Der Euro zeigte in den vergangenen Wochen wieder Muskeln: Gegenüber dem Dollar setzte nach dem Absturz auf 1.1875 Dollar eine fulminante Erholung ein. Bis zum 10. August verteuerte sich der Euro auf 1.3232 Dollar. Gleichentags musste man 1.3920 Fr. pro Euro bezahlen, nach dem historischen Tief von 1.3073 Fr Anfang Juli.

Plötzlich waren die Speku- lationen über einen Zerfall des Euro weggefegt. Im Gegenteil, es tauchten Geschichten über ein boomendes Europa und die deutsche Konjunkturlokomotive auf. Ein Auslöser der neuen «Euro-Phorie» war die Veröffentlichung des Ifo-Index für das Geschäftsklima in Deutschland. Er stieg im Juli auf 106,2 nach 101,8 im Vormonat, es war von «Steigflug» die Rede oder gar von Partylaune in der deutschen Wirtschaft.

Schwache Daten aus den USA

Im Kontrast dazu reihte sich in den USA eine schwache Wirtschaftszahl an die nächste. Im Juli verlor die US-Wirtschaft mehr Stellen als erwartet, der Privatkonsum läuft schleppend und viele Unternehmen melden Umsätze, die unter den Prognosen liegen. «Last but not least» zeigten die am 11. August veröffentlichten Zahlen für die Handelsbilanz eine Abschwächung der Exporte.

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Die US-Notenbank reagierte auf diese Schwächezeichen mit der Ankündigung, sie kaufe US-Staatsanleihen. Damit lagen alle Argumente gegen den Dollar auf dem Tisch: Eine stotternd verlaufende Erholung der Wirtschaft und eine Notenbank, die noch mehr Geld ins System einschiesst die Aussicht auf die Beibehaltung der historisch tiefen Leitzinsen bis zum sprichwörtlichen Sankt-Nimmerleins-Tag war gegeben. Anleger, die auf den Dollar gewettet hatten, mussten eine Schlappe einstecken. Die europäischen Politiker scheinen über die Euro-Skeptiker triumphiert zu haben.

Zinslast wiegt schwer

So einfach sind die Dinge jedoch nicht. Das lässt sich unter anderem an den Renditedifferenzen zwischen Mitgliedern der Euro-Zone zu deutschen Staatsanleihen ablesen. Zehnjährige irische Staatsanleihen rentieren immer noch 3% mehr als die entsprechenden deutschen Papiere. Im Falle von Griechenland beträgt die Renditedifferenz 8,20%, bei Spanien sind es 1,86% und bei Portugal 2,85%. Das sind beachtliche Unterschiede mit langfristig gravierenden Folgen. Die höheren Zinsen belasten die Staatshaushalte dieser Länder entsprechend stärker als beispielsweise denjenigen von Deutschland.

Je länger diese Staaten gezwungen sind, sich zu den höheren Sätzen zu refinanzieren, desto schwerer wiegt die Zinslast. Die Defizite steigen und damit müssen die Regierungen die Sparmassnahmen verschärfen, was den deflationären Druck erhöht. Dieser wiegt umso schwerer, als die Abkühlung der US-Wirtschaft direkte Folgen für die europäische Exportwirtschaft hat. Zudem leiden auch Asiens Volkswirtschaften, wenn die US-Konjunktur ins Stottern gerät. Das hat Rückkoppelungseffekte für die Euro-Zone.

Doppelter Druck auf Europa

Die Euro-Zone sieht sich plötzlich in einer doppelten Zange: Der steigende Spardruck auf die Regierungen schwächt die Binnenkonjunktur und gleichzeitig brechen die Exporte ein. In diesem Falle ist nicht mehr zu sehen, woher ein Wachstums-Impuls kommen soll. Fällt die Erholung der europäischen Wirtschaft in sich zusammen, ist unklar, wie die Staatshaushalte konsolidiert werden sollen.

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Diese wirtschaftlichen Abläufe, die sich zu einer Abwärtsspirale entwickeln können, sind nur eine Seite der Medaille. Die Gefahr sozialer Unruhen kann in der 2. Jahreshälfte in Staaten, die einem besonderen Sparzwang ausgesetzt sind, nicht mehr ausgeschlossen werden. Die grössten Posten sind in allen europäischen Nationen die Sozialtransfers. Werden sie gekürzt und schafft die private Wirtschaft in einer Stagnation oder Rezession keine neuen Arbeitsplätze, nehmen die sozialen Spannungen zu. Zeichnet sich ein solches Szenario ab, gerät der Euro nochmals massiv unter Druck. Kurse unter 1.20 gegenüber dem Dollar oder um 1.15 im Verhältnis zum Franken sind dann möglich. Dann wäre wohl die einzige gangbare Option, um den Euro über Wasser zu halten, eine Triage. Die schwachen Mitglieder werden aus der Euro-Zone ausgeschlossen. Es entstünde eine neue Währung, die wieder mit dem Dollar konkurrieren könnte.

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