Den Grossteil seiner Karriere verbrachte Oswald Grübel in den hektischen Handelsräumen der Hochfinanz. Trotzdem ist der UBS-Chef eigentlich kein Draufgänger. Händler auf der Bank übernehmen zwar Risiken, doch sie versuchen immer auch, sie möglichst rasch wieder weiterzugeben. Am Ende des Tages, so heisst es im Jargon der Investmentbanker, soll alles «glattgestellt» sein. Nicht zufällig ging Grübel früher, als er noch bei der Credit Suisse in London im Handel arbeitete, abends jede Position durch, wie sich manche Weggefährten erinnern.

Doch nun soll alles anders sein? Die UBS wolle wieder höhere Risiken fahren, hiess es am letzten Wochenende in der «Welt am Sonntag». Und Grübel himself lamentierte, dass die Risiken der UBS im Vergleich zur Deutschen Bank viel zu niedrig seien.

Fast schon eine Drohung

Eigentlich relativiert sich die ganze Diskussion von selbst, denn Grübel geht es um etwas anderes: Es muss Geld her, und zwar viel. Diese Devise trifft besser auf jenen Menschen zu, der in seinem Berufsleben nur zwei Währungen kennt: Profit und einen hohen Aktienkurs. Seit der UBS-CEO vor einem Jahr am Investor Day in Zürich die Marschrichtung vorgab, grenzt sein Anspruch fast schon an eine Drohung: Um bis im Jahr 2015 einen Vorsteuergewinn von 15 Milliarden Franken zu erzielen, müssen die Volumen wachsen, und zwar um fast jeden Preis. Dazu braucht Grübel möglichst viele Deals und Transaktionen. Nur so wird es möglich sein, jene Ernte aus Profit und Shareholder Value einzufahren. Darum verfolgt die UBS seit geraumer Zeit eine Art M-Budget-Strategie, wie Insider berichten. «Im Allgemeinen sehen wir dieses Verhalten eher bei kleineren Konkurrenten. Allerdings nur vereinzelt bei gewissen, potenziellen Transaktionen - meistens ohne Erfolg», erklärt Marco Illy, Chef Investment Banking Schweiz bei der Credit Suisse.

So manche Branchenkenner sprechen gar von einem Aktionismus, der sich durch praktisch alle Geschäftsfelder der UBS zieht. Vorsichtig ausgedrückt bedeutet dies, dass die grösste Schweizer Bank ihrer Klientel in der Preisgestaltung spürbar entgegenkommt. Sobald es zu einem direkten Kontakt mit einem potenziellen Kunden komme, würden sich manche UBS-Berater sehr kulant zeigen, um Neugeschäft zu akquirieren, erklärt Pierin Vincenz, CEO der Raiffeisengruppe. Konkret: Im Privatkundengeschäft erlässt man der Klientel manche Gebühren und Courtage, oder nimmt bei der Vergabe von Hypotheken tiefere Margen in Kauf. Werner Egli, Gründer der Hypothekenbörse Uster, sieht noch einen weiteren Trend: «Generell stellen wir fest, dass die Bereitschaft besteht, zu hohe Kaufpreise zu finanzieren. Wohl mit den vorgeschriebenen Eigenmitteln von 20 Prozent und einer konservativen Tragbarkeitsrechnung, aber mit einer oft deutlich zu hohen Ausgangsbasis», so Egli. Dies provoziere eine ungesunde Preisentwicklung.

Anzeige

Im Investment Banking fällt auf, dass sich die UBS seit diesem Jahr auch um kleinere Transaktionen bemüht, die sie früher wohlwollend der Konkurrenz überliess. Ein Beispiel dafür ist die kürzliche Kapitalerhöhung des Bau- und Hotelkonzerns Orascom, bei der die UBS - erfolgreich - eine Tranche von gerade einmal 30 Millionen Franken ergatterte.

