor ein paar Wochen, man habe keinen besonderen Plan B in der Schublade. Bei Henderson hiess es, ein Brexit habe wenig Einfluss auf das Geschäft. Der deutsche Branchenverband BVI hält sich bedeckt. Grosse deutsche Fondsgesellschaften wie Union Investment, Deka oder Deutsche Asset Management wären ohnehin nicht betroffen, da sie aus Deutschland heraus operieren.

(reuters/gku)

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