2017 blieben die grossen Pharma- und Biotechnologiekonzerne hinter dem Markt zurück. Wie wird 2018?
Michael Sjöström*: Die Gesundheitsbranche konnte 2017 schon das dritte Jahr nicht mit dem Gesamtmarkt mithalten. Für 2018 gibt es zwei Szenarien.  Im ersten Szenario läuft die globale Konjunktur weiter, die Notenbanken steigen vorsichtig auf die Bremse, es kommt zu keinen externen Schocks. In diesem Szenario sind Finanzwerte, Zykliker und kleinere, risikoreichere Biotech oder Medtech-Firmen gefragt. Im zweiten Szenario geht etwas schief. Dort steigen die Zinsen schneller als erwartet. Die Inflation wird zum Thema, es kommt zu externen Schocks. Dann wären die defensiven Werte aus der Gesundheitsbranche, also die grossen Pharma- und Biotech-Werte, wieder gefragt. So ruhig wie 2017 wird 2018 aber definitiv nicht.  In beiden Szenarien werden die Schwankungen steigen.

Die Nachfrage auf dem US-Markt ist für die Pharmabranche entscheidend. Wie sehr lastet Donald Trump auf den Kursen?
Die Unsicherheiten haben sich durch die Wahl Trumps verkleinert. Zwar hat die neue Administration kritisiert, dass US-Konsumenten deutlich mehr bezahlen müssen als andere. Sie will aber auch nichts unternehmen, was innovativen Industrien schaden könnte. Gelöst wird das Problem dadurch, dass man die Zulassung von Generika und damit die Konkurrenz fördert. Zudem liegen die Gründe für die Preisdifferenz zum Rest der Welt vor allem in der Angebotskette, etwa bei Apotheken und Pharma-Benefit-Managern. Das hat auch Trump erkannt. Die Pharmaindustrie wird nicht mehr als Übeltäter gesehen, das ist eine positive Entwicklung.

Wesentlich für die Umsätze in der Pharma- und Biotech-Branche sind die Entscheide der US-Zulassungsbehörde FDA. Wie kulant ist die Behörde unter der neuen Führung?
Die Besetzung des FDA-Chefpostens mit Scott Gottlieb ist ein positives Zeichen. Die bestehende Dynamik läuft weiter. Die FDA ist sehr offen für innovative Produkte, die für seltene Krankheiten oder bisher schlecht behandelbare Krankheiten einsetzbar sind. 2017 gab es 46 Zulassungen, das ist ein neuer Rekord.  Die neuen Medikamente werden 2018 kommerzialisiert und lassen die Kassen klingeln. 2017 wurden einige neue Behandlungskonzepte realisiert. Ein Meilenstein ist die Zulassung der ersten Gentherapie von Spark Therapeutics. Dann auch die CAR-T-Therapien. Die Erfolge zeigen, dass die Projekte, die noch in der Entwicklungsphase stecken, realistische Erfolgschancen haben. Wir werden einen Reigen an Zulassungen sehen.

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Geld konnte man im Gesundheitsbereich immer wieder mit Akquisitionen machen. Wie gross ist die Aktivität?
Seit dem Herbst 2017 gab es mit Kite Pharma (Gilead) und Juno (Celgene) zwei grössere Akquisitionen. Die Käufer waren auch bereit, relativ heftige Prämien zu zahlen. Der Appetit ist sowohl in der Biotech- als auch in der Pharmaindustrie gross. Generell werden Firmen favorisiert, die eine vielversprechende Pipeline haben, aber bereits über zugelassene Produkte verfügen und somit weniger riskant sind.

Warum läuft die Roche-Aktie unabhängig von den jüngsten Todesfällen nicht?
Roche ist eine der Firmen, die durch ihr breites Portfolio an Biologics bisher von der starken Generika-Konkurrenz geschützt war. Die hatten selbst nach dem Ablauf der Patente weniger Konkurrenz.  Jetzt sind Biosimilars im Kommen und stellen für die Umsätze eine Bedrohung dar. In Europa waren Biosimilars schon im Vormarsch, nun will auch die USA den biologischen Nachahmermedikamenten den Marktzugang erleichtern. Eben als Teil der FDA-Strategie, die Kosten für die US-Konsumenten zu senken. Roche und Amgen zählen zu den Titeln, die am stärksten unter dieser Entwicklung gelitten haben.

Wie sieht es mit Novartis aus?
Für Novartis könnte 2018 zu einem Schlüsseljahr werden. Der neue CEO Vas Narasimhan kommt aus der Forschung, das ist in jedem Fall ein positives Zeichen für die Pharmaabteilung. Der Beschluss, sich von Alcon zu trennen, ist eher positiv. Den Worten müssen nun jedoch Taten folgen.

Auf welche Titel würden sie setzen?
Der Nasdaq Biotech Index liegt fast 20 Prozent unter dem Niveau von 2015. Hier gibt es einige Chancen. Generell würde ich auf mittelgrosse Firmen aus dem Biotech- oder Medtech-Bereich setzen. Von zentraler Bedeutung ist die Innovationskraft. Die Innovation hat einen Wert, die sich spätestens in Übernahmen und Partnerschaften materialisiert. Hier liegen Chancen, die sich ganz unabhängig von der Entwicklung der Aktienmärkte ergeben.

*Michael Sjöström ist Co-Gründer, Director und aktueller CIO von Sectoral Asset Management, die auf die Verwaltung globaler Anlageportfolios im Gesundheitssektor spezialisiert sind. Als Experte für Biotechnologie-Investments zählt er zu den führenden Köpfen der Branche.