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Analyse
Frankendruck und US-Defizit: Was passiert

US-Wahlen: Egal wer gewinnt, es wird sich in der Politik einiges ändern. Keystone

Die Märkte sind nervös, das Rennen um die US-Präsidentschaft ist enger als erwartet. Experten erklären, warum sich die SNB bereithalten sollte, ABB hoffen darf und Janet Yellen um ihr Amt bangen muss.

Veröffentlicht am 03.11.2016

Die Zeit vor den Wahlen in den USA bestätigt, was bereits der Brexit gezeigt hat: Selbst das Unmögliche ist möglich. So auch ein Sieg Donald Trumps. In diesem Fall wäre mit einer ersten deutlich verunsicherten Reaktion der Märkte zu rechnen – ein Umfeld, das gerade die Schweiz und den Franken in den Fokus rücken dürfte.

Seit dem Wochenende hat sich der zeitweise komfortable Vorsprung der Demokratin Hillary Clinton in der Wählergunst nahezu in Luft aufgelöst. In einigen Umfragen ist der Republikaner Trump gar der führende Kandidat.

SNB gefordert

«Gewinnt Donald Trump die Wahl, werden die Investoren zunächst in sichere Häfen flüchten – zu denen zählt dann auch der Schweizer Franken», erklärt Anastassios Frangulidis, Leiter Swiss Balanced bei Pictet Asset Management in Zürich, im Gespräch mit der Finanznachrichtenagentur awp.

«Allerdings dürfte die SNB (Schweizerische Nationalbank) dann auch schon parat stehen und sich mit gezielten Interventionen dem Aufwertungsdruck entgegenstellen – zumindest in einer ersten Reaktion».

Flucht hat begonnen

Wie es nach einer Wahl Trumps grundsätzlich an den Finanzmärkten weitergeht, hängt stark von der Umsetzung seiner bisher eher vagen Wahlkampfankündigungen ab. Die Finanzmärkte sind bereits in Alarmbereitschaft, die Flucht in sichere Häfen hat schon eingesetzt.

Der Franken hat zum Euro und zum Dollar klar aufgewertet und auch der japanische Yen, der ebenfalls als sicherer Hafen gilt, hat deutlich zugelegt. An den Bondmärkten wiederum fallen die Kurse und steigen die Renditen.

Unberechenbarkeit macht nervös

Der Grund für diese Nervosität ist die Unberechenbarkeit des Kandidaten Trump. Nach dem Motto «jeden Tag eine radikalere Idee», hat er die Frustrierten unter den US-Amerikanern um sich geschart. Während des Wahlkampfes hatte Trump von Mauern geredet, die er an der Grenze zu Mexiko hochziehen will und von Handelsbeziehungen, die neu verhandelt werden sollen und selbst in Richtung NATO hat er verbal geschossen.

Das Problem, das viele Beobachter mit Trump haben, ist, dass seine bisher bekannten Pläne weniger präzise sind als die seiner Kontrahentin Clinton. Von dem, was man aber in etwa weiss, leiten viele Beobachter ab, dass sich die beiden Kandidaten bei den geplanten Ausgaben nicht so sehr voneinander unterscheiden.

Möglicher Profiteur ABB

«Beide haben angekündigt, verstärkt in Infrastruktur investieren zu wollen, wobei Clintons Pläne etwas genauer sind», sagt Mozamil Afzal, Global Chief Investment Officer bei EFG Asset Management. «In einem Schweizer Kontext fallen mir hierbei Namen wie ABB ein, die davon durchaus profitieren könnten», ergänzt der Manager.

Was die Staatseinnahmen betrifft, ähneln sich die beiden Kandidaten insoweit, als dass sie beide das bestehende Steuersystem ändern wollen. Allerdings will Trump dabei viel weiter gehen als Clinton.

