Wichtige Abnehmer der Gurit-Hochleistungskunststoffe sind die Hersteller von Windkraftanlagen. Welche Entwicklung spüren Sie in diesem Markt?

Rudolf Hadorn: Erst rund 1% des globalen Energiebedarfs wird heute mit Hilfe erneuerbarer Energien gedeckt. Prognosen sagen bis 2020 einen Anteil von gut 20% voraus. Mittel- und langfristig ist dies ein fantastischer Wachstumsmarkt. Kurzfristig ist der Trend derzeit aber negativ: Wegen der globalen Rezession wird weniger Energie benötigt, für gewisse Windparks fehlt die Finanzierung und die tieferen Öl- und Gaspreise blockieren eine bedeutende Trendwende zurück auf den Wachstumspfad der vergangenen Jahre.

Wie hat sich folglich die Nachfragesituation im letzten Halbjahr verändert?

Hadorn: In Europa ist die Nachfrage der Hersteller von Windkraftanlagen schwächer geworden, als wir erwartet haben. Das US-Geschäft ist deutlich eingebrochen und zeigt noch keine Anzeichen einer Erholung. Asien und China im Besonderen entwickeln sich gut. Gesamthaft gingen wir im Windenergiebereich bisher von Signalen einer Belebung im 2. Halbjahr und einer Verbesserung der Visibilität aus. Es hat sich aber gegenüber den ersten beiden Quartalen noch nichts verändert.

Der Ölpreis ist wieder angestiegen.

Hadorn: Mittelfristig gehen wir davon aus, dass sich der Ölpreis zwischen 80 und 100 Dollar einpendeln wird. Ab 80 Dollar lohnen sich Investitionen in erneuerbare Energien ganz besonders. Wenn der Ölpreis sinkt, nimmt der Druck zur Installation von neuen Windparks ab; die Nachfrage nach unseren Materialien sinkt. Andererseits vergünstigt ein sinkender Ölpreis einige unserer Rohmaterialien. Dies wirkt sich positiv auf die Erfolgsrechnung aus.

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Nun liegt der Ölpreis bei über 70 Dollar.

Hadorn: Damit ist einer von mehreren Faktoren wieder positiv, aber eine Trendwende ist noch nicht absehbar. In Europa ist das Umfeld verglichen mit 2008 sogar schwächer. Auch in Amerika ist die Entwicklung sowohl im Wind- als auch im Marinebereich deutlich schwächer. Einzig in China zeigen die Konjunkturprogramme klare positive Wirkungen.

Wie wirken sich die Konjunkturprogramme auf das Geschäft von Gurit aus?

Hadorn: Von diesen Programmen sind für uns die Investitionen in erneuerbare Energien wichtig. Wenn wir das US-Paket ansehen, dann hat die Regierung Obama in diesem Bereich einen wichtigen, neuen Akzent gesetzt. Die Programme sind im Fluss, aber noch sind die positiven Effekte nicht spürbar. Weder in den Bestellungen, noch in den Umsätzen. Alle warten darauf, aber für 2009 ist es wohl zu spät. Für 2010 sind wir optimistisch.

Wie sieht es in den anderen Regionen aus?

Hadorn: In Europa sind die Umsätze in der Windindustrie weniger stark zurückgegangen als in Amerika, auch weil die Finanzierung der Windparks stärker über Versorger erfolgt. In China gibt es ein enormes Momentum seitens der Windturbinen- wie auch der Rotorblatthersteller. Daran wollen wir mehr teilhaben. Unser Umsatzanteil ist dort noch nicht sehr gross, aber wir gewinnen laufend neue Kunden.

Wie steigern Sie den Marktanteil in China?

Hadorn: Wir haben 2007 eine Tochterfirma in China gegründet. Dort bieten wir im Wesentlichen faserverstärkte Kunststoffe, sogenannte Prepregs, für europäische Hersteller in China an. Zudem verarbeiten und verkaufen wir Strukturschaumstoffe für den Export, aber mit steigendem Anteil auch für die chinesische Windindustrie. Dieses Geschäft forcieren wir eindeutig.

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Wie läuft es im Bereich «Marine»?

Hadorn: Was die Rennboote betrifft, so sind dort die Sponsorengelder nicht mehr so reichlich vorhanden wie auch schon. Dieser Bereich ist für uns nicht geschäftsentscheidend, aber dennoch wichtig. Entscheidend ist für uns der Markt der Super-Yachten. Dort sehen wir, dass die Projekte fertiggestellt, aber weniger neue Verpflichtungen eingegangen werden. Bei den kleineren Booten, die für uns vor allem für Strukturschaumstoffe interessant sind, haben wir einen deutlichen Einbruch festgestellt. Bis es im Marinegeschäft wieder deutlich aufwärts geht, wird es wohl 2011.

Kommen wir zum Transportsegment. Wie sieht es dort aus?

Hadorn: Dort sind wir vor allem mit dem europäischen Grossflugzeugbauer im Geschäft. Von der Stückzahl her ist das Geschäft insgesamt stabil. Was wir sehen, ist, dass die Airbus-A380er-Baurate weniger stark steigen wird, als noch vor einem Jahr vom Kunden geplant. 2008 wurden etwa ein Dutzend A380 gebaut. Nach den aktuellsten Informationen dürften es 2009 zwar etwas mehr werden. Eine Verdoppelung - wie früher geplant ? ist aber vor allem wegen rezessionsbedingt abnehmender Reisetätigkeit nicht zu erwarten.

