Seit Jahren stösst die Kaba-Aktie regelmässig an die 400-Fr.-Grenze. Nun notiert sie - weit davon entfernt - noch bei 235 Fr. Haben die Anleger die defensiven Qualitäten von Kaba vergessen?

Rudolf Weber: Unser Kurs hat sich in den vergangenen Monaten im Vergleich zum Sektor gut gehalten - die Abwertung begründe ich damit, dass das Marktumfeld sehr unsicher ist und die Wirtschaftsaussichten wirklich schlecht sind.

Welche Marktchancen bietet die Sicherheitsindustrie eigentlich noch - abgesehen davon, dass sie derzeit wohl besonders viele Tresore an besorgte Bürger verkaufen.

Weber (lacht): Tatsächlich erleben die Tresore derzeit eine Sonderkonjunktur - davon liefern wir besonders viele in Länder wie Russland und Kasachstan, denn dort herrscht ein speziell hohes Sicherheitsbedürfnis. Innerhalb der Kaba-Gruppe aber macht dieses Geschäft mit einigen Mio Fr. Umsatz pro Jahr nur einen kleinen Teil aus.

Wo also sehen Sie im harten Marktumfeld noch Wachstumschancen für Kaba?

Weber: Überall dort, wo elektronische Zutritts- und Datenerfassungssysteme bereits eingesetzt und nun nachgerüstet oder erweitert werden. Dieser Markt legt weiter zu, sogar im 4. Quartal verzeichneten wir eine Zunahme.

Keine Spur von Rezession bei Ihnen?

Weber: Wir verzeichnen jedenfalls keinen massiven Einbruch unserer Geschäfte. Unsere europäischen Märkte sind von der Rezession noch nicht so stark betroffen wie der US-Markt.

Kaba erzielt 25% des Umsatzes in den USA.

Weber: Unser Geschäft im Nicht-Wohnbau läuft nach wie vor solide - allerdings rechnen wir aufgrund von Prognosen jederzeit mit einer Abkühlung. Das Hotelgeschäft entwickelt sich nach wie vor positiv - viele Hotels werden umgerüstet, zum Teil auch zu vermietbaren Apartments umgebaut. Im Bereich Corporate Access setzen wir verstärkt elektronische Produkte ab. Nicht ganz so gut hat sich unsere Tochter Wah Yuet entwickelt, die in den USA vorwiegend den Wohnbau beliefert.

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Wie läuft der Heimmarkt Schweiz?

Weber: Die Schweiz spürt noch so gut wie nichts vom Abschwung - im Vergleich zum umliegenden Ausland leben wir auf einer Insel der Glückseligkeit. Unsere Schweizer Firmen verzeichnen nach wie vor Zuwachsraten und suchen nach Personal. Mindestens bis im Sommer wird die Lage stabil bleiben, davon sind wir überzeugt. 2010 dürfte aber schwierig werden.

Wo spürt Kaba denn den Abschwung?

Weber: Dort, wo es um Investitionen geht, etwa bei grösseren Projekten im Systemgeschäft. Unser Auftragsbestand ist zwar noch zufriedenstellend, doch die Zahl der ausgeschriebenen Projekte nimmt ab und Kunden verschieben bereits aufgegleiste Aufträge. Diesen Trend sehen wir ganz besonders stark bei Kunden, die selbst massiv von der Rezession betroffen sind, beispielsweise in der Automobilindustrie.

Bekunden Ihre Kunden zunehmend Mühe mit der Projektfinanzierung?

Weber: Ja. Ein Beispiel sind die Schlüsselkopiermaschinen. Hier verzeichnen wir einen spürbaren Einbruch. Wir gehen nicht davon aus, dass sich die Lage bereits in einigen Monaten wieder verbessert.

Der Finanzsektor, in dem das Sicherheitsbedürfnis besonders hoch ist, erlebt derzeit markante Umwälzungen. Profitieren Sie?

Weber: Restrukturierungsphasen bringen zum Teil massive Veränderungen bei der Zutrittskontrolle und der Datenerfassung mit sich. Insofern ist der Trend nicht negativ für Kaba. Zur Illustration: Bei Unternehmenszusammenschlüssen und -aufspaltungen muss generell das Zutritts- system überarbeitet und angepasst werden. Das bedeutet meistens, dass die Badges zur berührungslosen Identifikation für alle Mitarbeitenden vollständig erneuert werden müssen.

Wie ist das 1. Semester, das bei Kaba von Juli bis Dezember dauert, verlaufen?

Weber: Das 1. Quartal ist für fast alle Geschäftsbereiche gut verlaufen. Im 2. Quartal aber wurde die Geschäftslage auf einmal sehr uneinheitlich.

In dieser Periode dürften Ihnen auch die Währungsschwankungen zu schaffen gemacht haben - Dollar und Euro haben zum Franken deutlich an Wert verloren.

Weber: Wir hatten tatsächlich mit den Währungsabwertungen zu kämpfen. Wir rechnen mit einem Umsatzrückgang von rund 6%. Das ist massiv und übertrifft alles, was wir bisher erlebt haben. Neben dem Dollar und dem Euro haben sich weitere für uns wichtige Währungen wie das englische Pfund über 20% abgewertet. Dies wird in wenigen Märkten zusätzlich zu Transaktionsverlusten führen.