Trumps Pläne sorgen für höheres Defizit

Trump hat ein Steuersystem mit drei Stufen in Aussicht gestellt, während Clinton vor allem eine Art Buffet-Steuer will. Sie will also die Reichen stärker zur Kasse bitten. Die derzeitigen Regelungen bei der Unternehmenssteuer haben ebenfalls beide Kandidaten im Visier.

In Trumps System gingen die Einnahmen des Staates viel stärker zurück als bei Clinton. Der Experte Frangulidis rechnet vor, dass die Steuereinnahmen unter einem Präsidenten Trump von 18 Prozent des aktuellen BIP auf 13 Prozent absackten.

Bei den gleichzeitig steigenden Ausgaben würde sich das Defizit von 5 Prozent auf 9 Prozent erhöhen, erklärt der Experte weiter. Und auch die Schulden dürften bei einer Regierung Trump stärker steigen, ergänzt Frangulidis.

Wirtschaft könnte profitieren

Was auf den ersten Blick nicht wirklich positiv klingt, könnte nach Einschätzung vieler Kommentatoren der US-Wirtschaft mittelfristig durchaus einen Schub geben.

Denn sinken die Steuern und zöge Trump seine Ankündigung «America first» durch, profitierten beide Seiten. Konsumenten könnten dank niedrigerer Steuern mehr konsumieren und die US-Unternehmen profitierten von neu verhandelten Handelsabkommen, durch die ihnen der Vortritt garantiert würde

Von Seiten der Notenbank wären im Fall eines US-Präsidenten Trump ebenfalls keine Querschüsse zu erwarten. Denn der Republikaner hat der aktuellen Fed-Chefin Janet Yellen schon klar gemacht, dass er ihren Posten neu besetzen möchte mit jemandem, der den aktuellen expansiven Kurs noch länger fortführt.

Gesundheitssystem im Fokus

Allerdings dürfte sich auch im Falle eines Clinton-Sieges in der bisherigen Politik einiges ändern – allem voran in der Gesundheitspolitik. So hat Clinton den exorbitanten Kosten im US-Gesundheitssystem den Kampf angesagt.

Das hat sich bereits weltweit in der Kursentwicklung der Pharma-Branche niedergeschlagen. Laut Afzal von EFG sind die geplanten Kürzungen teilweise aber bereits in den Kursen enthalten.

In der Schweiz hatten speziell die Kursverluste von Roche und Novartis wegen ihrer starken Gewichtung den Gesamtmarkt deutlich belastet. Analysten sind sich der möglichen Belastungen, die eine Präsidentin Clinton auslösen könnte, bewusst. Sie setzen bei den beiden Schweizer Schwergewichten aber darauf, dass sie vorwiegend bislang nicht erfüllte medizinische Bedürfnisse angehen, was sie zum Teil vor diesen Kürzungen schützen sollte.

Rat zum Abwarten

Doch auch wenn die Unsicherheit und Nervosität im Endspurt dieses US-Wahlkampfes nochmals deutlich anziehen dürfte, rät Rainer Lenzin, Country Head Schweiz bei Pioneer Investments, davon ab, sich schon im Vorfeld zu positionieren.

«Diese Wahl ist so wenig vorhersagbar, dass es fatal wäre, bereits jetzt eine Wette auf einen möglichen Ausgang abzuschliessen,» sagt er. Vielmehr sei es ratsam, den Wahlausgang abzuwarten und dann, wenn sich der erste Staub etwas gesetzt hat, nach Opportunitäten zu schauen.

Unmögliche Wahl

Dass diese Wahl nicht zuletzt wegen des sehr engen Kopf-an-Kopf-Rennens anders ist als sonst, darin sind sich fast alle Beobachter einig. Sie ist aber nicht nur deshalb anders. Selten zuvor haben zwei Kandidaten die komplette Gesellschaft so polarisiert und waren beide so unbeliebt.

«Für viele Amerikaner ist dies eine Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, bei denen sie am Ende von keiner wirklich etwas halten», lautet der ähnlich klingende Kommentar vom Pictet-Mann Frangulidis.

(sda/jfr)

Die Versprechen der beiden Kandidaten:

 

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