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Insgesamt, wie ist das 1. Halbjahr 2009 für Gurit verlaufen?

Hadorn: Wir haben im Frühling gesagt, dass der Umsatz im 1. Halbjahr 2009 unter Vorjahr ausfallen wird und bewusst auf eine Guidance verzichtet. Wir werden dies auch für das Gesamtjahr so beibehalten, da die Visibilität schlicht zu gering ist. Auf Ertragsstufe werden wir, wie im Frühling angekündigt, im 1. Halbjahr eine Ebit-Marge von rund 5% erreichen. Dazu stehen wir. Operativ sollten wir etwa die gleiche Ertragsrate erzielen wie 2008, mit einer besseren Effizienz, aber auch mit leicht höheren Kosten aufgrund der tieferen Kapazitätsauslastung. Der eine oder andere positive Sondereffekt wird auch noch, wie bereits kommuniziert, dazukommen.

Wie gross ist die Visibilität derzeit?

Hadorn: In der Luftfahrt ist die Visibilität relativ gut. Dort ist die Baurate entscheidend. Daher wissen wir, wo wir 2009 ungefähr landen werden. Im Marinegeschäft liegt sie bei wenigen Wochen. In der Windkraft schliesslich hängt sie von den Kunden und der Region ab. Grundsätzlich ist die Gesamtsituation in China positiv, in Amerika ist sie schwierig, in Europa ist sie volatiler und schwächer als auch schon.

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Wie wahrscheinlich ist eine positive Überraschung im 2. Halbjahr?

Hadorn: Die ist gering. Ich erwarte noch keine fundamentale Veränderung zum Guten. Wenn wir wirklich gut arbeiten, werden wir auch im 2. Halbjahr unsere Ziele erreichen, aber richtige Wachstumsimpulse gibt es derzeit nur in China.

Halten Sie am Ziel einer Ebit-Marge zwischen 8 und 10% fest?

Hadorn: Wenn wir wieder ein Umsatzniveau von 2008 erreichen, dann sind die 8 bis 10% Ebit gut erreichbar. Im Moment ist die Zielmarge nicht in Reichweite, weil die operativen Verbesserungen von den negativen Volumeneffekten und deren Fixkostenfolgen überlagert werden.

Wie wollen Sie Ihre Ziele erreichen?

Hadorn: Es war leider unvermeidbar, dass wir unsere Struktur anpassen mussten, um flexibel und profitabel zu bleiben. Wir hatten in den letzten Monaten mehrere Personalabbauten, haben aber auch wieder punktuell Leute eingestellt. Die Steuerung erfolgt vorausschauend auf ein bis zwei Monate. Unser Vorteil ist, dass wir eine relative junge Organisation haben und die Werke an flexiblen Standorten sind.

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Werden Sie Werke schliessen müssen?

Hadorn: Wir gehen davon aus, dass die Marktschwäche temporär ist. An gewissen Standorten hatten wir bereits 2008 eine Unterauslastung, speziell in China und Kanada. Gurit hat im Jahr 2007 Vorinvestitionen in das künftige Wachstum getätigt. Die Auslastung in Europa ist knapp zufrieden stellend. In China wird die Auslastung laufend besser. Voll ausgelastet ist sie dort bereits bei den Strukturschaumstoffen, noch etwas schwächer in den Prepregs.

Gurit hat jüngst in China akquiriert.

Hadorn: Im September werden wir mehr dazu sagen können. Für uns ist die Erhöhung unserer Präsenz in China im Bereich der Strukturschaumstoffe ganz entscheidend, weil China noch kein ausgeprägter Prepreg-Markt ist und wir auch Kunden mit der Infusionstechnologie mit Strukturschaumstoff, speziell in gebrauchsfertig zugeschnittener Form, bedienen können.

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Werden weitere Zukäufe folgen?

Hadorn: Wir halten die Augen offen, doch muss ein Zukauf präzise in unsere Strategie passen. Es ist einiges in Bewegung im Markt. Doch wir haben erst vor kurzem den Turnaround geschafft. Wir werden daher eher Schlüsselinvestitionen tätigen, die zu einer Beschleunigung unseres organischen Wachstums führen. Unser Hauptfokus liegt auf diesem Bereich.

Welche Rolle spielen die Währungsveränderungen im Abschluss von Gurit?

Hadorn: Bei uns sind der kanadische und der US-Dollar, der Euro und das Pfund wesentlich. Mit den Dollar-Währungen und dem Euro können wir recht gut leben. Wenn das Pfund steigt, dann steigen auch die Kosten unserer englischen Firma. Währungsveränderungen sichern wir aber teilweise ab.

Die Aktienkursentwicklung von Gurit war im 1. Halbjahr überraschend positiv.

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Hadorn: Die Aktie hat sich vom Tiefststand bei rund 250 Fr. auf 500 Fr. erholt. Sie wird sich bewegen, wenn sich die fundamentalen Faktoren in den Bereichen Windindustrie und Marine verbessern.