Der US-Dollar hat sich leicht erholt ?

Weber: ? aber wir trauen der Sache nicht. Wenn die US-Notenbanker ihre Gelddruckmaschinen anwerfen, wird der Greenback seine Talfahrt fortsetzen.

Wie begegnen Sie den Währungseffekten?

Weber: Wir versuchen, unsere Marktstellung zu halten und die Verluste möglichst zu minimieren. Grossen Handlungsspielraum haben wir nicht.

Immerhin haben sich die Rohmaterialpreise erholt.

Weber: Ja. Ich gehe davon aus, dass sie unser 2. Halbjahr positiv beeinflussen.

Unter Ihrer Führung lieferte Kaba stets die Ergebnisse ab, die Sie angekündigt hatten. Werden Sie uns mit den Zahlen zum 1. Halbjahr enttäuschen?

Weber: Der markante Konjunktureinbruch hat uns natürlich in vielerlei Hinsicht einen Strich durch die Rechnung gemacht. Insofern werden wir unsere Guidance für das 1. Halbjahr wohl nur knapp erreichen.

Halten Sie an diesen Zielen trotzdem fest?

Weber: Ja. Doch es wird eine enorme Herausforderung, es zu schaffen.

Wie soll Kaba die Vorgaben trotz schlechtem Marktumfeld erreichen?

Weber: Wir haben auf allen Ebenen Massnahmen eingeleitet. So haben wir bereits unsere Kosten auf der Personalseite gesenkt. Allerdings verfügen wir weltweit über viele, aber kleine Einheiten, sodass keine grossen Kostenblöcke gestrichen werden können. Weil zudem das Markt-umfeld sehr uneinheitlich ist - die einen wachsen noch, während andere vor reduzierten Auftragsbüchern stehen -, müssen wir sehr differenziert vorgehen.

Wie viele Stellen sind bereits gestrichen?

Weber: Im Geschäft mit Schlüsseln und Schlüsselkopiermaschinen erwarten wir in den nächsten sechs bis acht Monaten keine Erholung. Hier haben wir die Belegschaft zurückgefahren. In unserem Werk in den USA haben wir rund 80 Angestellte oder 15% der Belegschaft abgebaut. Rund 400 Stellen oder zirka 15% der Belegschaft haben wir zudem über die letzten Monate bei unserer Tochter Wah Yuet in China abgebaut. In Europa sind zurzeit keine Personalmassnahmen geplant.

Ihr 2. Halbjahr ist traditionell schwächer. Wie sind Sie gestartet?

Weber: Die Lage ist sehr uneinheitlich. Wie sich die Nachfrage entwickelt, können wir nicht abschätzen.

Wird der Gesamtmarkt in der Sicherheitsindustrie 2009 ein Wachstum vorweisen?

Weber: Nein, daran glaube ich nicht mehr. Bis vor kurzem bin ich von einem leicht positiven Wachstum ausgegangen, nun muss ich das zu einer Null korrigieren.

Wenn 2009 für Ihre Mittelfristziele ein verlorenes Jahr wird, müssen Sie die Vorgaben wohl oder übel korrigieren.

Weber: Grundsätzlich halten wir an den Zielen fest - bis 2011 ein Umsatz von 1,5 Mrd Fr. und eine Ebit-Marge von 15%. Doch nach diesen negativen Marktveränderungen ist es fraglich, ob wir diese Ziele bereits 2011 erreichen. Unter Umständen benötigen wir mehr Zeit.

Sind die Ziele überhaupt noch realis- tisch?

Weber: Auf jeden Fall. Ich bin überzeugt, dass wir mit unserer heutigen Struktur die Vorgaben umsetzen können. Alles hängt davon ab, wie lange die Rezession dauert.

Wie wollen Sie die Ebit-Marge steigern?

Weber: Beim Geschäft mit Automatiktüren ist unsere Ebit-Marge mit 8% im Vergleich zu den Wettbewerbern noch zu tief. Diese können wir auf 11% steigern. Die Sparte für Zutrittskontrolle und Datenerfassung ist margenmässig an ihre Obergrenze gestossen, hier geht es darum, möglichst viel Wachstum zu liefern. Das Schlüsselgeschäft ist am ehesten zyklisch - hier haben wir die Kosten bereits angepasst. Die Marge ist also in Ordnung.

Die Bilanzstruktur von Kaba ist mit einem Verhältnis von Ebitda zu Netto- verschuldung von 2 und einer Eigenkapitalquote von 22% - aus heutiger Sicht - nicht überkapitalisiert. Was sagen Ihre Hausbanken?

Weber: Das Verhältnis zu unseren Hausbanken ist unverändert gut, von dieser Seite hören wir nichts. Investmentbanker allerdings haben sich schon mal bei uns gemeldet und sich besorgt nach unserer Kapitalisierung erkundigt - dieselben übrigens, die uns noch vor wenigen Monaten ein Aktienrückkaufprogramm angeraten haben (lacht).

Sind Akquisitionen demnach kein Thema?

Weber: Grosse und mittlere Zukäufe kommen in der Tat derzeit nicht in Frage. Arrondierungen sind möglich, doch wir sind vorsichtiger geworden, denn die Ertragsaussichten möglicher Zielgesellschaften sind unsicher geworden. Zudem haben manche Inhaber nach wie vor überhöhte Preisvorstellungen.