Sehr aktiv ist die UBS indessen im Geschäft mit institutionellen Anlegern, namentlich mit Pensionskassen, wie mehrere Konkurrenten berichten. Bei der Vergabe von Mandaten für die Verwaltung von Vorsorgegeldern stammen die tiefsten Offerten schon seit einiger Zeit regelmässig von der UBS. In einer Zeit rekordtiefer Zinssätze wissen das die Stiftungsräte zu schätzen.

Bei der UBS will man allerdings von einer Tiefpreis-Strategie nichts wissen. Zumindest räumt Pressesprecherin Dominique Scheiwiller ein: «Im Zuge der sich verändernden Marktbedingungen überprüft die UBS ihre Gebühren regelmässig und passt diese gegebenenfalls weltweit an.»

Die Gründe für diese Vorgehensweise liegen denn auch auf der Hand. In den letzten zwei Jahren ist die grösste Schweizer Bank in fast allen Geschäftsfeldern kaum vorwärtsgekommen. In der Vermögensverwaltung flossen Kundengelder in einem noch nie da gewesenen Ausmass ab, wovon vor allem die Kantonal- und Raiffeisenbanken profitiert haben. Im Investment-Banking büsste die UBS ebenfalls enorme Marktanteile ein, wie Huw van Steenis, Finanzanalyst bei Morgan Stanley, bestätigt.

In der Schweiz war die UBS in letzter Zeit bei verschiedenen wichtigen Aktienemissionen nicht mehr so präsent wie früher, sagt der Leiter einer Investmentbank auf dem Platz Zürich. Und bei den beiden bisher einzigen Börsengängen in diesem Jahr (Orior sowie geplant: Peach Property) blitzte die UBS ab. Auch bei Firmenfinanzierungen oder im Risikomanagement haben andere Players wie die Deutsche Bank, die Zürcher Kantonalbank sowie die Marktführerin Credit Suisse «die Nase vorn», wie Kuno Kennel, Head of Markets Switzerland bei Barclays Capital in Zürich, erklärt. Kennels Arbeitgeber peilt im Schweizer Anleihenmarkt eine führende Rolle an. Zu diesem Zweck rüstet Barclays Capital seit Mitte Jahr personell massiv auf.

Anzeige

Fixlöhne statt Boni

Neugeschäft um jeden Preis, das mag wie eine Flucht nach vorn erscheinen. Letztlich ist es die einzig mögliche Option, eine prosperierende UBS hinzukriegen, die in wenigen Jahren höhere Gewinne denn je erzielen soll. Oder wie es Martin Koch von der Privatbank Wegelin diplomatisch formuliert: «Die hochfliegenden Pläne und Prognosen können mit einem defensiven Geschäftsmodell offensichtlich nicht erreicht werden.»

Die Deals und Transaktionen sind zudem auch die Währung, um all jene Mitarbeiter zu bezahlen, denen die UBS im laufenden Jahr höhere Fixgehälter anstelle von «unsicheren» Boni zugesichert hat. «Nur so konnte sie diese Leute halten», erklärt Peter Thorne, Finanzanalyst bei der Researchfirma Helvea in London. Auf welch dünnem Eis die UBS nach wie vor manövriert, zeigte sich erst kürzlich bei der Publikation der Ergebnisse zum 3. Quartal 2010. Ausgerechnet im Investment Banking, also jenem Geschäftsbereich, den Grübel zum Grundstein fürs rasche Comeback bestimmt hat, erlitt die Bank einen Verlust von mehr als 400 Millionen Franken. Damit stellt sich erneut die Frage, ob es die UBS tatsächlich schafft, den anvisierten «profit» zu erreichen und die «shareholder» zufriedenzustellen.

Anzeige

Erneute Rechenschaft will Oswald Grübel am 16. November ablegen. Dann findet der diesjährige Investor Day der UBS statt, diesmal in London - und zwar in The Honourable Artillery Company. Man darf gespannt sein, mit welch grosskalibrigem Geschütz der UBS-Chef diesmal aufwarten wird.