Warum lange reden, wenn es einfach geht: «Ich habe Glenn angerufen und ihm gesagt, dass wir das schönere Mädchen sind», plauderte Jeff Smisek, Chef der amerikanischen Fluggesellschaft Continental, lässig über den Wendepunkt im Fusionspoker unter den US-Airlines.

Glenn Tilton, Chef von United Airlines, sah es offenbar ähnlich: Er beendete die Gespräche mit der Konkurrenz und einigte sich in weniger als einem Monat mit Smisek auf eine neue spektakuläre Airlines-Fusion: United und Continental vereinen sich - sofern Aktionäre und Kartellbehörden grünes Licht geben - zu der nach Passagieren grössten Fluggesellschaft der Welt. Zuletzt hatten sich in den USA 2008 Delta und Northwest zusammengeschlossen.

Glaubt man Branchenexperten, wird das nicht die letzte Fusion gewesen sein: «Signifikanten strategischen Druck» auf die Konkurrenz sehen die Investmentstrategen von Morgan Stanley. Die Not der US-Airlines ist gross: Allein in den vergangenen beiden Jahren haben sie über 12 Mrd Dollar Verlust eingefahren.

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Die Gründe für die Misere reichen weit zurück: Der Airline-Markt in den USA ist bereits in den 1970er-Jahren, also früher als in Europa, dereguliert worden. Das hat den Wettbewerbsdruck erhöht und die Gewinnmargen gedrückt. Verstärkt worden ist der Trend durch Billigflieger, vor allem durch Southwest. Ausserdem haben viele die margenstarken Interkontinentalstrecken vernachlässigt.

Unter dem Strich sind die grossen Netzwerk-Airlines der USA bis heute aber den Beweis schuldig geblieben, dass sie nachhaltig profitabel sein können.

Fusionen sollen Kosten senken - mehr als 1 Mrd Dollar versprechen sich United und Continental. Ebenso wichtig sind Kapazitätsanpassungen: Weniger Konkurrenz soll höhere Ticketpreise und bessere Auslastung der Maschinen ermöglichen. Mehr Umsteigemöglichkeiten sollen das Angebot für Kunden attraktiver machen.

Swiss als Musterbeispiel

Europas Fluggesellschaften sind finanziell vergleichsweise solide aufgestellt. Vor allem, weil sie frühzeitig auf die gewinnträchtigen Routen über den Atlantik und nach Asien gesetzt haben. Doch auch die Europäer können sich den grundsätzlichen Risiken nicht entziehen. Terroranschläge, Seuchen und Naturphänomene können jederzeit das Geschäft lähmen. Die Aschewolke aus Island hat allein bei der Lufthansa innerhalb einer Woche knapp 200 Mio Euro Schaden angerichtet. Zudem sind die Kerosinpreise neben dem Personal als grösster Kostenblock für das Management nicht kontrollierbar.

Konsequenter noch als die Amerikaner haben Europas Netzwerk-Airlines bislang die Konsolidierung vorangebracht: Treibende Kraft neben der Air France-KLM und den British Airways ist Lufthansa. Die Integration der Schweizer Swiss in den Kranichkonzern gilt als Musterbeispiel: «Die Lufthansa hat Swiss nicht einfach absorbiert, sondern als kulturelle Einheit erhalten. Das hat zum Erfolg der Übernahme beigetragen», lobt Konrad Deiters von der Unternehmensberatung Mercer. Auch die Finanzen stimmen. Im vergangenen Jahr war Swiss im Passagiergeschäft operativ die ertragreichste Airline des Konzerns.

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Aufwärtstrend hat begonnen

Geringe Profitabilität und hohe externe Risiken schrecken viele Investoren ab. Die Vergangenheit zeigt aber, dass die Branche für kurz- und mittelfristig orientierte Anleger Chancen bietet. Der vom Finanzdienst Bloomberg errechnete Branchenindex für US-Airlines brach im Schatten der Finanzkrise um mehr als 80% ein.

Ähnlich drastisch verläuft nun aber der Aufschwung. Seit dem Tief im März 2009 hat sich der Indexstand fast verdreifacht. Morgan Stanley sieht die US-Airline-Industrie erst am Beginn eines neuen Aufwärtszyklus. Indiz sind die sich seit Mitte des vergangenen Jahres erholenden Umsätze. Besonders wichtig: Die Zahl der Geschäftsreisenden, die Tickets der Luxusklasse bevorzugen, steigt wieder. Das sollte sich auch in den Bilanzen niederschlagen.

Analysten erwarten, dass mit Ausnahme der American Airlines alle grossen US-Fluggesellschaften in diesem Jahr in die Gewinnzone zurückkehren. Bis zu 90% Aufwärtspotenzial hat Morgan Stanley bei amerikanischen Airline-Titeln ausgemacht. Wie dem auch sei: Die Zeichen stehen auf Zusammenschluss. In den USA dürfte vor allem der einstige Marktführer American unter Zugzwang stehen.

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Auch Europa bleibt in Bewegung: Auf dem alten Kontinent wird es nicht nur für die kleinen Gesellschaften, sondern auch für die ehemaligen Staats-Airlines im Süden und Osten schwer, ohne starken Partner zu überleben. In ein oder zwei Jahrzehnten wird es gar erste globale Airlines geben.