Die grossen Mengen an Liquidität, die im Zuge der weltweiten Rettungsaktionen ins Finanzsystem gepumpt wurden, müssen jetzt schrittweise wieder abgeschöpft werden. «Dennoch wird der Bestand der Überschussliquidität wohl auf absehbare Zeit hoch bleiben», erwartet Sebastian Becker, Ökonom bei der Deutschen Bank. Denn die globale Geldmenge sei seit Anfang dieses Jahrhunderts deutlich stärker gewachsen als die nominale Wirtschaftsleistung.

Die globale Überschussliquidität nimmt infolge der gesunkenen nominalen Wirtschaftsleistung sowie der geldpolitischen Hilfsmassnahmen der Notenbanken weiter zu. Oder anders ausgedrückt: Jener Teil der Geldmenge, der nicht zur Finanzierung realwirtschaftlicher Transaktionen benötigt wird, steigt an (siehe Grafik). An den Finanzmärkten ist also weiterhin für reichlich Liquiditätszufuhr gesorgt.

Hausse an der Realität vorbei?

In den letzten Monaten haben die Anleger immer mehr Vertrauen geschöpft und in risikoreichere Anlagen investiert. Die Volumen in den US-Geldmarktfonds haben sich seit dem Tiefpunkt an den Finanzmärkten Mitte März dieses Jahres wieder langsam abgebaut, nachdem sie zuvor mit den panikartigen Verkäufen an den Finanzmärkten auf fast 4 Trillionen Dollar hochgeschossen waren (siehe Grafik).

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«Seit Jahresbeginn sind rund 40% der Gelder aus den Geldmarktfonds abgeflossen, und die meisten Investoren haben risikoreiche Anlagen getätigt», sagt Michael Mewes, Portfoliomanager europäische Rentenprodukte bei J.P. Morgan Asset Management. Es besteht aber immer noch ein Überhang am Geldmarkt: «Das Volumen liegt knapp 1 Mrd über dem langfristigen Trend von derzeit rund 2,5 Trillionen Dollar.» Viele Anleger sitzen noch immer auf hohen Geldmarktbeständen. «Die Liquidität ist bisher vor allem in Unternehmensanleihen und in Schwellenländer-Anlagen geflossen, dieser Trend dürfte noch eine Weile anhalten», erwartet Thomas Lips, Chief Investment Officer von Falcon Private Bank. Bisher haben vor allem die Anlageprofis in riskante Anlagen investiert, die Retailinvestoren sind noch immer vorsichtig.

Die Gretchenfrage bleibt: Wird die Hausse an den Aktienmärkten nur durch den Rückfluss an Liquidität in riskantere Vermögenswerte getrieben oder ist der Aufschwung an den Börsen schon ein Vorbote der konjunkturellen Erholung?

2010 sinken die Erträge

Auch wenn in den letzten Monaten viele liquide Mittel in die Aktienmärkte geflossen sind, sieht Lips die Aktienbörsen nicht als überbewertet an. Im nächsten Jahr könne bereits wieder mit einem Wachstum der Unternehmensgewinne von 20 bis 25% gerechnet werden. «Die Konjunkturdaten werden im 1. und 2. Quartal 2010 noch erfreulich ausfallen», sagt Lips. Dann dürfte es schwieriger werden, zumal die Aktienmärkte der wirtschaftlichen Entwicklung jeweils sechs bis neun Monate vorauslaufen.

Für die Anleihenmärkte ist Mewes von J.P. Morgan optimistisch und rechnet für 2010 mit einem Kursgewinn von rund 20 bis 30 Basispunkten. «Das nächste Anlagejahr wird sicher ertragsärmer, die Anleger werden aber für das zusätzliche Eingehen von Risiken proportional honoriert», sagt Mewes.

Während die Geldmarktanlagen im kommenden Jahr rund 0,5% rentieren dürften, sind es bei den Staatsanleihen 3 bis 4%, bei den Unternehmensanleihen 5 bis 6%, den Schwellenländermärkten 7 bis 8%, den High-Yield-Bonds 9 bis 10% und den Aktienmärkten 10%.